Doping-Krise: Der Radsport vor dem totalen Kollaps

Aktualisiert

Doping-KriseDer Radsport vor dem totalen Kollaps

Mit dem neuerlichen Doping-Skandal um den Deutschen Stefan Schumacher ist die Glaubwürdigkeit des Radsports am absoluten Nullpunkt angekommen. Bei Olympia droht der Ausschluss, TV-Sender wollen die Übertragungen stoppen und grosse Traditionsrennen stehen vor dem Aus.

von
Philipp Reich

Der Dopingfall um den gefallenen deutschen Shooting-Star Stefan Schumacher hat den internationalen Radsport zum wiederholten Mal in eine tiefe Existenzkrise gestürzt. Und momentan geht die Angst um im Radsport-Zirkus. Denn der Fall Schumacher könnte womöglich nur der Anfang einer noch folgenden «Epo-demie» sein. Die nächsten Auswertungen der Blutproben bei der Tour de France stehen jedenfalls noch aus und Experten erwarten dank dem neuen Nachweisverfahren für das Dopingmittel CERA weitere negative «Positiv-Überraschungen.» Bis Ende Woche sollten die Resultate bekannt werden.

Eine Liste mit 30 potenziellen Dopingsündern macht bereits jetzt die Runde, dabei tauchen auch die Namen von Zeitfahr-Olympiasieger Fabian Cancellara und dem Tour-Dritten Bernhard Kohl aus Österreich auf. Die Folgen für den Radsport wären nicht absehbar, wenn es weitere «grosse» Namen treffen würde. «Ich hoffe nicht, dass das der letzte Sargnagel sein wird, der den Radsport vom Leben zum Tode befördert hat», erklärte der Deutsche Jens Voigt, der wie Fabian Cancellara für das CSC-Team fährt, voller Sorge.

IOC droht mit Olympia-Bann

Das IOC macht sich ebenfalls ernsthafte Gedanken um die Zukunft des Radsports. «Wenn nicht alle Interessensgruppen im Kampf gegen Doping zusammenarbeiten, muss sogar eine olympische Denkpause in Erwägung gezogen werden», sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Der Radsport hat eine lange olympische Tradition. Ein Bann hätte katastrophale Folgen für das Image. Es gebe beim Internationalen Olympischen Komitee momentan auch die Überlegung, die «eingefrorenen Proben von Peking bereits jetzt öffnen zu lassen», erklärte Bach weiter. So will man zu einer schnellen Aufklärung der momentanen Situation beitragen.

Rückzug von ARD und ZDF?

Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender Deutschlands, die ARD und das ZDF, schliessen inzwischen wie 2007 einen Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung nicht mehr aus. «Wir werden in Ruhe abwarten, was noch so alles unter dem Tisch hervorgefegt wird und ob der Radsport überhaupt noch zu retten ist. Alle Konsequenzen, auch ein Ausstieg, sind möglich», sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Das ZDF wolle Anfang 2009 einen Beschluss fassen. Die ARD wird laut ARD-Sprecher Christian Bauer «in Ruhe entscheiden».

Auch in der Politik denkt man über Konsequenzen für den Radsport nach. Der Entzug der Fördergelder könnte vor allem in Deutschland für jahrealte Traditionsrennen das Aus bedeuten. Radsport-Klassiker wie die Deutschland-Tour oder das Henninger-Turm-Rennen in Frankfurt sind bedroht. Und sogar bei der «grossen» Tour de France habe man ernsthafte Bedenken um die Zukunft des Radsports.

Quick-Step wartet ab

Stefan Schumacher, der bei diesjährigen Tour de France zweimal positiv getestet wurde, muss nun innerhalb von fünf Werktagen seine Stellungnahme schriftlich abgeben oder die Analyse der B-Probe beantragen. Sein Anwalt hat von seinem Mandaten bislang aber noch kein Schreiben erhalten.

Bei seinem neuen Team Quick-Step, das den 27-jährigen Deutschen auf die neue Saison hin von Gerolsteiner übernehmen wollte, traf man bis jetzt keine übereilige Entscheidung . «Wir sind sehr enttäuscht, aber wir wollen die offizielle Erklärung abwarten», sagte Team-Sprecher Alessandro Tegner. «Ist Schumacher aber positiv, dann gibt es keinen Vertrag.»

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