Aktualisiert 13.02.2009 15:02

«Time-out» mit Klaus ZauggDer Obama unseres Eishockeys?

Nicht wie erwartet Renato Eugster, sondern Denner-General Philippe Gaydoul wird der neue Boss des Schweizer Eishockeys. Ein Obama des Eishockeys oder ein Ruinierer?

von
Klaus Zaugg

Gerne hätte der noch amtierende Verbandspräsident Fredy Egli seinen Freund und Vize Renato Eugster als Nachfolger gesehen. Das hat die Nationalliga erfolgreich verhindert und einen eigenen Kandidaten durchgesetzt: Denner-Chef Philippe Gaydoul (37). Die Absicht der Klubs ist klar: Sie erhoffen sich mit Gaydoul mehr Geld aus der mit TV- und Werbeeinahmen gut gefüllten Verbandskasse und generell mehr Einfluss im Verband.

Balance zwischen Sport und Wirtschaft

Geht die Rechnung auf, ist es der Ruin unseres Hockeys. Eine funktionierende Eishockeykultur braucht auf Verbandsebene eine gute Balance zwischen sportlichen und wirtschaftlichen Interessen. Wird die Liga zu mächtig (wie zeitweise in Deutschland), dann kann die Nationalmannschaft um Jahre zurückgeworfen werden. Es ist wichtig, dass der Verband genügend Geld hat, um seinen Aufgaben nachkommen zu können: Unter anderem Förderung der Juniorennationalteams, Sicherung der Ausbildungsqualität, Pflege der internationalen Sportpolitik, Ausbildung der Schiedsrichter. Mehr Geld für die Klubs aus der Verbandskasse führt hingegen nicht zu besserer Qualität. Sondern lediglich zu höheren Spielerlöhnen.

Chance und Gefahr

Mit Gaydoul wird unser Verband (der voraussichtlich in eine AG umgewandelt wird) zum ersten Mal in der Geschichte (seit 1908) durch einen Quereinsteiger ohne Eishockey-Stallgeruch geführt. Das ist eine riesige Chance und eine grosse Gefahr.

Die Chance liegt darin, dass er, ähnlich wie Barack Obama in der Politik, mit einem «Yes, we can!» veraltete Strukturen aufbricht, neue Dynamik entfacht und unser Eishockey international noch einmal einen Schritt weiter bis in die WM-Medaillenränge bringt. Diese Chance schätze ich als sehr gross ein. Gaydoul akzeptiert das Wort «unmöglich!» nicht. Damit gemahnt er stark an Dr. René Fasel. Als er vor etwas mehr als 23 Jahren Vorsitzender unseres Verbandes wurde, war die Schweiz sportlich auf internationalem Niveau ein Eishockey-Entwicklungsland. Als Fasel forderte, das Ziel müsse ein Sieg über die Russen sein, wurde er als Spinner abqualifiziert. Doch genau mit dieser Forderung leitete er die Entwicklung ein, die uns die ersten Siege über die Russen und die Rückkehr in die Weltspitze ermöglicht hat. Heute ist Fasel als Präsident des Internationalen Verbandes und Mitglied des IOC einer der mächtigsten Sportfunktionäre der Welt.

Gaydoul denkt ähnlich wie Fasel und hat schon mal im kleinen Kreis die Forderung deponiert, eine Schweizer Mannschaft müsse dazu in der Lage sein, ein NHL-Team herauszufordern. Und erklärt, er akzeptiere das Wort «unmöglich!» nicht. Gaydoul wird bei seinem Amtsantritt am 1. Juli nur zwei Jahre älter sein als einst Fasel bei der Übernahme unseres Verbandspräsidiums.

Neuer Verbandsboss ein Quereinsteiger

Aber anders als Fasel, der als Schiedsrichter die ganz besonderen, ungeschriebenen Gesetze und Verhaltensregeln des Eishockeys und der Sportpolitik von Grund auf kennt, ist unser neuer Verbandsboss ein Quereinsteiger. Er wird mehr Lehrgeld zahlen müssen als Fasel.

Die Liga-Generäle erhoffen sich vom neuen Präsidenten die Erschliessung neuer Geldquellen und damit mehr Kohle. Aber Gaydoul hat die riesige Chance, mehr als bloss ein «Chole-Philippe» zu werden. Er kann als Erneuerer, als «Hockey-Obama» in die Verbandsgeschichte eingehen und unser Eishockey international weiterbringen. Aber dann muss er sich rechtzeitig im Wesen und Wirken von den Männern emanzipieren, die ihn zum Einstieg ins Eishockey-Geschäft überredet haben. Und so schnell wie möglich Eishockey nicht nur als Geschäft, sondern auch als Leistungssport und Kultur verstehen lernen.

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