Aktualisiert 10.11.2019 10:59

Der Oldtimer, der nicht altern will

Im neuen Retro-Roadster Plus Six verbaut Morgen erstmals einen Turbomotor und die erste Automatik in der Geschichte der Briten.

von
Thomas Geiger
10.11.2019
Ein langer Bug mit Schmetterlingshaube, freistehende Scheinwerfer, Kotflügel über die gesamte Flanke und eine tief ausgeschnittene Kabine mit Steckscheiben machen den Morgan Plus Six zum Barockengel im Roadster-Himmel.

Ein langer Bug mit Schmetterlingshaube, freistehende Scheinwerfer, Kotflügel über die gesamte Flanke und eine tief ausgeschnittene Kabine mit Steckscheiben machen den Morgan Plus Six zum Barockengel im Roadster-Himmel.

Thomas Geiger/Morgan
Der Plus Six ist zwar der erste frische Morgan seit Jahrzehnten. Doch er sieht aus wie immer.

Der Plus Six ist zwar der erste frische Morgan seit Jahrzehnten. Doch er sieht aus wie immer.

Thomas Geiger/Morgan
Dieser Plus Six sieht zwar genauso aus wie jeder Morgan seit den 1930er-Jahren, als in Malvern Link die ersten Autos mit vier statt drei Rädern gebaut wurden.

Dieser Plus Six sieht zwar genauso aus wie jeder Morgan seit den 1930er-Jahren, als in Malvern Link die ersten Autos mit vier statt drei Rädern gebaut wurden.

Thomas Geiger/Morgan

Von wegen Zeitgeist: Der Plus Six ist zwar der erste frische Morgan seit Jahrzehnten. Doch er sieht aus wie immer. Und auch ein neuer BMW-Motor und die erste Automatik in der Geschichte des britischen Herstellers machen aus dem Roadster kein modernes Auto. Und das ist gut so. Denn wer mindestens 111'800 Franken für einen Morgan ausgibt, der erwartet nicht nur einen offenen Sportwagen, der leidenschaftlich und lustvoll ist und einen durch den Raum bewegt, sondern der will auch durch die Zeit reisen. Und zwar ohne digitale Hilfe.

Das beginnt schon bei der Produktion. Denn es dröhnen dumpfe Hammerschläge aus der flachen Backsteinhalle, der Boden ist übersät mit Hobelspänen, statt Schweissrobotern und Fliessbändern gibt es Drehbänke und Nähmaschinen. Und wo es sonst nach Öl und Benzin riecht, steigt einem hier der Geruch von Holzleim und Leder in die Nase: Wer zum ersten Mal Morgans heilige Hallen in Malvern Link betritt, der mag nicht glauben, dass wir das Jahr 2019 schreiben und in der Pickersleigh Road Autos für das Hier und Heute gebaut werden.

Seit vielen Dekaden wieder ein komplett neues Auto

Aber der Eindruck täuscht, und zwar gewaltig! Zwar sieht es bei Morgan aus wie in einem Freilichtmuseum des Automobilbaus, doch die Zeit ist nicht stehen geblieben. Im Gegenteil, sie hat in diesem Jahr sogar einen gewaltigen Sprung gemacht. Denn zum ersten Mal seit vielen Dekaden haben die Briten wieder ein komplett neues Auto entwickelt. Dieser Plus Six sieht zwar genauso aus wie jeder Morgan seit den 1930er-Jahren, als in Malvern Link die ersten Autos mit vier statt drei Rädern gebaut wurden.

Ein langer Bug mit Schmetterlingshaube, freistehende Scheinwerfer, Kotflügel über die gesamte Flanke, eine tief ausgeschnittene Kabine mit Steckscheiben und einem filigranen Zeltdach sowie ein kurzes Heck machen ihn zum Barockengel im Roadster-Himmel. Und nach wie vor wird die Karosserie aus Aluminium von Hand über einen hölzernen Rahmen gedengelt. Doch mit einem neuen Antrieb und einem neuen Getriebe, einer neuen Plattform mit geräumigerem Package und einem neuen Cockpit mit halbwegs moderner Ausstattung nehmen die Briten nach 110 Jahren jetzt Kurs in Richtung Zukunft.

Erstmals seit 110 Jahren fehlt das manuelle Getriebe

Hilfe kommt dabei vom neuen italienischen Miteigentümer Investindustrial, der auch mal an Ducati beteiligt war und viel Geld in Aston Martin gesteckt hat, sowie von BMW. Die Münchner schicken nun ihren aktuellsten Sechszylinder samt der famosen ZF-Achtgang-Automatik nach Grossbritannien. Damit sinkt zwar der CO2-Ausstoss auf 180 Gramm pro Kilometer, aber dafür zwingt er die Morgan-Gemeinde gleich zu zwei Neuerungen, deren Tragweite für die konservative Kundschaft ähnlich gross ist wie das vierte Rad am Wagen: Zum ersten Mal in der Morgan-Geschichte steckt unter der Haube ein Turbomotor, und zum ersten Mal seit 110 Jahren gibt es kein manuelles Getriebe mehr.

Im Grunde ist der Plus Six damit ein Vetter des neuen BMW Z4. Doch während der sich mit der Rückkehr zum Stoffdach bemüht, die gute alte Roadster-Zeit wieder aufleben zu lassen und jede Menge elektrische Finessen braucht, damit der Funken der Fahrfreude überspringt, ist der Plus Six ein wunderbar analoges und archaisches Auto, das niemanden kalt lässt.

Entweder hasst man den fabrikneuen Oldtimer und fragt sich, weshalb man so viel Geld für einen zugigen Zweisitzer ausgeben soll, der einen bei jedem Öffnen ein paar Fingernägel kostet, der nicht einmal Airbags hat und sogar die Zentralverriegelung oder die automatischen Scheinwerfer als Errungenschaft feiert. Oder man liebt ihn, weil es kaum mehr ein anderes Auto gibt, das so pur und authentisch ist und in dem man sich der Strasse so nahe fühlt.

Das Fahrgefühl ist vollkommen unverfälscht

Turbo hin, Automatik her – sobald der Morgan Fahrt aufnimmt, ist Schluss mit der Prinzipienreiterei, und man kann einfach nur geniessen: Wenn 340 PS und bis zu 500 Nm auf gerade mal 1075 Kilo treffen, dann fühlt man sich eher wie in einem Supersportwagen als einem Retro-Roadster. Wenn für den Sprint von 0 auf 100 nur 4,2 Sekunden vergehen, kann man selbst auf den schmalen Strässchen rund um Malvern Link spielend überholen.

Und wenn schon jenseits von 70, 80 Stundenkilometern der Fahrtwind mit Orkanstärke durch die kleine Kabine streicht, dann wirken die maximal 267 Sachen so beängstigend wie Schallgeschwindigkeit, und man traut sich kaum mehr, das Gaspedal zu traktieren.

Dabei ist der Plus Six genau dafür gemacht. Von keinerlei Elektronik verfälscht und mit einem Fahrwerk gesegnet, das einem zwar nicht mehr die Knochen aus dem Leib schüttelt, aber trotzdem wie eh und je jede noch so kleine Unebenheit der Strasse unmittelbar an das Steissbein meldet, fährt man diesen Roadster allein um den Fahrens willen.

Mit dem Allerwertesten fast auf dem Asphalt, sitzt man in einem extrem schlanken und schmalen Einbau aus Aluminium, geniesst eine perfekte Übersicht, platziert ihn millimetergenau in den Scheitelpunkt der Kurven, lässt sich mit einem dezenten Heckschwung wieder heraustragen und jagt so schnell durch Cornwall und die Cotswolds, als hätte jemand bei Rosamunde Pilcher auf Fast Forward gedrückt.

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