Der Psyche auf der Spur
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Der Psyche auf der Spur

Seine Theorien haben nicht nur gesellschaftliche Tabus gebrochen, sondern auch weltweit das Denken über die menschliche Psyche geprägt. Am 6. Mai wäre der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud 150 Jahre alt geworden.

Er gilt als Begründer der Tiefenpsychologie und der Psychoanalyse. «Freud hatte entdeckt, dass grosse Teile unseres Verhaltens von uns nicht bewusst, sondern aus dem Unbewussten gesteuert werden», sagt Marianne Leuzinger-Bohleber, Psychoanalytikerin und Geschäftsführende Direktorin am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt/Main.

Dabei entwickelte Freud ein Konzept, bei der die Psyche des Menschen durch das Es, das Ich und das Über-Ich geprägt ist. Vereinfacht stehen diese für die Triebe, die bewusste Persönlichkeit und das Gewissen. Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass bis zu 95 Prozent der Gedankentätigkeit des Menschen unbewusst ablaufen.

Für Freud war vor allem die Libido, der Lust- und Geschlechtstrieb, der Motor des Menschen. Sex ist nach seiner Theorie mehr als reine Fortpflanzung. «Für die damalige Zeit waren diese Vorstellungen ein absoluter Tabubruch», sagt Leuzinger-Bohleber.

Grundlage für die Annahme, dass die Libido in der menschlichen Psyche eine vorherrschende Rolle spielt, war die Beobachtung psychisch kranker Patienten und Freuds eigene Selbstanalyse. Wird der Sexualtrieb bereits in der Kindheit unterdrückt und tabuisiert, so folgerte er, werden die - vor allem sexuellen - Wünsche und Ängste ins Unterbewusstsein verdrängt. Diese unterdrückten Vorstellungen und Ängste können dann zu einfachen «Freudschen» Versprechern bis hin zu seelischen Störungen führen.

Freud suchte daher nach Methoden, um die verdrängten Ängste wieder ins Bewusstsein zu holen und so eine Heilung der Patienten zu ermöglichen. Dabei entwickelte er die Technik der freien Assoziation. Die Patienten liegen dabei auf der Couch des Psychoanalytikers und sollen ihm alle Gedanken mitteilen, die ihnen in den Sinn kommen. Auf diese Weise sollen unbewusste Vorgänge deutlich werden.

Träume sind keine Schäume

«Die Technik der freien Assoziationen wird auch heute noch erfolgreich angewandt», sagt Leuzinger-Bohleber. Doch nicht jeder Patient müsse beim Psychoanalytiker gleich auf die Couch. «Nur bei etwa fünf bis acht Prozent kann sie hilfreich sein», sagt die Expertin.

Das Bewusstmachen verdrängter Erinnerungen und Ängste kann sich für den Patienten lohnen. «So hatte eine Patientin von mir als Dreijährige nach Kriegsende erlebt, wie ihre Mutter von Soldaten vergewaltigt worden ist», sagt Leuzinger-Bohleber. Die Frau habe sich bewusst nicht mehr daran erinnern können, auch ihre Mutter habe über das Erlebnis nicht gesprochen. «Die Patientin hatte die ganze Zeit Schwierigkeiten, eine lustvolle Sexualität zu erleben», sagt Leuzinger-Bohleber. Mit einer Psychoanalyse konnte das Erlebnis schliesslich aufgearbeitet werden. Heute ist die Frau wieder verliebt.

Um in das Unbewusste vorzudringen, entwickelte Freud als weitere Methode die Traumdeutung. Für ihn waren Träume der Königsweg ins Unbewusste. In den Träumen drücken sich nach Freud die verdrängten Wünsche und Ängste symbolhaft aus. Nach Ansicht moderner Psychoanalytiker allerdings weisen Traumsymbole nicht, wie Freud es annahm, nur auf sexuelle Inhalte hin. Vielmehr können laut Leuzinger-Bohleber die Symbole unterschiedliche Bedeutungen haben, je nach Erfahrungswelt des Menschen. «Vermutlich hätte Freud einen Kamin im Traum als erigierten Penis gedeutet», sagt Leuzinger-Bohleber. Ein Mensch, der beispielsweise in der Nähe eines Konzentrationslagers aufgewachsen sei, verbinde jedoch ganz anderes mit einem Kamin.

Für Leuzinger-Bohleber hat die Psychoanalyse auch mit dem 150. Geburtstag von Freud eine Zukunft. Sie könne vor allem schwer depressiven Menschen eine Perspektive bieten. Denn nicht immer wirkten bei den Betroffenen Psychopharmaka. Die Psychoanalyse habe sich zudem in kurzen Kriseninterventionen bewährt. Dabei können alle Formen von Lebenskrisen wie Trennung oder Tod erfolgreich therapiert werden. «Nicht jeder Patient eignet sich für aber für eine Psychoanalyse», sagt Leuzinger-Bohleber. Es gebe auch viele, bei denen eine Verhaltenstherapie besser geeignet sei.

(dapd)

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