Trainer und Gang-Chef: «Der Prügel-Schiri lebt in zwei Welten»
Aktualisiert

Trainer und Gang-Chef«Der Prügel-Schiri lebt in zwei Welten»

Mit seiner Gang hat ein 25-Jähriger geprügelt und gedroht, als Fussball-Trainer war er überfordert. Woher diese Diskrepanz kommt, erklärt Psychologe Thomas Steiner im Interview.

von
Amir Mustedanagic
Er posiert mit seiner Gang und prahlt mit seinen Taten, ist andererseits aber ein überforderter Junioren-Trainer: Der 25-Jährige lebt laut Psychologe in zwei Welten.

Er posiert mit seiner Gang und prahlt mit seinen Taten, ist andererseits aber ein überforderter Junioren-Trainer: Der 25-Jährige lebt laut Psychologe in zwei Welten.

Martin Christen (Name geändert), der 25-jährige Sohn eines bekannten Ex-Fussballers, trainiert in einem Zürcher Fussballklub die B-Junioren. Das Umfeld beschreibt ihn als netten Mann, der allerdings etwas Mühe habe, sich gegen die Jugendlichen durchzusetzen. Viele wissen nicht: Christen führt die Jugendbande G-Level-Gang an, eine Gruppe, die das Ziel hat, Minderjährige zu terrorisieren.

Christen hatte laut Tages-Anzeiger.ch ein Gang-System mit 100 Mitgliedern aufgebaut. Von den Jungendlichen verlangte er, dass sie andere Leute erpressen und verprügeln. Er selbst stiess gegenüber anderen Morddrohungen aus und erpresste Geld. Im Dezember 2010 soll Christen im Kanton Aargau einen Jugendlichen bewusstlos geschlagen haben und ihm dann zusammen mit Komplizen Zigaretten auf dem Handrücken ausgedrückt haben. Die Tortur filmte er mit dem Handy.

Ende 2010 wurde der Zürcher vier Tage in Untersuchungshaft gesteckt und ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Anfang 2012 soll er vor Gericht stehen. Er ist weiterhin als Fussballtrainer tätig.

Fachpsychologe Thomas Steiner versucht die Diskrepanz zwischen dem prügelnden Bandenchef und dem überforderten Fussball-Trainer zu erklären.

Herr Steiner, Martin Christen war als Trainer mit Jugendlichen überfordert, gleichzeitig führte er eine Gang an und prügelte auf Jugendliche ein. Wie passt das zusammen?

Thomas Steiner: Es sieht so aus, als ob dieser Mann in zwei Welten lebt. In der einen verhält er sich normal und wird als durchschnittlich wahrgenommen. In der zweiten – der Welt der Jugendlichen – versagt seine Impulskontrolle. Er verwandelt sich vom eher schüchternen, kontrollierten Mann zum kriminellen und aggressiven Bandenchef.

Wieso sucht er dazu die Nähe von Jugendlichen?

Auf mich wirkt es so, als ob er emotional in dieser Alterskategorie hängengeblieben ist. Auffällig ist ja, dass er sechs bis zehn Jahre älter ist als seine Banden-Mitglieder. Er hat die Welt der Jugendlichen noch nicht hinter sich gelassen, sondern lebt sie mit seiner Gang weiter. Er bringt seine aktuelle Welt und seine jugendlichen Emotionen nicht zusammen und lebt sie deshalb getrennt.

Klingt nach Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Es ist schwierig, aufgrund der wenigen Angaben eine Schlussfolgerung zu ziehen. Es könnte sich um eine dissoziative Störung handeln. Dagegen spricht allerdings, dass er sich den Opfern teilweise annahm.

Sie meinen, weil er ein Opfer erst würgen liess und sich danach nach seinem Wohlbefinden erkundigte?

Ja, er scheint Mitgefühl zu haben. Das haben Personen mit einer dissoziativen Störung nicht. Er ist dennoch krank: Er macht Jugendliche zum Gewaltopfer, damit er sich als Samariter aufspielen kann. Er begeht eine Straftat und versucht sie dann zu korrigieren. Sein Ziel ist es, dass er als Retter und sich Sorgender dasteht.

Damit die Opfer in seiner Bande mitmachen?

Könnte sein, vielleicht will er aber auch einfach sichergehen, dass die Opfer schweigen. Wer selbst straffällig wird, verrät einen nicht.

Kann er für seine Junioren gefährlich werden?

Es ist schwierig zu sagen. Er scheint kein Mass zu haben: Er ist entweder brutal aggressiv oder hat dann - wie als Trainer - Mühe sich durchzusetzen. Er scheint die beiden Welten aber sauber getrennt und als Fussballtrainer keine Banden-Mitglieder rekrutiert zu haben. Auch sind keine Opfer aus dem FC bekannt. Wenn er diese Trennung tatsächlich hingekriegt hat, besteht eigentlich für die Junioren keine Gefahr. Er wird aber aus dem Verkehr gezogen werden müssen, damit er die getrennten Welten aufheben kann. Er braucht eine Therapie.

(Mitarbeit: bee)

Thomas Steiner ist Fachpsychologe für Psychotherapie und führt eine Praxis in Zürich.

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