Pflegeinitiative - «Der Notstand droht nicht, er ist bereits Realität»
Aktualisiert

Pflegeinitiative «Der Notstand droht nicht, er ist bereits Realität»

Schmutzige Betten, schreiende Patienten und lange Wartezeiten – so soll es in Spitälern aussehen. Pfleger kritisieren den Bundesrat: Er bleibe untätig.

von
maz

Wenn die Pflegefachfrau P. T.* aus dem Alltag in Schweizer Spitälern erzählt, tönt es dramatisch. Sie berichtet von Patienten, die in verschmutzten Betten liegen, weil die einzig verfügbare Pflegende gerade einen Notfall verlegen muss, oder von Menschen in Krisensituationen, die mangels Zeit für eine korrekte Therapie mit Medikamenten ruhiggestellt werden müssen. Auf ihrem Blog schlägt P. T., die sich «Madame Malevizia» nennt, Alarm: «Der Pflegenotstand droht nicht, er ist bereits Realität.» Gegenüber 20 Minuten sagt sie: «Es ist die Politik, die die letzten Jahre schlicht geschlafen hat.» Sie präsentiert nicht nur Fälle aus ihrem Alltag, sondern auch aus anderen Institutionen. Sie habe viel Kontakt zu Kollegen in anderen Häusern, sagt sie.

Der Blogeintrag entstand, nachdem Anfang letzter Woche der Schweizerische Berufsverband der Pflegefachpersonen (SBK) «unter Protest» von der Mitarbeit am Massnahmenplan des Bundesrates zur Pflege zurückgetreten ist. Dies, weil der Bundesrat keine finanziellen Mittel für den Massnahmenplan zur Verfügung stellt.

«In Zukunft wird der Bedarf an Pflegedienstleistungen extrem zunehmen»

Die Entscheidung des Bundes findet Nationalrätin und SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi «falsch». «Ohne finanzielle Mittel für die Massnahmen sind das lediglich Lippenbekenntnisse», sagt sie zu 20 Minuten. «Es braucht mehr Fachpersonal», findet sie. Die Belastung für die einzelnen Pflegenden sei zu hoch, da sie vielfach zu viele Patientinnen oder Bewohnende betreuen müssten. Darunter leide auch die Qualität. Zudem fordert sie höhere Ausbildungslöhne und bessere Rahmenbedingungen: «Die Pflegeinstitutionen müssten über Gesamtarbeitsverträge verfügen, um gute Arbeitsbedingungen abzusichern.»

Den Handlungsbedarf belegen Zahlen des SBK. «Seit Jahren wird nicht einmal die Hälfte des Bedarfs an diplomierten Pflegefachleuten ausgebildet. In den letzten vier Jahren gab es insgesamt 14'000 Abschlüsse zu wenig», sagt Manuela Kocher, Vorstandsmitglied des SBK, zu 20 Minuten.

Braucht es eine Initiative?

«Um Projekte umzusetzen, braucht es finanzielle Mittel, das ist überall so. Es bringt nichts, über Massnahmen zum Erhalt des Personals, zur Förderung der Ausbildungszahlen und für bessere Arbeitsbedingungen zu diskutieren, die dann nicht finanziert werden.» In Zukunft werde der Bedarf an Pflege wegen der Alterung der Bevölkerung extrem zunehmen. Bei den 65- bis 79-Jährigen werde der Anteil der Pflegebedürftigen 1,5-mal grösser sein, bei den über 80-Jährigen gar 2,8-mal. Diesen Bedarf müsse man decken.

Nun will der SBK mit der Pflegeinitiative, die vor zwei Jahren zustande gekommen ist, einen Personalmangel in der Pflege verhindern. In der Verfassung soll mit ihr verankert werden, dass Bund und Kantone die Pflege als wichtigen Bestandteil der Gesundheitsversorgung fördern.

Bund bedauert Rückzug des SBK

Für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist das der falsche Weg. Die Initiative sei nicht zielführend, sagt Sprecher Adrien Kay. Dass sich der SBK aus dem Massnahmenplan zurückgezogen habe, bedauere das BAG. «Der Bundesrat anerkennt den Handlungsbedarf in der Pflege», so Kay.

Der Bund habe in der Vergangenheit in seinem Kompetenzbereich denn auch verschiedene Massnahmen ergriffen, etwa den Massnahmenplan Bildung Pflege. Der Bundesrat habe sich mit dem Nationalen Versorgungsbericht über die Gesundheitsberufe 2016 intensiv mit der Situation befasst: «Er kennt die grossen Herausforderungen.»

*Name der Redaktion bekannt.

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