Aktualisiert 15.08.2013 07:27

Reality-TV mal andersDer Quotenrenner vom Meeresgrund

Mögen Sie Space Night? Dann werden Sie «Tiefseefernsehen» lieben. Das Unterwasser-TV vom US-Forschungsschiff «Okeanos Explorer» hat sich zum Publikumsfavoriten entwickelt.

von
jcg

Space Night ist Kult. 1994 lanciert, fasziniert das Nachtprogramm bis heute die Zuschauer des Bayerischen Fernsehens mit nahezu hypnotischen Aufnahmen aus dem All. Neue Folgen gibts allerdings erst wieder am 1. November. Trotzdem muss niemand auf verblüffende Bilder aus fremden Welten verzichten – auch wenn sie in diesem Fall nicht ganz so weit herkommen. Der Space-Night-Ersatz wird live vom Grund des Atlantiks gestreamt.

Die US-Fischereibehörde sendet seit neuestem täglich acht Stunden wissenschaftlich kommentierte Livebilder von einem Forschungsschiff vor der Ostküste der USA. Und die haben es in sich: Wilde Kämpfe, prickelnde Schönheit und an jeder Ecke eine neue Überraschung - diese Sorte Reality-Fernsehen hat buchstäblich Tiefgang. Genauer gesagt bis zu 3000 Meter Tiefgang: Das US-Forschungsschiff «Okeanos Explorer» sendet mittels eines Tauchbootes morgens und nachmittags (Ortszeit) Fernsehbilder vom Meeresgrund vor Massachusetts.

Da wird der Kampf zwischen einem Aal und einem Tintenfisch auf Leben und Tod verfolgt, die Schönheit von pinkfarbenen Seesternen gepriesen und Wissenschaftler kommentieren aufgeregt aus dem Off die Bilder von Lebewesen, die sich ihre Lebensenergie statt vom Sonnenlicht aus unterirdischen Methanquellen holen. Das ist Wissenschaft in Echtzeit.

«Wir haben das einfach «Tiefseefernsehen» getauft», sagt die Verantwortliche vom Fischereiamt, Martha Nizinski. Und es habe sich herausgestellt, «dass dies viel besser ist, als alle anderen Reality-Shows».

Bis zu 50'000 Zuschauer

Jahrelang war die Tiefseeforschung eine Angelegenheit ausschliesslich für Fachleute. Eine Handvoll Forscher zwängte sich auf ein Schiff, beobachtete, notierte und brachte zwei oder drei Jahre einen Artikel in einem Fachmagazin zu Papier. Seitdem die Tiefseeforscher von der «Okeanos Explorer» live auf Sendung sind, erreichen sie plötzlich bis zu 50 000 Zuschauer.

Leona McKinney aus Hiram in Georgia ist eine von ihnen. Seit drei Wochen schaut sie den Forschern gebannt bei der Arbeit zu. «Ich habe keinen Tag verpasst. Ich gucke auch jetzt. Ich bin regelrecht süchtig», bekennt sie. Noch bis Ende dieser Woche können Zuschauer per Internet und Facebook ihre Wünsche äussern, was sie noch gezeigt bekommen wollen. Aber auch danach soll es weitergehen mit dem Tiefseefernsehen. Für Herbst sind weitere Fahrten vor der US-Ostküste geplant und im Winter soll das Tauchboot tief in den karibischen Puerto-Rico-Graben hinabsteigen, mit Live-Berichterstattung, versteht sich.

Die Wissenschaftler an Bord des Schiffs haben ihren Spass an der neuen Tätigkeit entdeckt: «Das ist wie Sportberichterstattung», sagt Geologin Amanda Demopoulos, deren Stimme oft aus dem Off zu hören ist. «Es gibt da völlig mysteriöse Ökosysteme. Wir wissen oft selbst nicht, was wir dort vorfinden», sagt sie.

Begeisterte Zuschauer

Das Tiefseefernsehen findet offenbar zunehmend treue Anhänger. Auf der Facebookseite mehren sich die begeisterten Kommentare, auch die von Langzeitfan McKinney: «Ich liebe es, wenn sie sagen: «Ooh, das habe ich ja noch nie gesehen.«» Ihre Lieblingsszene ist die, in der ein Aal einen Tintenfisch angreift. Das Weichtier stellt sich tot und kann dann plötzlich seiner Bestimmung als Aalmahlzeit entkommen.

Diese Art von Szenen mache das Tiefseefernsehen so attraktiv, sagt Expeditionsleiter John McDonough. Die überraschende Wendung mache sein Programm interessanter als manche Alltags-Liveshow mit Hollywoodsternchen. «Das ist Reality-Fernsehen, aber es ist noch realer als real. Man weiss nie, was als nächstes passiert», sagt er.

Hier gehts zum Stream für Smartphones und Tablets >>> (jcg/sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.