Streit im Stollen: Der Pakt der Kumpel
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Streit im StollenDer Pakt der Kumpel

Kurz bevor die chilenischen Mineure geborgen wurden, trafen sie eine Abmachung: Keiner darf die Intimitäten eines anderen verbreiten. Doch einer muss sich nicht daran halten.

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Es war eine der letzten Gruppenversammlungen und eine der wichtigsten Entscheidungen: Die eingeschlossenen Kumpel beschlossen, der Presse niemals über die Erfahrungen der restlichen 32 Männern zu erzählen. Jeder dürfe nur über sich selbst und von seinen eigenen Erlebnisse berichten, so die Abmachung. Und der Pakt ging noch weiter: Die Kumpel wollten den Erlös ihres neu gewonnenen Ruhmes fair unter sich aufteilen. Alle Einnahmen aus Interviews, Fernsehauftritten, Filmen oder Büchern müssten gerecht verteilt werden. Dafür sollte eine Stiftung gegründet werden.

Zu diesem Zweck kam am 1. Oktober die Notarin von Copiapó, Carolina Morena, zum «Camp der Hoffnung». Heimlich und ohne die Medienschar aufzuwühlen, wurde sie vom Chefpsychologen Alberto Iturra in den Videokonferenzraum geführt. Unter ihren Augen unterschrieben die Kumpel die entsprechenden Papiere. Doch nachdem die Papiere unterzeichnet waren, stellte sich allerdings heraus, dass sie nicht rechtskräftig sind: Die Kumpel hätten persönlich unter ihrer Aufsicht das Dokument unterzeichnen müssen – die Videoübertragung reichte dazu nicht. Das soll bald nachgeholt werden.

Ximena Reygadas, die Tochter von Kumpel Omar Reygada, bestätigte unterdessen das Abkommen der Bergleute. «Mein Vater sagte, wir könnten nicht ohne ihre Erlaubnis mit den Medien sprechen», sagte sie. «Er sagte, sie müssten entscheiden, was wir (Anm. der Redaktion: die Angehörigen) den Medien sagen dürfen.»

Chefpsychologe Iturra packt aus

Doch einer blieb aus diesem Pakt ausgeschlossen: Der Psychologe Alberto Iturra, der die Verschütteten von Anfang an betreute. Im Gespräch mit dem «Spiegel» erzählt er, dass die ersten Tage nach dem Unglück die schwierigsten gewesen seien: «Die Gruppe hatte sich aufgeteilt.» Weil fünf der Männer nicht beim Unternehmen San Esteban angestellt waren, sondern bei einer Fremdfirma, wollten sie sich zunächst nichts vom Schichtchef Luis Urzua sagen lassen.

Iturra gibt zu, dass es dabei zu Streit kam. Wie weit der ging, darüber schweigt er. Nicht einmal die Experten der NASA, die Ende August dazukamen, konnten Frieden in die zerstrittene Gemeinschaft bringen. Erst als der Eigentümer der anderen Firma seinen Männern einredete, auf Urzua zu hören, schlossen sich die fünf Rebellen der grossen Gruppe an.

Eine Zeit lang habe Ruhe geherrscht, doch als Fussballstar David Villa den 33 Kumpel zwei Trikots schenkte, entbrannte das Chaos erneut. Eines der Trikots hatte der Barça-Stürmer dem ehemaligen chilenischen Natispieler Franklin Lobos geschenkt. Um das zweite T-Shirt kämpften die 32 Fussballfans erbittert. Iturra habe das Problem nicht verstanden, schaffte es aber, den Streit auf die Zeit nach der Bergung zu vertagen.

Bis jetzt halten sich alle an das Abkommen

Inzwischen melden sich die ersten Kumpel zu Wort. Nachdem der 23-jährige Minenarbeiter Richard Villaroel der «Washington Post» ein Interview gegeben hatte, erzählt nun auch der 50-jährige Yonni Barrios nach seiner Entlassung aus dem Spital in Copiapó über seine 69 Tage im Schacht. «Es gab da unter Tage keine Anführer. Wir waren eine demokratische Gruppe. Immer wenn wir eine Entscheidung treffen mussten, haben wir abgestimmt.»

Die 32 mit ihm geretteten Männer seien «gute Kollegen» und hätten sich «gut organisiert», sagte Barrios – und widerspricht damit Iturras Version. Offenbar hält sich der Kumpel, der mit seinen Frauengeschichten für Aufsehen gesorgt hatte, an das Abkommen. «Die Einheit war der Schlüssel», sagt er.

Yonni Barrios dachte an seine Geliebte

Nach fast 70 Tagen in dem warm-feuchten Rettungsraum leidet der 50-Jährige nun unter gesundheitlichen Problemen. Aufgrund der Dunkelheit in dem Stollen habe er Sehstörungen, und auch eine Zahnbehandlung sei nötig, sagte er. Zudem hat Barrios nach den Wochen in dem unterirdischen Verliess auch mit seelischen Problemen zu kämpfen. Er werde sich von Psychologen behandeln lassen. Es sei «fürchterlich» in 700 Metern Tiefe gewesen und «sehr schwer», dort immer den Lebensmut zu behalten.

Der Gedanke an seine Lebensgefährtin habe ihm Kraft gegeben, sagte Barrios. «Mehrere Male hatte ich alle Hoffnung verloren. Aber ein Mensch braucht immer einen Grund, um weiter zu kämpfen. Und sie war mein Grund.»

Nie wieder in den Stollen

Trotz der traumatischen Erlebnisse in dem Stollen will Barrios nach eigenen Worten auf jeden Fall weiter als Bergmann arbeiten. «Ich werde mich etwas ausruhen und dann wieder nach unter Tage zurückkehren.»

Anders als manche seiner Leidensgenossen plant Barrios jedoch keine Reise, um auf andere Gedanken zu kommen: «Ich war in 700 Metern Tiefe unter der Erde und ich möchte nicht in 700 Metern Höhe über der Erde sein und auch nicht 700 Kilometer von meinem Land entfernt.»

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