Zürcher Radau-Nächte: Der Party-Pirat vom Bellevue
Aktualisiert

Zürcher Radau-NächteDer Party-Pirat vom Bellevue

Er ist 20 Jahre alt, Verkäufer, unscheinbar. Mit einem SMS lud er zu einer der grössten illegalen Partys der letzten Jahre. Und löste damit wüste Krawalle aus. Unabsichtlich, wie er beteuert.

von
Felix Burch

Einen Party-Mob von 1500 Menschen mobilisieren? Einen der wichtigsten Verkehrsknoten der Stadt besetzen? Eine Hundertschaft Polizisten beschäftigen? Eine Stadt in helle Aufregung versetzen? Das ganze Land schockieren? Er hats getan: Reto S.*, 20, Verkäufer aus dem Raum Zürich. Es ist ein Erlebnis, das er eines Tages seinen Kindern erzählen wird.

Der 20-Jährige war es, der zusammen mit fünf Freunden zur «fetten Party» am Bellevue aufrief. Zumindest behauptet er das. Seither spricht die halbe Schweiz von einem «heissen Herbst». Innert einer Woche kam es in Zürich zu vier Strassenschlachten mit der Polizei, die letzte am vergangenen Samstag. Bereits wird zu neuen Aktionen aufgerufen.

Die Idee wollte ihnen nicht mehr aus dem Kopf

Treffpunkt Hauptbahnhof Zürich. Hemd, Jeans, Turnschuhe, kurzes Haar, gepflegter Auftritt. Wie jeder Jugendliche, der auf jemanden wartet, spielt Reto S. mit seinem Handy. «Mit den Randalen haben wir nichts zu tun, wir fühlen uns unschuldig», stellt er gleich zu Beginn klar. «Jeder ist für sich und das, was er tut, selber verantwortlich.» Ansonsten aber ist der Party-Pirat sichtlich stolz auf das, was ihm und seinen Freunden gelungen ist.

Der Verkäufer hat mit seinen Kollegen schon einige illegale Partys organisiert. «Oft ging es gut, wir hatten keinen Stress mit der Polizei und räumten jedes Mal unseren Dreck selbst weg.» Eines Tages sassen die sechs Freunde am Bellevue zusammen und dachten: Wäre doch geil, einmal hier – im Herzen Zürichs – eine Party steigen zu lassen! Die Idee wollte ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Und so beschlossen sie, die Sache durchzuziehen.

Sie rockten die Stadt – und wie!

Sie kauften sich ein Prepaid-Handy und verfassten eine Einladung für die Bellevue-Party: «Hey zäme! Willt stapo ois alti party gstürmt het gits jetzt e rache aktion zmits am bellevue. E fetti party (mier zapfed d'vbz lutsprecher ah und pflanzed en fette verstärcher ufs dach und denn wird grockt).» Und sie rockten die Stadt – und wie.

Gemäss Schätzungen haben am 10. September 1500 Menschen an dem illegalen, anfangs friedlichen Fest teilgenommen. Dabei hatte es erst nicht nach einer heissen Partynacht ausgesehen: Als Reto und seine fünf Freunde um 21 Uhr bei der Quaibrücke eintrafen, war die Polizei bereits präsent – von Party-People indessen keine Spur. Die Veranstalter konnten ihre Musikanlage nicht aufbauen, standen nur unschlüssig rum. Bis kurz vor 23 Uhr – da strömten plötzlich die Massen aus allen Richtungen ans Bellevue.

Dann geriet alles ausser Kontrolle

Nun wussten die Party-Veranstalter nicht, wie ihnen geschah. Sie konnten ihren geladenen Gästen keine Musik bieten, Unbekannte versuchten, eine Anlage zu installieren, bald stiegen die ersten Party-Gänger auf das Dach des Tram-Rondells; die Polizei forderte sie auf, wieder herunterzusteigen. Schon flogen die ersten Flaschen, schoss die Polizei mit Gummischrot. Alles geriet ausser Kontrolle.

Wer genau mit der Randale angefangen hat, weiss Reto S. nicht. Auch will er nicht wissen, wer «seine» Party unterwandert haben könnten. «Was an dem Abend passierte, ist einfach nur schade», sagt er heute. «Es hätte so schön werden können.» Für den Schaden von 100 000 Franken fühlt er sich nicht verantwortlich. «Wir sind keine Krawallbrüder!»

«In teure Clubs hocken ist für uns keine Alternative»

Dass in der öffentlichen Lesart trotzdem er und seine fünf Freunde schuld sind an den Ausschreitungen, verstehen die jungen Organisatoren nicht. «Wir haben ja nicht zum Randalieren aufgerufen.» Was am Central geschehen sei, stimme sie traurig. «Die wollten nur zerstören und sich prügeln!» Grundsätzlich sei ihnen aber egal, was man von ihnen halte. «Wir wollen Party machen und zwar draussen. In teure Clubs hocken, ist für uns keine Alternative.»

Ob die Zürcher Krawallnächte weitergehen, weiss Reto S. nicht. Es ist ihm auch egal. Illegale Partys hingegen werden er und seine Freunde bald wieder organisieren. Und dafür auch Ärger mit der Polizei in Kauf nehmen. Denn: «In den Augen vieler Erwachsener ist jeder öffentliche Ort der falsche für eine Party und wir werden überall verjagt.»

*Name von der Redaktion geändert

Video: Tanzendes Partyvolk am Bellevue (Leserreporter)

Video: Krawall am Bellevue von Spaghetti Factory aus beobachtet (Leserreporter)

Video: Krawalle am Bellevue (Leserreporter)

Video: Bellevue (Leserreporter)

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