Aktualisiert 14.06.2013 10:26

20 Minuten in Istanbul«Der Park ist für Junge, die kiffen und Sex haben»

Wer sind die Leute, die in Istanbul für oder gegen Erdogan demonstrieren? 20 Minuten hat sich auf dem Taksim-Platz umgehört.

von
Catharina Steiner

Pro oder kontra Erdogan? Den Puls bei der Istanbuler Bevölkerung zu fühlen, wird zunehmend schwierig. Zu gross ist die Angst der Menschen vor den Folgen. Beim Taksim-Platz treffe ich einen Arzt. Er hat eine Meinung dazu, was im Land derzeit passiert, aber er will nicht mit mir sprechen. Zumindest nicht offiziell. «Ich weiss nicht, wer Sie sind. Sie könnten von der Regierung kommen, eine Spionin sein.» Das sei doch die wahre Geschichte, sagt er, dass die Leute hier das Gefühl haben, nicht zu ihrer Meinung stehen zu können.

Ein einzelner Fall von Paranoia? Keineswegs. Die Leute, die seit Tagen zum Taksim-Platz oder dem nahegelegenen Gezi-Park kommen, wollen nicht persönlich zu ihrer Sympathie für die Demonstranten stehen. Typisch ist etwa ein junger Mann im Anzug, der seinen Namen nicht nennen will: «Ich würde gerne mit Ihnen reden. Aber ich kann nicht. Ich führe nachts ein Doppelleben in der Gezi-Bewegung, aber davon darf niemand erfahren», sagt er.

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«Ein Referendum kann man manipulieren»

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Ali, ein pensionierter Bauingenieur, will trotz aller Risiken nach fast zwei Wochen Aufruhr nicht mehr schweigen. «Vor ein paar Tagen hätte ich nicht mit Ihnen geredet. Aber ich bin mutiger geworden», sagt er. Er vertraut darauf, dass Erdogan ein Referendum über den Erhalt des Gezi Parks abhalten will. Aber: «Ein Referendum kann man so einfach manipulieren.» Die Ära Erdogan sei vorbei, meint der 66-Jährige. Erdogan habe allerdings viele Anhänger, die religiös motiviert und gut organisiert seien. Er kenne viele Leute in Ministerien – «alles Gläubige, ausnahmslos».

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Doch es gibt auch junge Leute, die für Erdogan sind. Zuhel, eine 26-jährige Bankangestellte, hat ihn gewählt und würde das auch in Zukunft tun. Doch nicht einmal sie glaubt an das Referendum, das Erdogan in Aussicht stellt: «Wir sind kein demokratisches Land», räumt sie ein.

Filialleiter Ali (33) hat seine Stimme ebenfalls Erdogan gegeben. Dies würde er jetzt nicht mehr tun, sagt er. Erdogans Partei AKP habe sich in den letzten Jahren verändert. Die Freiheit der Bürger sei zu stark eingeschränkt worden, vor allem jene der Frauen. Allerdings glaubt Ali nicht daran, dass die Gezi-Bewegung etwas im Land verändern kann. «Ich bin Realist. Und realistisch betrachtet können die Demonstranten nichts bewirken.»

«Für Jugendliche, die hier kiffen und Sex haben»

Touristiker Ahmed (30) bereiten die anhaltenden Ausschreitungen rund um den Taksim-Platz Kopfweh. Zu sehr schaden die Demonstranten seiner Meinung nach der Wirtschaft und dem Tourismus. Vor allem Besucher aus reichen arabischen Ländern würden Istanbul mittlerweile meiden. «Diese Leute im Park machen nur Probleme. Sie regen sich auf, dass man den Park einem Einkaufszentrum opfern soll. Aber niemand benutzt den Park wirklich, vielleicht ein paar Jugendliche, die hier nachts Alkohol trinken, kiffen und Sex haben. Sie nehmen den Park nur als Vorwand, um Ärger zu machen», sagt der gebürtige Syrer. «Ich frage die Demonstranten: Warum macht ihr das? Das ist euer Land. Wollt ihr es wirklich ruinieren?»

Trotzdem ist auch Ahmed kein Fan der Regierung Erdogan. Das islamische System sei ein schlechtes. «Die Regierung will Alkohol zwischen 20 Uhr und 6 Uhr morgens verbieten. Was soll das? Soll ich in der Früh trinken, bevor ich zur Arbeit gehe? Das ist doch verrückt! Warum sollen wir uns nicht auf der Strasse küssen dürfen? Alle hier wollen doch etwas anderes. Ich will einfach meine Freiheit.»

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