Menschliche Wahrnehmung: Der Preis macht nicht immer heiss
Aktualisiert

Menschliche WahrnehmungDer Preis macht nicht immer heiss

Steigt der Brotpreis um ein paar Rappen, schreit das Volk «Wucher», für ein Trendbier zahlen wir dagegen ohne weiteres 10 Franken. Ein Experte sagt, warum das so ist.

von
Werner Grundlehner

Der Zorn des Volkes ist den Erdölgesellschaften gewiss. Es ist Frühling, und wie jedes Jahr steigt der Benzinpreis in Erwartung höherer Nachfrage um einige Rappen pro Liter. Viele Autofahrer nehmen deshalb ohne zu zögern 20 Kilometer unter die Räder, um günstig zu tanken. Raffiniert - oder schizophren?

«Die Mobilität ist in unserer Gesellschaft eine heilige Kuh, entsprechend sensibel reagieren wir, wenn diese sich verteuert», erklärt Alain Egli, Mediensprecher vom Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in Rüschlikon. Zudem: «Beim Benzinpreis geht es ja nicht nur um Rappen, da kommt für einen vollen Tank ein grosser zweistelliger Multiplikator hinzu». Ein paar Rappen pro Liter machen deshalb schnell einige Franken aus.

Die mentale Buchhaltung ist nicht rational

Allerdings führe der Mensch tatsächlich eine mentale Buchhaltung, die nicht zwangsläufig rational sei, sagt Egli. «Will Herr Schweizer ein bestimmtes Auto unbedingt, macht es nichts aus, ob es statt 37 000 Franken 39 000 kostet.» Müsse für die Fertigpizza aber statt 3.70 Franken 3.90 berappt werden, witterten viele Konsumenten Wucher.

«Allgemein muss man von der Vorstellung des Homo oeconomicus, also des Menschen, der immer den optimalen Kosten-Nutzen-Effekt anstrebt, Abschied nehmen», meint Egli. Neben bestimmten Produkten gebe es auch bestimmte Situationen, in denen der Preis anders gewichtet werde. «Beispielsweise ist man abends um 21.00 Uhr im Coop Pronto bereit, einen viel höheren Preis für einen Liter Milch zu zahlen als beim Wocheneinkauf morgens um neun Uhr in der Migros», so der GDI-Experte.

Stellvertreter-Diskussion über die Landwirtschaft

Apropos Milch. Der Preis für Butter, Brot und Milch bewegt die Massen. Obwohl der Schweizer die genauen Preise für Güter des täglichen Bedarfs nicht kennt und für Lebensmittel auch nur knapp über 7 Prozent des Haushaltseinkommens ausgibt – und diese Produkte nochmals nur einen Bruchteil des Lebensmittel-Budgets ausmachen. Egli führt dazu aus: «Wer über den Milchpreis spricht, redet eigentlich über die Landwirtschaft und die Sehnsucht, wie wir gerne hätten, dass dieses Produkt hergestellt wird.

Irrational entscheiden die Konsumenten auch bei verlockenden Gratis- und Billigangeboten. Die meisten wissen, dass das Handy nicht gratis ist, sondern über das Abo bezahlt wird. Trotzdem sind die «Gratisapparate» beliebt. «Konsumenten gehen in den Mediamarkt, weil ein Artikel billiger ist. Dass sie nachher vier Tage für die Installation brauchen und sie nicht wie beim Fachhändler beraten werden, zählt für die Kalkulation nicht», sagt der GDI-Sprecher. Auch der Einkaufstrip nach Konstanz werde zwar vordergründig mit Einsparungen begründet, dabei gehe es vielleicht auch ums Erlebnis, etwa weil man Konstanz eine «lässige» Stadt finde.

Lösung: Rappenspalter

Kann man solche Selbsttäuschungen vermeiden? «Ja, indem ich immer an sie denke. Das ist aber anstrengend und macht uns letztlich zu Rappenspaltern», antwortet der Experte. Zu guter Letzt noch einige Spartipps vom GDI, die wirklich «einschenken»: Sparen bei der Nahrung bringt wenig und rächt sich möglicherweise mit höheren Gesundheitskosten. Oft reduzieren lassen sich jedoch die Ausgaben für Dienstleistungen, Kommunikation und Mobilität. Insgesamt schonen ein Budget und bewusster Konsum den Geldbeutel. Wenn's wirklich schwierig wird, hat budgetberatung.ch gute Tipps.

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