Favoriten am Unspunnen: Der «Obelix-Effekt» spricht für die Berner
Aktualisiert

Favoriten am UnspunnenDer «Obelix-Effekt» spricht für die Berner

Schwingerkönig Kilian Wenger ist nicht unbesiegbar. Aber der «Obelix-Effekt» wird für die Gegner der Berner beim Unspunnen-Fest zum Problem. Fällt schon im ersten Gang eine Vorentscheidung?

von
Klaus Zaugg

Der erste Gang ist bei einem Schwingfest in der Regel so wenig entscheidend wie die erste Runde in einem Formel 1-Rennen oder das Eröffnungsspiel einer Fussball-WM.

Beim Unspunnen-Fest ist es anders: Erstens geht dieses Fest nicht wie das Eidgenössische über acht, sondern nur über sechs Gänge. Beim Eidgenössischen lässt sich ein Fehlstart leicht korrigieren. Dr. Ernst Schläpfer kommt 1983 in Langenthal beim Eidgenössischen in den zwei ersten Gängen gegen Johann Santschi und Ernest Schlaefli nicht über «Gestellte» (Unentschieden) hinaus und wird trotzdem König. Bei bloss sechs Gängen ist eine solche Aufholjagd nicht möglich.

Es gibt zwar auch bei einem über sechs Gänge laufenden Schwingfest erfolgreiche Aufholjagden. Kilian Wenger verliert diese Saison beim Berner Kantonalen den ersten Gang gegen Stefan Burkhalter und triumphiert trotzdem: Er gewinnt die restlichen fünf Gänge allesamt mit der Maximalnote 10.

Aber Unspunnen ist eben ein Fest mit Eidgenössischem Charakter: Das Teilnehmerfeld ist mit den «Bösen» aus dem ganzen Land viel hochkarätiger besetzt als ein Berner Kantonalfest und die Maximalnote 10 ist viel seltener.

Kein Ausrutscher erlaubt

Wie entscheidend beim Unspunnen-Fest ein Viertelpunkt sein kann, zeigt sich etwa 1999: Nachdem Silvio Rüfenacht die Könige Jörg Abderhalden und Arnold Forrer gebodigt hat, kommt er in einem auf Biegen und Brechen geführten Kampf gegen Urs Bürgler nicht über einen «Gestellten» mit der Wertung von 8,75 Punkten hinaus. Ein Viertelpunkt wird Rüfenacht nach dem gestellten Schlussgang mit Christian Vogel zum Festsieg fehlen. Als lachender Dritter erbt Jörg Abderhalden den Sieg.

Wenn wir diese besonderen Umstände kennen, wird klar, wie wichtig beim Unspunnen-Fest jeder einzelne Viertelpunkt ist. Deshalb kann bereits im ersten Gang eine Vorentscheidung fallen, wenn die Könige von 2001 (Arnold Forrer) und 2011 (Kilian Wenger) zum Kampf der Titanen antreten: Kommt es zu einem «Gestellten» mit tiefer Bewertung (8,75 Punkte sind möglich, wenn die Kämpfer zu wenig riskieren), dann schaffen Kilian Wenger und Nöldi Forrer unter Umständen den Schlussgang nicht mehr – und der Weg wird frei für einen anderen «Bösen». Noch kein amtierender König hat in Unspunnen über den Schlussgang das Fest gewonnen.

Mehrere Berner Siegesanwärter

König Kilian Wenger ist zwar «zwäg» (bereit). Die Rippenverletzung, die er vor zehn Tagen im Training noch spürte, ist verheilt. Wenn wir jedoch nur die Resultate seit seiner Thronbesteigung berücksichtigen, dann ist er nicht der grosse Favorit für Unspunnen. Sondern «nur» einer von mehreren Siegesanwärtern und der Ausgang des ersten Ganges gegen Nöldi Forrer ist ungewiss.

Aber der König ist nur einer von mehreren Bernern, die am Sonntag triumphieren können. Unspunnen ist eben ein Fest mit «eidgenössischem Charakter.» Das verändert die Ausgangslage: Wie bei einem Eidgenössischen treten die «Bösen» aus allen fünf Teilverbänden (Nordostschweiz, Nordwestschweiz, Südwestschweiz, Innerschweiz, Bern) an. Das bedeutet, dass im Wettkampf so lange wie möglich nicht Schwinger eines gleichen Teilverbandes gegeneinander ins Sägemehl geschickt werden. Berner treten also erst gegen Berner an, wenn es aus den anderen Teilverbänden keine gleichwertigen Gegner mehr gibt.

Diese Ausgangslage bringt den «Obelix-Effekt» ins Spiel: Mit Asterix wären die Römer wahrscheinlich fertig geworden. Aber der hatte auch noch Obelix als Helfer. Das machte die Gallier so stark wie die Berner am Unspunnen.

Die Coolness des Königs

Kilian Wenger hat in seiner ersten Saison als König lediglich ein wichtiges Fest gewonnen: Das Kantonalfest der Berner. Ungeschoren ist er bei keinem der sieben Feste davongekommen, die er als König bestritten hat. Siebenmal musste er einen «Gestellten» hinnehmen und viermal hat er verloren: Gegen Andreas Ulrich beim Oberaargauischen, gegen Stefan Burkhalter beim Kantonalen und zweimal gegen Matthias Sempach (auf der Engstlenalp und am Oberländischen).

Und damit sind wir erneut beim «Obelix-Effekt»: Matthias Sempach ist auch ein Berner. Also am Unspunnen-Fest nicht ein Gegner, sondern ein Verbündeter von Kilian Wenger. Gegen seinen «Angstgegner», den er an einem Fest noch nie besiegt hat, muss der König am Unspunnen frühestens im Schlussgang antreten. Mehr noch, die Berner haben neben Kilian Wenger und Matthias Sempach mit Christian Stucki noch einen dritten Anwärter auf den Sieg.

Es ist ein unheimliches Trio. König Kilian Wenger ist der coolste: Er hat gerade beim Eidgenössischen gezeigt, dass er mental unerhört belastbar ist. Damit kompensiert er seine einzige Schwäche: Er ist ein Offensivschwinger, der die Entscheidung im Angriff in einem Zug mit Angriffsschwüngen aus dem Stand heraus sucht. Gelingt es einem Gegner, den wuchtigen Zügen standzuhalten, so ist Wenger noch nicht dazu in der Lage, die «Bösen» zu Boden zu sprengen und dann mit Bodenarbeit auf den Rücken zu zwingen. Er ist also noch nicht so komplett wie sein Vorgänger Jörg Abderhalden. Wenger sagt, er habe im Laufe des Winters seine Bodenarbeit verbessert, aber diese Fortschritte im Wettkampf noch nicht umsetzen können.

Sieg führt über «böses» Berner Trio

Matthias Sempach ist schwingtechnisch eher noch besser als Kilian Wenger und hat eigentlich alles, um ein König oder ein Unspunnen-Sieger zu sein. Aber er ist zu wenig cool. Bis heute war er bei Festen mit eidgenössischem Charakter mental zerbrechlich wie eine billige Uhr. Sempach gemahnt in dieser Beziehung an den legendären Emmentaler Walter Blatter.

Christian Stucki hat 25 Kilo abgenommen und ist mit einem Wettkampfgewicht von rund 130 Kilo immer noch der schwerste «Böse» im Land. Inzwischen ist es zwar für seine Gegner möglich, ihn von den Füssen zu reissen und aufzuheben – aber zugleich hat der Bär an Beweglichkeit zugelegt.

So viel Respekt wir auch den Mitfavoriten (wie Martin Grab, Arnold Forrer, Bruno Gisler oder Christian Schuler) zollen – der Weg zum Sieg führt über das Trio Kilian Wenger, Matthias Sempach, Christian Stucki.

Notengebung im Schwingen

10.00 Punkte (Maximalnote): Sieg und Plattwurf. Der Gegner wird in einem Zug direkt auf den Rücken geworfen.

9.75 Punkte: Sieg mit Überdrücken. Der Gegner wird am Boden endgültig auf den Rücken «gedrückt».

9.00 Punkte: Gestellt (unentschieden) bei attraktivem Kampf. Wenn beide Schwinger die Entscheidung aktiv gesucht haben.

8.75 Punkte: Gestellt (unentschieden) bei unattraktivem Kampf. Wenn sich beide Schwinger passiv erhalten haben.

8.75 Punkte: Verloren aber stark gekämpft und viel riskiert.

8.50 Punkte (Minimalnote): Verloren ohne guten Angriff oder Chance. Der Schwinger ist gleich beim ersten Anlauf platt auf den Rücken geworfen worden.

Die Punktewertung obliegt den drei Kampfrichtern: Dem Platzkampfrichter und den beiden am Tisch sitzenden Kampfrichtern.

Der 1. Gang am Unspunnen:

Kilian Wenger (BE) – Arnold Forrer (NOS)

Christian Stucki (BE) – Benji von Ah (IS)

Martin Grab (IS) – Bruno Gisler (NWS)

Matthias Sempach (BE) – Benno Studer (IS)

Matthias Glarner (BE) – Christian Schuler (IS)

Simon Anderegg (BE) – Stefan Burkhalter (NWS)

Michael Bless (NOS) – Ady Laimbacher (IS)

Daniel Bösch (NOS) – Peter Imfeld (IS)

Andy Imhof (IS) – Stefan Zbinden (SWS)

Edi Philipp (NOS) – Thomas Sempach (BE)

Beat Clopath (NOS) – Andreas Ulrich (IS)

Florian Gnägi (BE) – Jakob Roth (NOS)

Willy Graber (BE) – Mario Thürig (NWS)

Urban Götte (NOS) – Thomas Zaugg (BE)

Andy Büsser (NOS) – Bruno Müller (IS)

BE = Berner

IS = Innerschweizer

NOS = Nordostschweizer

NWS = Nordwestschweizer

SWS = Südwestschweizer

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