«Time-Out»: Der Ritterschlag für den «Wohlfühltrainer»
Aktualisiert

«Time-Out»Der Ritterschlag für den «Wohlfühltrainer»

Der Vertrag mit SCB-Trainer Antti Törmänen ist bis 2015 verlängert worden. Das ist für alle «chummlig».

Antti Törmänen.

Antti Törmänen.

Welch eine Karriere: Assistent von Larry Huras, Notlösung für den gefeuerten Huras – und nun ein Zweijahresvertrag als SCB-Cheftrainer: Antti Törmänen hat sich beim grössten Hockey-Unternehmen Europas durchgesetzt. Diese Vertragsverlängerung verrät uns viel über die Machtstrukturen beim SCB, über den Mechanismus eines wirtschaftlich erfolgreichen Sportunternehmens und die Ohnmacht der Medien.

Antti Törmänen ist beim SCB im Laufe der letzten Saison vom Assistenten zum Cheftrainer befördert worden. Der Finne schaffte das Finale und verlor den Titel erst zweieinhalb Sekunden vor Schluss des 7. Finalspiels. Durch die Halbfinalqualifikation verlängerte sich sein Vertrag automatisch um ein Jahr bis zum Ende dieser Saison. Und nun ist sein Kontrakt bedingungslos bis ins Frühjahr 2015 prolongiert worden.

Schwieriger Herbst für Törmänen

Dabei sah es im letzten Herbst nicht gut aus. Nach der 0:3-Pleite gegen die Lakers am 23. Oktober ordnete SCB-General Marc Lüthi persönlich nach der Heimkehr in Bern jenseits von Mitternacht ein Straftraining an. In diesen Tagen stand der Job von Antti Törmänen auf dem Spiel.

Aber im Rückblick zeigt sich: Diese Pleite war zugleich die Wende. Und ein Beispiel dafür, dass ein Management hin und wieder tatsächlich einen Trainer im Amt halten kann. Letztlich hat sich die Verpflichtung der NHL-Helden Mark Streit, Roman Josi und John Tavares als erfolgreichste Trainer-Stützungsmassnahme unserer Hockeygeschichte erwiesen. Ohne die NHL-Stars hätte Antti Törmänen die Krise mit grösser Wahrscheinlichkeit nicht meistern und sich nicht im Amt halten können. So gesehen ist das SCB-Trainerschicksal in New York (durch den NHL-Lockout) entschieden worden. Und zugleich zeigt sich wieder einmal: Die Medien können einen Trainer nicht aus dem Amt schreiben. Die Medien-Polemik gegen Antti Törmänen war zeitweise heftiger als die Herbstürme. Und doch blieb er im Amt. Aber die Medien können einen Trainer auch nicht im Amt halten: Trotz grösstem Wohlwollen aller Medien, auch des Boulevard, musste John Fust in Langnau gehen. Er ist dort sozusagen in der Sänfte des medialen Wohlwollens und Rühmens sorgsam aus dem Amt getragen worden.

Wohlfühl-Trainer hat Chance genutzt

Antti Törmänen hat seine Chance genutzt. Wie die meisten skandinavischen Trainer setzt er auf die Eigenverantwortung der Spieler und gilt als «Wohlfühl-Trainer». Deshalb ist er in der Mannschaft überaus beliebt. Aber anders als viele skandinavische «Wohlfühl-Trainer» kann er Niederlagen nur schlecht ertragen. Dann mag er zwar mit seinen Ausreden hin und wieder lächerlich wirken. Aber es ist immer ein gutes Zeichen, wenn ein Trainer nicht verlieren kann. In diesem Geschäft sind gute Verlierer auch Verlierer.

Die Vertragsverlängerung ist der Ritterschlag für Antti Törmänen. Er ist bereits jetzt der erfolgreichste SCB-Finne aller Zeiten. Alle seine finnischen Vorgänger sind in der NLA beim SCB aus laufenden Verträgen gefeuert: Timo Lahtinen, Hannu Jortikka, Pekka Rautakallio und Alpo Suhonen. Und keiner hatte je das Finale erreicht.

Guter Trainer für den Alltag

Der Hockey-Konzern SC Bern macht den grössten Teil seines Jahresumsatzes (inzwischen sind es rund 50 Millionen) während der Qualifikation. Erfolg und zufriedene Kunden von September bis Februar sind wichtiger als eine kurze Playoff-Euphorie im März und April. Deshalb ist der SCB mit Abstand die erfolgreichste Mannschaft der Qualifikation: In den letzten acht Jahren kamen die Berner nur zweimal nicht auf Platz eins oder zwei. Antti Törmänen ist als «spielerfreundlicher Coach» – also als Trainer, der sich mit den Spielern arrangiert – der perfekte Trainer für den monatelangen Alltag der Qualifikation. Seine Vertragsverlängerung macht also aus wirtschaftlichen Gründen sehr wohl Sinn.

Aber ist Antti Törmänen auch ein guter «Sprinter»? Ein Coach für «heisse» Spiele im Titelkampf? Er war es bisher nicht. Das 7. Finalspiel hat der SCB im letzten Frühjahr an der Bande verloren. Am letzten Freitag sass der finnische NHL-Scout Petri Skriko in Biel auf der Tribüne. Er frage mich nach dem Befinden seines Kollegen Antti Törmänen. Wir erörterten seine mögliche Vertragsverlängerung in Bern. Auf meinen Einwand, dass Törmänen den Titel an der Bande vergeigt habe und deshalb gar nicht mehr in Bern sein sollte, sagte Skriko vorwurfsvoll mit dem typischen drolligen finnischen Akzent auf Englisch: «Maybe he learnt from that.» («Vielleicht hat er daraus etwas gelernt»). Und setzte sich vehement für seinen Landsmann ein. Gegen Petri Skrikos Argumentation gibt es keinen vernünftigen Einwand.

SCB findet Verlängerung nicht zu früh

SCB-General Marc Lüthi kontert die Kritik, ein Vertrag sollte erst nach Saisonende verlängert werden wie einst bei Bill Gilligan. Der legendäre Amerikaner hat in vier Jahren für den SCB drei Titel geholt und immer nur Einjahresverträge akzeptiert, die er erst lange nach dem letzten Saisonspiel unterzeichnete. «Bill Gilligan ist wahrscheinlich der einzige Trainer der letzten hundert Jahre, der so programmiert war. Und selbst wenn ein Trainer den Titel holt ist es noch lange keine Garantie, dass es in der nächsten Saison wieder funktioniert.» Wohl wahr: Larry Huras wurde mit dem SCB 2010 Meister und im Herbst 2011 gefeuert.

Die Vertragsverlängerung mit Antti Törmänen ist auch ein Hinweis auf eine bemerkenswerte Unternehmenskultur: Sportchef Sven Leuenberger war gegen die Entlassung von Larry Huras und die Amtseinsetzung von Antti Törmänen und hat dies auch öffentlich gesagt. Aus dieser Meinungsverschiedenheit mit Marc Lüthi ist jedoch kein Konflikt entstanden. Offensichtlich erträgt SCB-General Marc Lüthi nicht nur Medien-Polemik mit Gelassenheit. Sondern auch interne Kritik.

Zu bequeme Entscheidung?

Ist die Vertragsverlängerung mit Antti Törmänen also richtig? Ja. Weil sie allen «chummlig» kommt und eine Win-Win-Situation schafft. «Chummlig» ist ein alter berndeutscher Ausdruck für etwas, das für alle bequem, für alle passend, gäbig, kommod – eben «chummlig» ist. Und wenn es künftig rund um Antti Törmänen doch chrisaschten sollte, dann ist es halt auch für die Polemiker vom Boulevard «chummlig», dass der Vertrag grad um zwei Jahre verlängert worden ist. Entweder schafft der SCB mit Antti Törmänen künftig mindestens das Finale – das Finale muss mit diesem Team das Minimalziel sein - oder wir erfreuen uns bald dieser oder jener kernigen Polemik. Eine Win-Win-Situation eben.

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