Star Style: Der Paradiesvogel
Aktualisiert

Star StyleDer Paradiesvogel

Iekeliene Stange läuft für grosse Namen wie Chanel und Dior. Noch lieber fotografiert sie aber backstage. Die Geschichte eines Models, das eigentlich gar keines sein will.

von
Christina Duss

Die meisten Models tragen an Castings schwarze Röhrlijeans und Tanktops. Iekeliene Stange nicht. Das 24-jährige holländische Model verkleidet sich entweder als Schneewittchen, englische Lady, Hippie – oder sie trägt ihr riesiges, glitzerndes Tutu.

Ja, Iekeliene Stanges Look ist sehr schrill: «Warscheinlich trage ich einfach zu viele Farben auf einmal», sagt sie. Und so kommt es auch mal vor, dass Klienten, bei denen sich Iekeliene vorstellt, not amused sind: Der Designer Ralph Lauren zum Beispiel rief höchstpersönlich und höchst entrüstet bei ihrer Londoner Agentur an: Was ihnen denn eigentlich einfalle, dieses Mädchen in diesem Aufzug bei ihm vorbeizuschicken? Iekelienes Agentur reagierte und nahm sie in die Zange: «Ich hatte gerade ein ernstes Gespräch mit ihnen. Wegen der schlechten Wirtschaftslage wird es in der Mode im nächsten Jahr kommerzieller. Darum muss ich mich jetzt ein bisschen zusammenreissen», erzählt sie. Fantasie habe gerade einen schweren Stand im Modelbusiness. «Noch vor zwei Jahren war viel mehr los», so die Holländerin, «jetzt gibts nur noch Klone.»

Iekeliene Stange hebt sich nicht nur durch ihre Klamotten von der gleichförmigen Modelarmee ab. Sie sticht auch durch ihre Schönheit heraus: eine wundersame Komposition aus phänomenalen Wangenknochen, riesigen Rehaugen, einem Lolitamündchen und einem etwas eckigen Kiefer. Dann ist da noch die erfrischende Art, mit der sie den harten Modelalltag angeht – pragmatisch nämlich («modeln ist besser als kellnern») und vor allem fröhlich: Make-up-Artisten und Fotografen lieben es, mit ihr zu arbeiten, denn sie ist bekannt dafür, auf dem Set immer gute Laune zu verbreiten.

2004 wehte zum ersten Mal dieser frische Wind über die internationalen Laufstege. Iekeliene Stange, eine Grafikdesign-Studentin aus Holland, war gerade nach London gezogen, um Fotografie zu studieren. Weil sie noch kein Geld für die Kunstschule zusammengespart hatte, beschloss sie, eine Weile als Model zu arbeiten. Bald gehörte sie zu den am meisten gebuchten Models und schaffte es auf die Titelblätter der «Vogue», des «W»-Magazins und von «Dazed & Confused». Sie modelte für Kampagnen von Chanel, Karl Lagerfeld, Kenzo und Topshop – und schoss hinter den Kulissen wunderbar verwunschene Bilder, die später auf der Fashion-Site Style.com zu sehen waren. Aus dem Plan, Fotografie zu studieren, ist bisher nichts geworden. «Am Anfang stellte ich mir vor, dass Modeln ein netter kleiner Nebenjob zu meinem Studium sein könnte, aber es nahm Überhand. Ich habe mehr Erfolg, als ich gedacht habe, und jetzt mache ich da einfach mal ein bisschen mit.» Das hört sich so an, als ob ihr das, was sie im Moment so erfolgreich tut, gar nicht so viel Spass machen würde. «Oh doch», sagt sie, «ich mag es ja, jeden Tag an einem anderen Ort zu sein, und immer wieder anders auszusehen.»

Letzteres definiert auch ihren privaten Stil: Iekeliene experimentiert gern und war eine der ersten Fashionistas, die sich eine riesige Nerdbrille aufsetzte. Im Moment steht sie aber auf psychedelische Muster und Blumen: «Ich bin wie eine Elster: Farben und Funkelndes ziehen mich magisch an.» Und so stapeln sich in Iekelienes kleiner Zweizimmerwohnung die Klamotten: «Ich habe zwei Räume. Und davon ist einer das Kleiderzimmer.» Um die Sachen selber zu nähen, fehlt ihr die Zeit. Dafür strickt das Model in jeder freien Minute. Sie sei aber noch etwas unbeholfen, sagt Iekeliene. «Im Moment mache ich etwas Riesiges für meine Ausstellung in London.»

Und so landen wir wieder bei Iekelienes eigentlicher Leidenschaft: der Kunst, den Fotos. Plötzlich fällt auf, dass ihre Stimme immer ein wenig abflacht, wenn sie vom Modeln erzählt — als ob sie sich für etwas entschuldigen müsste. Iekeliene Stange, das Model, sollten wir also besser noch ein wenig geniessen. Denn irgendwann könnte sie nur noch hinter der Kamera stehen.

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