23.08.2020 19:50

Vermehrte Canyoning-Unfälle«Der Fluss kann bereits bei normalem Wasserstand unberechenbar sein»

Am Samstag hat sich im Tessin ein tödlicher Canyoning-Unfall ereignet. Ein Experte erklärt, wie gefährlich die Schlucht wirklich ist.

von
Daniela Gigor
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Im Lodrino-Tal ist es am Samstagnachmittag erneut zu einem Canyoning-Unfall gekommen. 

Im Lodrino-Tal ist es am Samstagnachmittag erneut zu einem Canyoning-Unfall gekommen.

Rescue Media
Dabei ist ein Mann gestorben. (Symbolbild)

Dabei ist ein Mann gestorben. (Symbolbild)

Keystone
Die Gruppe sei von einem Unwetter überrascht worden. (Symbolbild)

Die Gruppe sei von einem Unwetter überrascht worden. (Symbolbild)

Keystone

Darum geht es

  • Am Samstag ist im Lodrino-Tal ein 44-jähriger Tscheche beim Canyoning ums Leben gekommen.
  • Der Schwierigkeitsgrad der Schlucht stuft ein Experte als mittel ein.
  • Bei Hochwasser ist die Schlucht aber gefährlich, weil es nur wenige Stellen gibt, bei denen sie im Notfall sofort verlassen werden kann.

Im Riale di Lodrino im Tessin hat sich am Samstag ein weiterer tödlicher Canyoning-Unfall ereignet, als eine dreiköpfige Gruppe im unteren Teil unterwegs war. Ein Mitglied der Gruppe verschwand aus noch unbekannten Gründen im Wasser und wurde rund eine Stunde später tot aufgefunden. Beim Todesopfer handelt es sich um einen 44-jährigen tschechischen Staatsbürger. Es ist bereits der zweite Canyoning-Unfall im Lodrino-Tal diesen Sommer. Ende Juni war ein litauischer Tourist bei einer Canyoning-Tour verschwunden (20 Minuten berichtete). Der 48-jährige Mann konnte nur noch tot geborgen werden.

Vorschriften sind streng

Laut Katrin Blumberg, Präsidentin der Swiss Outdoor Association (SOA), kann in der Schweiz jedermann Canyoning betreiben: «In der Schweiz gibt es keine gesetzlichen Grundlagen fürs Canyoning von Privatpersonen, und meiner Meinung nach ist dies auch nicht nötig.» Anders sehe dies aus, wenn kommerzielle Veranstalter Aktivitäten wie Canyoning anböten. Diese sind der Verordnung des Bundes für Risikoaktivitäten unterstellt. «Bei uns sind diese Regeln sehr streng», sagt Blumberg weiter. Die SOA ist eine Vereinigung von qualifizierten Veranstaltern im Outdoor- und Adventure-Bereich.

Nach Drama wurden neue Richtlinien festgelegt

Das schwerste Canyoning-Unglück in der Schweiz ereignete sich 1999 im Saxetbach im Berner Oberland, bei dem achtzehn Touristen und drei Guides ums Leben kamen. Danach arbeitete eine verbandsübergreifende Fachkommission Richtlinien aus, welche die Anforderungen für die Durchführung von kommerziellen Canyoning-Touren festlegt und die Ausbildung von haupt- oder nebenberuflichen Canyoning-Leitern in verschiedenen Stufen regelt. Die Ausbildung zum Canyoning-Leiter unterscheidet sich im Leiter eins, dem Assistenten, Leiter zwei ist der Gruppenleiter, und ausserdem können sich Bergführer speziell für das Canyoning weiterbilden lassen.

Beim Canyoning begeht man Schluchten, die durch Steilhänge und Kraterwände begrenzt sind. Canyonisten müssen etwa über Wasserfälle klettern, sich abseilen, springen oder rutschen, um in die natürlichen Wasserbecken zu gelangen. Manchmal ist auch Tauchen angesagt, etwa wenn sich Höhlen in den Schluchten befinden.

Schlucht ist bei Hochwasser gefährlich

Bergführer Franz Baumgartner, der auch als Rettungsspezialist Canyoning tätig ist, beurteilt die betroffene Schlucht des Riale di Lodrino beim Schwierigkeitsgrad als mittel. Voraussetzung sei aber ein normaler Wasserstand. Zum Zeitpunkt des Unfalls ging am Samstag in der Region ein heftiges Unwetter nieder. Baumgartner: «Bei Gewittern ist diese Schlucht sehr schlecht zu verlassen, weil es wenig Möglichkeiten für einen Zwischenausstieg gibt.» Diese Schlucht sei nur begehbar, wenn man eine sichere Wetterprognose habe oder wenn man die Schlucht vor einem angekündigten Gewitter verlassen könne.

Es sei anzunehmen, dass es sich bei der betroffenen Dreiergruppe um Privatpersonen gehandelt habe. «Ich kann nicht beurteilen, wie gut diese Personen aus Tschechien als Canyonisten ausgebildet waren. Es ist mir aber wichtig, zu erwähnen, dass auch die private Szene in der Schweiz, die in Vereinen organisiert sind, sehr hochstehend ausgebildet ist.»

«Man muss sich über den aktuellen Wasserstand informieren»

Baumgartner, der auch als Rettungsspezialist Canyoning tätig ist, sagt, wie eine gute Tourenplanung vor dem Einstieg aussieht: «Man informiert sich über den aktuellen Wasserstand, die weitere Wetterentwicklung, die Beurteilung des Einzugsgebietes der Schlucht, und wenn Gewitter angesagt sind, sollten nur Schluchten ausgesucht werden, die man durch genügend Zwischenausstiege wieder rasch verlassen kann.»

Die Tessiner Kantonspolizei konnte auf Anfrage noch keine aktuellen Angaben über den Unfall machen, weil die Untersuchungen dazu noch im Gange seien.

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43 Kommentare
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Gruppendynamiker

24.08.2020, 10:45

Seilschaften sind insofern hierarchisch gegliedert, als dass Verantwortung auch Haftpflicht bedeuten könnte ..

Peter M

24.08.2020, 09:31

Genau darum gibt es LOKALE Führer. Gilt für jeden Berg oder Schlucht. Diese kennen die Bedingungen ganz genau. Man kann noch so erfahren sein wie man will, nützt alles nichts wenn man die örtlichen Besonderheiten nicht kennt.

Chäshörnli

24.08.2020, 09:29

Noch spektakulärer, noch gefährlicher. "Normale" Unternehmungen und Sportarten reichen vielen nicht mehr und sie ignorieren auch sämtliche Warnungen von Einheimischen und der Natur selbst. So kommt es immer mehr zu solche tragischen Unfällen. Was vielfach auch vergessen wird: Viele Einsatzkräfte riskieren selbst ihr Leben für diese Adrenalinjunkies.