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SelbstversuchDer Olympia-Fechter liess mir keinen Stich

Die Schweiz ist mittlerweile auch eine Fechtnation. Doch wie fühlt es sich an, mit der Waffe in der Hand auf der Planche zu stehen? Ein Selbstversuch.

von
Kai Müller
Rio
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Der Start zum Fecht-Probetraining in Rio: Ein paar Runden um die Planches zum Aufwärmen.

Der Start zum Fecht-Probetraining in Rio: Ein paar Runden um die Planches zum Aufwärmen.

Augusto Bizzi/FIE
Es folgt eine kurze Einführung. Eine einheimische Trainerin erklärt die Unterschiede der drei Fechtwaffen Degen, Florett und Säbel sowie die Grundstellung.

Es folgt eine kurze Einführung. Eine einheimische Trainerin erklärt die Unterschiede der drei Fechtwaffen Degen, Florett und Säbel sowie die Grundstellung.

Augusto Bizzi/FIE
In der Praxis sieht das dann so aus. Zumindest ungefähr.

In der Praxis sieht das dann so aus. Zumindest ungefähr.

Augusto Bizzi/FIE

Und dann geht die Maske herunter. Der Kampfrichter ruft: «En garde! – Prêts? – Allez!» Nun gibts kein Zurück mehr, kein Entfliehen vor dem Duell Mann gegen Mann, Degen gegen Degen. Ich nähere mich in kleinen Schritten dem Kontrahenten, bereit zum Angriff, gefasst auf einen Angriff. Die Anspannung erreicht ihren Höhepunkt.

Fechten hat eine lange olympische Tradition als eine von nur vier Sportarten, die seit den ersten Sommerspielen der Moderne 1896 immer im Programm standen. Die Schweiz gewann bisher acht Medaillen. Auch in Rio starten die Schweizer mit Ambitionen, die Degenspezialisten peilen Team-Gold an, dazu solls Edelmetall im Einzel geben. Die Schweiz ist zur Fechtnation geworden. Aber wenn wir schon mit den Heinzers und Kauters mitfiebern: Wie ist es eigentlich, selbst auf der Planche zu stehen? Gut, lädt der Weltverband zwei Tage vor der Eröffnungsfeier in Rio zum Probetraining.

Der Traum vom heinzerschen Sprungangriff

Ein Dutzend Journalisten aus aller Welt sind gekommen, um sich in der Aufwärmhalle neben der Carioca Arena 3, wo ab Samstag die Fecht-Wettbewerbe stattfinden, mit der Sportart vertraut zu machen. Einheimische Coaches sollen dabei helfen. Per Schnellbleiche zum Musketier quasi.

Nach einer Vorstellungsrunde jagen uns die Trainer ein paarmal um die acht Planches herum, ehe eine kurze Einführung folgt. Sie erklären die Unterschiede zwischen Degen, Säbel und Florett, gehen dann über zur Grundstellung. Also: Die Füsse stehen zunächst Ferse an Ferse im 90-Grad-Winkel zueinander, für mich als Rechtshänder gilt: Das rechte ist das sogenannte Ausfallbein und eineinhalb Fusslängen vor dem linken platziert. Die Knie sind gebeugt, der Oberkörper bleibt aufrecht, das Gewicht wird gleichmässig verteilt. Dazu: Waffenarm angewinkelt, Unterarm fast parallel zum Boden, Ellbogen frei hängend, die Handfläche nach oben. Der waffenfreie Arm dient der Stabilisierung des Körpers und zeigt nach hinten oben. Verstanden? Verstanden!

Wir machen einige Trockenübungen auf der Piste, ein paar Schritte nach vorne und wieder zurück. Je länger, desto klarer wird mir, dass allein die Beinarbeit eine technische Herausforderung darstellt. Und die Muskeln stark beansprucht. Still verfluche ich den letzten Caipirinha vom Vorabend. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich trotzdem bereits einen spektakulären Sprungangriff à la Heinzer ausführen. Träumen ist ja erlaubt.

Der Moment der Wahrheit

Zum Glück findet sich ein übereifriger Mitstreiter, der den Anfang machen will, als es ernst wird. Ich bin ihm ziemlich dankbar, schliesslich setzt sich die Vorhut einem ungleich höheren Blamage-Risiko aus. Lieber zuerst mal beobachten, lautet meine Devise. Es naht jedoch auch für mich der Moment, in die Montur zu steigen. Jacke, Hose, dazu Handschuh und Maske, Degen in die Hand, fertig. Fühle mich schon fast wie D'Artagnan, der berühmte Freund der drei Musketiere.

Ich betrete die Planche, gegenüber steht mir ein junger Mann, auf dessen Jacke ich vorher eben noch USA lesen konnte. Ich gehe davon aus, dass er dem amerikanischen Olympia-Team angehört; ich habe ihn ja zuvor schon meine Vorkämpfer lächerlich machen sehen. Er gibt mir Hand, stellt sich als «Race» vor.

Dann geht die Maske herunter. Der Puls steigt, ich höre den Kampfrichter rufen: «En garde! – Prêts? – Allez!» Zack, schon bin ich ein erstes Mal getroffen. Nach wenigen Sekunden. Der Gegner spielt mit mir, lässt mich kommen, ins Leere laufen, mein Wunsch nach einem Erfolgserlebnis gerät zur Illusion, ehe er selbst mit einer kurzen, blitzschnellen Bewegung angreift und die elektronische Trefferanzeige zum Leuchten bringt. Dreimal, stets ohne erkennbare Anstrengung, aber mit stupender Technik. Dann ist das einseitige Gefecht vorüber.

Sein Ziel? Klar, Gold

Wir ziehen unsere Masken hoch, ich frage ihn, was sein Ziel für die Spiele sei. «Gold mit dem Florett-Team», antwortet er und schiebt nach: «Wir sind die Nummer zwei der Welt.» Ich wünsche ihm viel Glück und verlasse die Halle nach ein paar letzten Gruppenfotos.

Zurück im Hotel und am Computer mache ich mich schlau. Race Imboden – gänzlich unamerikanisch der Nachname, dafür löst er bei mir heimatliche Gefühle aus – heisst er, ist 23-jährig und Siebter der Einzel-Weltrangliste. Nun, das erklärt einiges. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Von einem wahren Musketier habe ich mich gerne vorführen lassen.

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