WM-Serie: 1974: Der Pythagoras des Fussballs
Aktualisiert

WM-Serie: 1974Der Pythagoras des Fussballs

In den Niederlanden ist er eine Legende, in Katalonien ein Nationalheld. Und im Fussball ist Johan Cruyff der begnadetste Spielmacher, den die Welt jemals gesehen hat.

von
Sandro Compagno

«Johan war der bessere Spieler. Aber ich bin Weltmeister.» Das Bonmot über Johan Cruyff stammt von Franz Beckenbauer. Cruyff ist eines der grossen Genies des Fussballs, ein Genie, das den Höhepunkt seiner Schaffenskraft vor 40 Jahren erlebte, dessen Arbeit den Fussball aber bis heute prägt.

Als der Teenager Johan Cruyff begann, mit der ersten Mannschaft von Ajax Amsterdam zu trainieren, war er den damaligen Spielern schon gut bekannt. Seine Mutter hatte nach dem frühen Tod des Vaters eine Anstellung in der Kantine des Vereins gefunden, der kleine Johan verbrachte seine Freizeit grösstenteils im De-Meer-Stadion. Als Halbwaise in einer Umgebung mit lauter Fussball-Profis musste Cruyff härter sein als andere, um sich durchzusetzen. Und er war härter.

Es gibt eine Anekdote, die seinen unbändigen Ehrgeiz beschreibt: So soll er beim Monopoly gemogelt haben, um seine Kinder zu besiegen.

80 Zigaretten pro Tag

Obschon er mit 17 Jahren in der Eredivisie debütierte (und bei einem 1:3 gegen Groningen sein erstes Tor schoss), dauerte es seine Zeit, bis das Talent des Johan Cruyff sich durchsetzen konnte. Zu schmächtig war der als Teenager nur 60 Kilogramm leichte Offensivspieler, zu gross sein Zigarettenkonsum mit bis zu 80 Zigaretten täglich. 14 Monate nach Cruyffs Debüt fuhr im Januar 1965 der Sportlehrer einer Schule für Hörbehinderte mit seinem gebrauchten Skoda im De Meer vor: Rinus Michels. Der neue Ajax-Trainer hatte eine verrückte Idee; er wollte aus dem kleinen, semiprofessionellen Verein einen internationalen Top-Klub machen. Mit Johan Cruyff fand er einen Teenager im Team, dessen Ehrgeiz und fussballerische Qualität wie geschaffen waren für dieses Ziel.

Sechs Jahre später hatte das kongeniale Duo sein Ziel erreicht. Nach vier Meistertiteln (1966, 1967, 1968 und 1970) gewann Ajax Amsterdam 1971 erstmals den Europapokal der Landesmeister, das Pendant zur heutigen Champions League. Zwei weitere Triumphe 1972 und 1973 sollten folgen.

Voetball totaal!

Michels und Cruyff hatten den «totalen Fussball» erdacht. «Wir hatten ihn nie so genannt. Das kam aus dem Englischen», erinnert sich der damalige Rechtsaussen Sjaak Swart in einem Interview mit dem englischen Fachmagazin «FourFourTwo».

Johan Cruyff war ein genialer Fussballer. Aber im Gegensatz zu anderen Genies wie Pelé oder Maradona war er auch ein genialer Denker. Und ein Nonkonformist: Noch heute gilt er als bester Fussballer, der je das Trikot mit den berühmten zwei Streifen trug. Zwei Streifen? Richtig: Als die Niederlande 1974 den WM-Final gegen Deutschland erreichten, stand Cruyff schon längst bei Konkurrent Puma unter Vertrag und weigerte sich, die drei Streifen anzuziehen. Also trug die Nummer 14 Trikot und Hosen mit nur zwei Streifen.

1974 waren die Niederländer mit Abstand die beste Mannschaft des Turniers in Deutschland. Basierend auf einem 4-3-3, mit aggressivem Pressing und ständigen Positionswechseln, wirbelten die Holländer durch das Turnier. Cruyff war eigentlich als Mittelstürmer aufgestellt, genoss aber jede Freiheit. Argentinien (4:0), die DDR (2:0) und sogar der amtierende Weltmeister Brasilien (2:0) wurden auf dem Weg in den Final mit «Voetbal totaal» aus dem Weg geräumt. Und Cruyff dirigierte das Ensemble aus dem Land, das innert nur eines Jahrzehnts aus dem Nichts an die Spitze des Weltfussballs geschossen war. Seine geometrisch exakten Zuspiele trugen ihm den Beinamen «Pythagoras des Fussballs» ein.

«Pool-Party mit leichten Mädchen?»

Vor dem Endspiel in München berichtete die «Bild»-Zeitung über eine Party mit leichten Mädchen im Team-Hotel der Elftal. Die folgende Nacht soll Cruyff kein Auge zugetan, sondern versucht haben, am Telefon seine aufgebrachte Ehefrau Danny zu beruhigen. Im Final wurde er von Uli Hoeness nach nur 53 Sekunden hart am deutschen Strafraum gefoult. Der englische Referee John Taylor verhängte den ersten Foul-Elfmeter in einem WM-Final und Johan Neeskens brachte Holland in Führung, noch ehe die Gastgeber den Ball berührt hatten.

Darauf wurde Cruyff von Berti Vogts in sehr effektive Manndeckung genommen, während Beckenbauer, Hoeness und Wolfgang Overath begannen, das Mittelfeld zu dominieren. Deutschland drehte die Partie, die zum oben erwähnten Zitat von Franz Beckenbauer führte, dank Toren von Paul Breitner und Gerd Müller.

Der totale Fussball war am deutschen Realismus gescheitert, aber er war nicht tot. Im Gegenteil. Zum Zeitpunkt der WM war Johan Cruyff bereits beim FC Barcelona unter Vertrag. Ajax hatte er 1973 verlassen – beleidigt, weil die Teamkollegen in einer Wahl nicht ihn, den arroganten Superstar, zum Captain gewählt hatten, sondern Piet Kaizer. Rinus Michels holte ihn zum FC Barcelona. Ajax implodierte, Barcelona gewann seine erste Meisterschaft seit 14 Jahren. Offenbar hatte sich auch Real Madrid um den Superstar bemüht, als in Spanien 1973 die Schranken für ausländische Spieler fielen. Cruyff erklärte ungerührt, er wolle nicht für einen Verein spielen, der dem Diktator Franco so nahe stehe. Dass er seinen im Februar 1974 geborenen Sohn auf den Namen Jordi taufte, nach dem katalanischen Schutzheiligen Sant Jordi, trug ebenfalls zu seinem Ruf als Nationalheld Kataloniens bei. Diktator Franco hatte sämtliche Symbole des katalanischen Nationalismus verbieten lassen.

Auch als Trainer sollte Johan Cruyff später Erfolge feiern. Als er 1986 Ajax Amsterdam übernahm, installierte er sofort wieder seinen totalen Fussball mit einem «fliegenden Goalie», den er eher als Feldspieler betrachtete, der zufälligerweise Handschuhe trägt, und einer Defensive, die bei Ballbesitz auf Dreierkette umstellte. In der Nachwuchsarbeit setzte er durch, dass auf sämtlichen Altersstufen im gleichen System gespielt wurde. Und er legte den Fokus auf Entwicklung, nicht auf Resultate.

Brillant und arrogant

Mit Ajax holte er den holländischen Cup 1986 und 1987 sowie 1987 den Europapokal der Cupsieger. Mit Barcelona gewann er 1991 bis 1994 viermal in Folge die Meisterschaft sowie den Cupsieger-Cup 1989 und den Meistercup 1992. Zudem belebte er die Jugendakadamie La Masia wieder, wo ebenfalls sämtliche Juniorenteams im gleichen, cruyffschen System zu trainieren haben.

Johan Cruyffs Trainerkarriere dauerte nur neun Jahre, mehr liess sein Charakter nicht zu – diese für seine Umwelt manchmal unausstehliche Mischung aus Brillanz und Arroganz, aus Rechthaberei und tatsächlich Immer-Recht-Behalten. Seine Ideen aber sind bis heute aktuell.

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