Aktualisiert 15.05.2007 19:44

«Der Prozess reisst bei uns alte Wunden auf»

Kurz vor Prozessbeginn über die Flugzeugkatastrophe von Überlingen um 08.30 Uhr ist es in der 16.000 Einwohner zählenden Stadt fast wie beim Swissair-Prozess ein paar Wochen zuvor.

Vor der Stadthalle stehen Fernsehwagen und Journalisten. Fotografen suchen Motive. «Darf man die Angeklagten zeigen?», fragt einer. Der gewaltsame Tod des Fluglotsen, der in jener Nacht zum 2. Juli 2002 allein im Skyguide-Kontrollraum Dienst tat, gibt der Frage Gewicht.

Zum zweiten Mal innert weniger Wochen wird in der Stadthalle von Bülach ein tragisches Stück Schweizer Luftfahrtgeschichte aufgearbeitet. Nach dem Swissair-Prozess muss das Bezirksgericht über die Flugzeugkatastrophe von Überlingen befinden. Acht Skyguide-Mitarbeiter sind der mehrfachen fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs angeklagt.

In der Halle sind die Sicherheitsmassnahmen hoch: Taschen und Jacken durchsuchende Kantonspolizei-Angehörige, Metalldetektoren. In der Stadthalle stehen rund 200 Stühle. Das dreiköpfige Richtergremium sitzt auf der Bühne. Angehörige der 71 Opfer scheinen am ersten Prozesstag nicht da zu sein. Einige dürften aber anreisen, vermuten russische Journalisten.

Mehrere der rund 50 Zuschauer sind oder waren selber Fluglotsen. So der pensionierte Hansjörg Haug: «Ich habe selber immer unter diesem Damoklesschwert gearbeitet», sagt er und meint damit, dass etwas passieren und ein juristisches Nachspiel haben kann. Im Prinzip sei es ein Superberuf, sagt Haug. Aber man habe eine Verantwortung, die man eigentlich nicht tragen könne.

Mit wenig Verspätung beginnt der Prozess. Gerichtspräsident Rainer Hohler spricht ruhig und sachlich. Die Befragung des ersten Angeklagten, des Leiters des Flugsicherungsbetriebs Zürich, ist technisch und abstrakt. Englische Abkürzungen fallen, von Abläufen und Regelungen ist die Rede. Auch von einem «Target Level of Safety», sozusagen einer Zielgrösse für die Anzahl fataler Unfälle pro Systemflugstunde.

Die Verhandlung zeigt, dass es bei diesem Prozess nicht um einen einzelnen Fehler geht. Die Anklageschrift liest sich wie das Protokoll einer Verkettung unglücklicher Umstände und handelt von Abläufen, Richtlinien und Handlungen, die diese Verkettung überhaupt zuliessen. Es geht um das System Skyguide im Jahr 2002, wie es in Medienberichten hiess.

Einige Skyguide-Kaderleute verfolgen den Prozess in der hintersten Reihe. Die Skyguide von heute sei nicht mehr die von damals, betont Mediensprecher Patrick Herr in Interviews am Rande. Man habe sich weiterentwickelt. «Von den zehn Sicherheitsempfehlungen, die Skyguide betrafen, haben wir neun umgesetzt, die letzte wird bis Ende Jahr abgeschlossen», sagt Herr. Es sei für alle, die von der Katastrophe betroffen waren, eine sehr schwierige Zeit: «Speziell für die Menschen, die ihre Liebsten verloren haben, und auch für die, die vor Gericht stehen.»

Mehrere der rund 40 Journalisten berichten für russische Fernsehstationen, so Dmitri Pogorzhelskiy vom Fernsehsender NTW. Die ersten Verhandlungsstunden hätten ihm einen guten Eindruck gemacht, sagt Pogorzhelskiy: «Das Gericht versucht sehr, sehr detailliert und objektiv die Ursachen des tragischen Unglücks zu ergründen.»

Unter den Zuschauern ist auch Fluglotse Mario Winiger. Es sei hart, zwei Kollegen vor Gericht stehen zu sehen, sagt das Vorstandsmitglied des Verbandes Aerocontrol. «Die beiden haben aus unserer Sicht weder fahrlässig gehandelt noch haben sie gängige Praxis verletzt. Der Prozess reisst bei uns alte Wunden auf.»

(EPA) (sda)

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