Land unter: «Der Regen verwüstet hier alles»

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Land unter«Der Regen verwüstet hier alles»

Meister Herbst beschert uns gerade vor allem eines: Sehr, sehr viel Regen. Mancherorts sind Bäche über die Ufer getreten und wo vorher flache Wiesen waren, bilden sich riesige Seen.

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rey/dwi/bat

Nicht goldene Oktobersonne und farbenprächtige Wälder prägen den diesjährigen Herbst, sondern viel, viel Regen. Nachdem es bereits gestern wie aus Kübeln geschüttet hat, fallen in den nächsten Tagen noch einmal beachtliche Wassermengen. Ein gewaltiger Schub liess heute vielerorts Bäche und Flüsse über die Ufer treten. Leser-Reporter Fabian A. meldet aus Ziegelbrücke: «Der Regen verwüstet hier alles.»

Andernorts entstehen plötzlich Seen, wo vorher saftige Wiesen waren. So in Reichenbach SZ. «Jetzt haben wir halt einen zweiten Weiher», sagt Andrea H. Im Dorf pumpe die Feuerwehr gerade einen Keller aus. «Mein Haus ist glücklicherweise noch trocken.» Mehr Grund zur Sorge hat Manuela M. aus Stallikon ZH. Dort ist die Reppisch über die Ufer getreten. «Das passiert etwa dreimal im Jahr.» Das letzte Mal sei dabei ihre Garage überflutet worden. «Wir hatten Reppisch-Forellen im Haus», erzählt sie. So verheerend ist die Überschwemmung nicht - bis jetzt. «Ich hoffe einfach, ich erkenne das Dorf wieder, wenn ich heute Abend zurückkomme», so die Leser-Reporterin.

50 Einsätze in drei Stunden

Schutz und Rettung Zürich hatte alle Hände voll zu tun. Allein zwischen 10 und 13 Uhr waren rund 50 Feuerwehreinsätze nötig, um die Wassermassen in Schach zu halten. Der Personalbestand musste gar kurzzeitig aufgestockt werden. Auch in den Kantonen Schwyz und Glarus gingen zahlreiche Meldungen wegen überfluteter Strassen und Wassereinbrüchen in Häuser ein, in Siebnen SZ verschüttete ein Erdrutsch eine Strasse. In Basel wurden neben der Grossschifffahrt auch der Fährbetrieb und die Kleinschifffahrt eingestellt.

Kein Wunder - die Zahlen zu den Wassermengen sind beeindruckend: Allein in den letzten 48 Stunden fielen örtlich mehr als 130 Liter Regen pro Quadratmeter - mehr als sonst im ganzen Montag Oktober. Besonders betroffen war der Kanton Glarus. In der Glarner Gemeinde Niederurnertäli wurde denn auch der Höchstwert von 134 Litern gemessen. Sehr nass war es auch in anderen Regionen der Schweiz. Im Engelbergertal OW und in den Waadtländer Alpen wurden über 70 Liter Niederschlag gemessen.

Mildes Herbstwetter

Geht bald das ganze Land unter? Noch nicht: «Ein Zwischenhocheinfluss bremst ab Donnerstag die Wetterverschlechterung – vor allem im Osten», beruhigt Klaus Marquart, Meteorologe bei Meteonews. Es wird also wieder trockener. Das ist auch bitter nötig. «Im Moment liegen die Wassermassen noch im üblichen Rahmen», so Marquart. «Regnet es aber weiter so stark, wird es vor allem in der Voralpen-Region prekär.»

Bereits jetzt sind die Pegel der Flüsse und Seen angestiegen. «Bei den Zu- und Abflüssen könnte die Hochwasserlage kritisch werden», sagt Marquart. Mit ein Grund für die gestiegenen Wasserstände ist die Schneefallgrenze, die mit 2800 Metern über Meer eher hoch ist. «Es ist mild. Noch immer fliesst Wasser von den Bergen in die Täler», so der Meteorologe. Erst am Wochenende fallen die Temperaturen unter 15 Grad Celsius.

Die Regenmassen sind zwar unerträglich, aber nicht unüblich. «Der Herbst hat viele Gesichter – jetzt zeigt er uns halt gerade seine Regenseite», wägt Marquart ab. Kritisch werde die Hochwasserlage erst, wenn es mehrere Tage so weiterregne. «Das Land geht nicht unter.» Noch nicht.

In Ettingen BL verwandelt sich die Strasse in einen Bach:

Hochwassersituation

Gemäss Therese Bürgi, Sektionschefin für hydrologische Vorhersagen des Bundesamtes für Umwelt, behält man die Hochwasser-Situation im Auge. «Die Wassermengen in kleineren Flüssen und die lokalen Auswirkungen sind beeindruckend, auch die grösseren Gewässer steigen in den nächsten Stunden noch weiter an», sagt Bürgi. Trotzdem bleibe die Lage bei diesen Gewässern voraussichtlich unproblematisch. «Wir haben es mit einer Hochwassersituation zu tun, welche alle zwei Jahre vorkommt», sagt Bürgi. Das BAFU hat deshalb für grosse Flüsse wie den Rhein die Hochwassergefahr auf Stufe 2 – mässige Gefahr – gesetzt. «Es ist nicht zu erwarten, dass wir die Gefahrenstufe erhöhen müssen», so Bürgi. Die Lage werde aber ständig neu beurteilt.

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