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Bereit für den WandelDer Obama Russlands

Er ist schwarz, jung und kandidiert mit ziemlich wenig Aussicht auf Erfolg gegen erfahrene Konkurrenten: Die Parallelen zu den Anfängen des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA haben Joaquim Crima den Spitznamen «Obama Russlands» eingebracht.

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Karina Ioffee/AP

Utl: 37-Jähriger aus Guinea Bissau tritt bei Regionalwahl an - «Wenn sie Wandel wollen, müssen sie auch für Wandel stimmen»

Der in Guinea Bissau geborene Bauer lässt sich von den unübersehbaren Ressentiments gegen Schwarze in seiner neuen Heimat nicht abschrecken. Bei der Regionalwahl im Oktober tritt er in Srednjaja Achtuba bei Wolgograd als Bezirksrat an.

«Diese Stadt und Russland sind bereit für einen Wandel», sagt Crima und nimmt damit das Schlüsselwort von Obamas Wahlkampf auf. Den US-Präsidenten schätzt er «als Person und als Politiker», er will die Korruption bekämpfen und die Region wirtschaftlich voranbringen. Crima ist überzeugt davon, die Probleme im südrussischen Bezirk Srednjaja Achtuba angehen zu können: Einige Haushalte haben noch immer kein Trinkwasser, auf ungeteerten Strassen traben Ziegen vor sich hin, und wenn es regnet, steht man knöcheltief im Schlamm.

Der derzeitige Bezirksrat sei seit zehn Jahren im Amt, «aber er hat nichts für die Menschen hier gemacht», kritisiert Crima. «Hier gibt es junge Familien, die Wohnungen brauchen.» Studiert hat der 37-Jährige in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Nach dem Abschluss ist er geblieben, hat eine Einheimische geheiratet und die russische Staatsbürgerschaft angenommen. Er bewirtschaftet 20 Hektar Land und gibt dort fast zwei Dutzend Menschen Arbeit.

«Ich werde schuften wie ein Neger»

Chancen hat er trotz seiner Motivation bei der Wahl am 11. Oktober aber so gut wie keine: Ihm fehlen Erfahrung in der Politik und die nötigen Beziehungen. Vor allem aber ist er schwarz in einem Land, in dem afrikanischen Einwanderern in jeder U-Bahn und in jedem Supermarkt Ablehnung entgegenschlagen. Begleitet wird Crima in der Öffentlichkeit daher aus Sicherheitsgründen fast immer von seinem muskelbepackten Schwager.

Dass er seit 20 Jahren in Russland lebt, reicht seinen potenziellen Wählern nicht. «Er ist hier nicht aufgewachsen, er ist kein Kolchosnik», kritisiert Wladimir Katschenko. Crima habe vieles nicht selbst erlebt, und «wenn ich Unterstützung brauche beim Hausbau, kann er mir nicht dabei helfen, die notwendigen Genehmigungen einzuholen». Eine Verkäuferin, die ihren Namen nicht genannt sehen möchte, sagt, sie wolle «nicht in Afrika leben». Eine andere erklärt, sie würde auf keinen Fall für einen Schwarzen stimmen.

Crima selbst nimmt das Thema Hautfarbe mit Humor. «Ich werde schuften wie ein Neger» war auf seinen Wahlplakaten zu lesen - eine Anspielung auf eine russische Redensart. Nach wenigen Tagen waren die Plakate überklebt mit Postern des Kreml-nahen Kandidaten Juri Chrustow. Gegen ihn und vier weitere Konkurrenten tritt Crima als Unabhängiger an.

Unzufriedenheit mit Amtsinhaber

Seine Kandidatur sei Teil einer üblichen Taktik in Russland, sagt Anna Stepnowa von der Zeitung «Delowoje Powolschje»: Die Wähler können dank eines solchen Bewerbers ihren Frust ablassen, ohne die Kandidatur des von der Regierung favorisierten Politikers zu gefährden. Crimas Wahlkampfmanager räumt denn auch ein, dass die Chancen des 37-Jährigen so gut wie nicht existent sind. Der Kreml habe Crima aber einen Sitz im Bezirksrat für das Jahr 2011 zugesagt. «Er wird eine Menge Gutes für die Region tun können», erklärt Wladimir Kritsky. «Er ist ein sehr schlauer Kerl, er spricht fünf Sprachen... Das ist ein Experiment, das der Kreml interessiert unterstützen wird.»

Der derzeitige Amtsinhaber tritt nicht zur Wiederwahl an, und selbst wenn, hätte er wohl ähnlich geringe Chancen wie Crima: Die Unzufriedenheit mit seiner Amtsführung ist gross, Einwohnern zufolge hat er eine Menge Land an Fremde verkauft und sich selbst eine Villa und ein Flugzeug gegönnt. Viele sehen aber auch keinen Grund, sich an einer Wahl zu beteiligen, deren Ergebnis ihrer Meinung nach schon feststeht. «Ich habe die Hoffnung in unser System und unsere Leute verloren», sagt Taisja Kirilowa. «Er (Crima) kann zwar Dinge ändern wollen, aber allein kann er gar nichts schaffen.»

Der «Obama Russlands» lässt sich davon nicht beeindrucken. «Wenn die Einwohner einen Wandel wollen, müssen sie auch für Wandel stimmen», sagt er. «Ausserdem überrasche ich die Leute gern.»

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