Aktualisiert 26.10.2010 12:51

Nahostkonflikt

Der Olivenkrieg in der Westbank

Alljährlich versuchen israelische Siedler, die palästinensische Olivenernte im Westjordanland zu behindern. Dabei geht es weder um Früchte noch um Geld, sondern um Land.

von
kri
Am 1. August 2010 gerieten Palästinenser und israelische Siedler anlässlich des 45. Jahrestags der Gründung der Fatah-Bewegung aneinander. Palästinenser hatten in der Nähe der Siedlung Givat Harsina Olivenbäume gepflanzt.

Am 1. August 2010 gerieten Palästinenser und israelische Siedler anlässlich des 45. Jahrestags der Gründung der Fatah-Bewegung aneinander. Palästinenser hatten in der Nähe der Siedlung Givat Harsina Olivenbäume gepflanzt.

Es ist Erntezeit im Westjordanland. Alle Jahre wieder versuchen israelische Siedler die Olivenernte der Palästinenser zu behindern. Sie entwurzeln oder verbrennen die Olivenbäume und stehlen ihre Früchte. Doch etwas ist anders dieses Jahr: Die Palästinenser haben die Anzahl neu gepflanzter Olivenbäume verdoppelt, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet.

Der Olivenbaum gilt im Westjordanland als Symbol für die Verbundenheit der Palästinenser mit ihrer Heimat. Das Gefühl wird durch die Störmanöver der israelischen Siedler zusätzlich verstärkt. Landverbundenheit ist bekanntlich ein heikles Thema in den besetzten Gebieten, denn wem hier welches Land gehört, ist völkerrechtlich umstritten. Der einzige Weg, seinen Ansprüchen Geltung zu verschaffen, ist das Land zu bewirtschaften. Die Pflanzung von neuen Olivenbäumen wird vor diesem Hintergrund zum Politikum.

Beide Seiten wollen Realitäten schaffen

«Wir pflanzen an, damit sie nicht herkommen und uns das Land wegnehmen», sagt der palästinensische Bauer Ghassan Seif auf seinem Land in der Nähe des Dorfs Burka und zeigt auf die ultra-orthodoxen israelischen Siedler, die sich gleich nebenan niedergelassen haben. Einer von ihnen, Erez Ben-Saadon, ist von den exakt selben Motiven getrieben wie sein palästinensischer Nachbar. «Bevor die Araber das Land übernehmen, bewirtschaften wir es.» Er wurde von israelischen Siedlern angestellt, das Brachland rund um ihre Gemeinde urbar zu machen.

Der Wettstreit ist Teil des langjährigen Konflikts um das Westjordanland, das Israel im Sechstagekrieg 1967 besetzte. Die USA versuchen derzeit die Friedensverhandlungen wieder zu beleben, die in einen unabhängigen palästinensischen Staat innerhalb des Westjordanlands (und des Gazastreifens) münden sollen. Doch weder Palästinenser noch israelische Siedler sind geneigt, in der Zwischenzeit untätig zu bleiben.

300 000 neue Bäume jährlich

Die israelische Armee kann Agrarland beschlagnahmen, das drei bis zehn Jahre brachgelegen hat. Laut der israelischen Friedensorganisation Peace Now hat sie seit den 80er-Jahren auf diese Weise knapp 100 000 Hektaren Land beschlagnahmt und für den Bau von Siedlungen freigegeben. Laut Nabil Saleh vom palästinensischen Agrarministerium haben die Palästinenser aus diesem Grund in den vergangenen drei Jahren jährlich rund 200 000 Olivenbaumsetzlinge gepflanzt, mehr als doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. Die palästinensische Autonomiebehörde subventioniert die Setzlinge mit dem Ziel, die Zahl auf 300 000 zu erhöhen. Der Fokus liegt laut dem palästinensischen Unterhändler Nabil Shaath auf den Brachgebieten rund um die israelischen Siedlungen, wo der Konflikt am heftigsten ausgetragen wird.

Oliven sind die bevorzugte Feldfrucht der Palästinenser und das nicht nur aus sentimentalen oder politischen Gründen. Sie wachsen mühelos und benötigen nur wenig Pflege. Das bedeutet, dass Bauern sich nicht lange in den Hainen in der Nähe von Siedlungen aufzuhalten brauchen, wo sie oft angegriffen werden. Die Bäume überleben dank des Winterregens, der Hauptwasserquelle in einer sonst dürregeplagten Region. Olivenöl ist eine wichtige Einnahmequelle und erzielt auf dem lokalen Markt um die 7 US-Dollar pro Liter. Für die rund 70 000 Familien, die die 10 Millionen palästinensischen Olivenbäume bewirtschaften, sind sie Lebensunterhalt und Grundnahrungsmittel zugleich.

«Unsere Besitzurkunde ist die Bibel»

Die israelischen Siedler wollen diesem Treiben nicht tatenlos zusehen. Laut Jehuda Schimon, einem ihrer Rechtsberater, sind dieses Jahr etwa 20 000 neue Setzlinge gepflanzt worden, verglichen mit einigen wenigen tausend vergangenes Jahr. Inzwischen bewirtschaften sie rund 100 000 Bäume. Für jüdische Bauern hat das ganze auch eine religiöse Komponente. Sie beziehen sich auf Verse in der Bibel, die zur Nutzung des Lands ermutigen.

Menschenrechtsgruppen haben während der diesjährigen Ernte über 40 Übergriffe auf palästinensische Olivenbäume dokumentiert. Gemessen an der Gesamtzahl von 10 Millionen ist das zwar nicht viel, aber die Angriffe ereignen sich meistens im Umkreis der Siedlungen, um die dort lebenden Palästinenser einzuschüchtern. Das wiederum ermöglicht eine spätere Landnahme und Vergrösserung der Siedlung. Die Siedler verurteilen den Vandalismus offiziell und geben einer kleinen Minderheit jugendlicher Hitzköpfe die Schuld. Inzwischen werden auch sie Opfer von Racheakten. Ein Siedler gab an, ihm werde jedes Jahr etwa ein Fünftel seiner Ernte gestohlen.

Vergangene Woche konfrontierte Rabbi Arik Ascherman von der Organisation «Rabbis für Menschenrechte» den Siedler Ben-Saadon und beschuldigte ihn, palästinensisches Land zu bewirtschaften. Dieser entgegnete, er habe das Land von der israelischen Armee zugesprochen bekommen. Papiere habe und brauche er keine. «Unsere Besitzurkunde ist die Bibel», sagte er.

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