Dietikon - «Der Polizist schickte mir private Nachrichten und ein Selfie»
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Dietikon«Der Polizist schickte mir private Nachrichten und ein Selfie»

Gina B. wird in einer Badi von einem Mann sexuell belästigt. Der herbeigerufene Polizist schreibt sie nach dem Einsatz auf Whatsapp an und schickt ihr ein Foto von sich zu. Laut der Polizei handelte es sich um eine «unglückliche Verwechslung».

von
Michelle Muff
Daniel Krähenbühl
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Gina erhielt von einem Polizisten, der ihre Nummer nach einem Einsatz wegen sexueller Belästigung abspeicherte, mehrere Nachrichten per Whatsapp. 

Gina erhielt von einem Polizisten, der ihre Nummer nach einem Einsatz wegen sexueller Belästigung abspeicherte, mehrere Nachrichten per Whatsapp.

Privat
Der Polizist schickte ihr unter anderem ein Selfie von sich in Polizeiuniform. 

Der Polizist schickte ihr unter anderem ein Selfie von sich in Polizeiuniform.

Privat
«Der Polizist wollte einer Bekannten mit seinem privaten Handy einen Gruss mit zwei Emojis zustellen», sagt Ulrich Pfister, Kommandant bei der Stadtpolizei Schlieren/Urdorf. 

«Der Polizist wollte einer Bekannten mit seinem privaten Handy einen Gruss mit zwei Emojis zustellen», sagt Ulrich Pfister, Kommandant bei der Stadtpolizei Schlieren/Urdorf.

Kapo Zürich

Darum gehts

  • Gina B. rief wegen sexueller Belästigung die Polizei. Einen Monat später erhielt sie von einem der Beamten private Nachrichten.

  • «Ich musste die Polizei rufen, weil ich sexuell belästigt wurde – und schlussendlich werde ich durch die Person, die mich schützen sollte, erneut belästigt», so B.

  • Laut der Polizei habe der Beamte die Nachricht irrtümlicherweise an die Frau geschickt.

  • Der Fall werde jedoch intern weiter geprüft, um ähnliche Fälle in Zukunft ausschliessen zu können.

Vor rund einem Monat wurde die Zürcherin Gina B. in einer Zürcher Badi sexuell belästigt: «Er hat üble Kommentare zu unseren Körpern gemacht, uns beschimpft und uns trotz der klaren Aufforderung, uns in Ruhe zu lassen, weitergemacht.» Da der Mann immer aggressiver geworden sei, habe sie schliesslich einen Notruf abgesetzt, sagt B. Zehn Minuten später sei der Mann beim Anblick des Polizeiautos geflüchtet.

«Die beiden Polizisten setzten ihm jedoch nicht nach, sondern sie haben uns beruhigt und unsere Personalien aufgenommen», sagt Psychologiestudentin B. Beim Einsatz selbst hätten sie sich sehr freundlich und professionell verhalten. «Umso schockierter war ich, als einer der beiden Polizisten mich einen Monat später privat auf Whatsapp anschrieb und mir ein Selfie von sich in Uniform schickte», sagt B.

«Oh Entschuldigung, das war nicht für Sie»

Wie dem Chatverlauf zu entnehmen ist, der auch 20 Minuten vorliegt, schob der Polizist die Kontaktaufnahme nach der ersten Nachricht auf ein Versehen ab. «Oh Entschuldigung, das war nicht für Sie», meinte er zunächst. Dennoch schickte er B. eine Minute später ein Foto von sich in Uniform und kommentierte: «Hatte ihre Nummer wegen des Grüselidioten in Dietikon gespeichert.»

B. kauft dem Beamten die Begründung nicht ab. Schlimm sei für sie vor allem der Kontext des Vorfalls: «Ich musste die Polizei rufen, weil ich sexuell belästigt wurde – und schlussendlich werde ich durch die Person, die mich schützen sollte, erneut belästigt.» Dass der Polizist seine Position für so etwas missbrauche, sei ihr zuwider. «Persönliche Daten dürfen nicht missbraucht werden, um jemanden anzumachen – erst recht nicht von der Polizei.» Anzeige werde B. nicht erstatten – sie möchte nichts mehr mit der Polizei zu tun haben.

Die Reaktion der Frau sei verständlich, sagt eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle Frauen-Nottelefon. «Es gehört sich nicht. Zudem ist es untersagt, dass man Kontakte, die im beruflichen Kontext zustande gekommen sind, für private Interessen verwendet.» Das gelte sowohl für sie als Sozialarbeiterin in der Opferberatung, aber genauso für einen Beamten in seiner Funktion als Polizist.

«Whatsapp ging irrtümlich an falsche Empfängerin»

Ulrich Pfister, Kommandant bei der Stadtpolizei Schlieren/Urdorf, spricht von einer «Verkettung unglücklicher Umstände»: «Im vorliegenden Fall wurden die Telefondaten nicht nur in den polizeilichen Datenbanken gespeichert, sondern auch auch auf dem Diensthandy des Polizisten.» Dies sei mit der Einwilligung und dem Wissen der Frau passiert und sei in Fällen üblich, wo die Täterschaft flüchtig sei und es eine umgehende Nahfahndung gebe.

Sechs Wochen später sei es dann zur Verwechslung gekommen: «Der Polizist wollte einer Bekannten mit seinem privaten Handy einen Gruss mit zwei Emojis zustellen», sagt Pfister. «Unglücklicherweise verwechselte er seine beiden gleichzeitig mitgeführten Handys, und weil der Name seiner Bekannten mit den gleichen vier Buchstaben wie jener der Frau beginnt, ging das WhatsApp irrtümlich an die falsche Empfängerin.» Auf deren Nachfrage, wer er sei, habe der Beamte den Irrtum erkannt und sich entschuldigt. «Das Selfie hat er nachgesendet, damit die Person sehen kann, dass er wirklich Polizist ist.»

Die Aussagen und Nachrichtenverläufe des Polizisten sind überprüft worden und entsprächen dem von ihm geschilderten Sachablauf, sagt Pfister. «Er hatte weder die Absicht, Ihre Quelle zu kontaktieren, noch wollte er ihr eine WhatsApp zustellen und sie damit belästigen.» Der Fall werde intern weiter geprüft, um solche Fälle in Zukunft ausschliessen zu können. «Für den Polizisten, der als seriöse, verantwortungsvolle und engagierte Person bekannt ist, wird der Fall mit den aktuell vorliegenden Informationen keine Konsequenzen haben.»

Amtsmissbrauch oder Datenschutzverletzung?

Ob in einem solchen Fall ein strafbares Verhalten vorliege, sei davon abhängig, ob die Kontaktaufnahme über ein privates Mobiltelefon erfolgt sei oder nicht, sagt Rechtsanwalt Fabian Teichmann von Teichmann International (Schweiz) AG. «Einer Kontaktaufnahme über ein Geschäftsmobiltelefon steht – sofern es sich um amtliche Belange handelt oder es sich um ein Versehen handelt – nichts entgegen.» Sollte der Polizist über sein privates Mobiltelefon in privater Angelegenheit in Kontakt mit der Anzeigeerstatterin getreten sein, sei jedoch zu prüfen, ob durch die private Speicherung und Verwendung von Daten ein Amtsmissbrauch vorliege. Zu prüfen wäre auch noch der datenschutzrechtliche Aspekt, wenn die Nummer ohne das Einverständnis der Anzeigeerstatterin auf dem Handy gespeichert wurde: «Ein solches Verhalten könnte als Verstoss gegen das Gesetz über die Information und den Datenschutz des Kantons Zürich qualifiziert werden.»

Speichere ein Polizist die Handynummer einer Anzeigeerstatterin auf seinem privaten Mobiltelefon und nimmt mit ihr Kontakt auf, lasse sich allenfalls argumentieren, dass er sich damit einen Vorteil verschafft hat, so Teichmann. Sollte ein strafrechtliches Verhalten vorliegen, wäre eine Bestrafung möglich, sagt Teichmann. «Der Amtsmissbrauch wäre mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe zu bestrafen.»

Die Möglichkeit zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses sei nicht von einem strafrechtlich relevanten Verhalten abhängig, sondern eine arbeitsrechtliche Konsequenz, so Teichmann. «Dabei wäre jedoch abzuklären, ob dies ein einmaliges Vorgehen war oder ob bereits anderweitige Verfehlungen vorliegen.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

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