Drehscheibe Genf: Der Rohstoffhandel - eine lukrative Zeitbombe
Aktualisiert

Drehscheibe GenfDer Rohstoffhandel - eine lukrative Zeitbombe

2010 steuerte der Rohstoffhandel fast die Hälfte zum Schweizer Wachstum bei. Doch das Geschäft könnte uns ähnliche Probleme bringen wie die Schwarzgelder-Praktiken der Banken.

von
Balz Bruppacher
Genf ist weltweit führend beim Handel mit Getreide und Ölsaaten, zusammen mit London der wichtigste Handelsplatz für Baumwolle und die Nummer 1 in Europa für den Handel mit Zucker.

Genf ist weltweit führend beim Handel mit Getreide und Ölsaaten, zusammen mit London der wichtigste Handelsplatz für Baumwolle und die Nummer 1 in Europa für den Handel mit Zucker.

Die Zahlen sind eindrücklich: Ein Drittel des weltweiten Handels mit Rohöl und Erdölprodukten wird über Genf abgewickelt. Genf ist weltweit führend beim Handel mit Getreide und Ölsaaten, zusammen mit London der wichtigste Handelsplatz für Baumwolle und die Nummer 1 in Europa für den Handel mit Zucker. Parallel zur Rohstoffdrehscheibe hat sich das Finanzierungsgeschäft entwickelt. Auch hier ist Genf nach Angaben der Geneva Trading and Shipping Association (GTSA) weltweit führend. Komplettiert wird der Service durch die weltgrössten Wareninspektionsfirmen, die ihren Sitz ebenfalls in Genf haben. Insgesamt sind in der Genfersee-Region gemäss GTSA rund 400 Firmen ansässig, die direkt oder indirekt am Rohstoffhandel beteiligt sind und zusammen rund 8000 Personen beschäftigen.

Das tönt alles gut, bringt der Schweiz Impulse für den Arbeitsmarkt und Steuereinnahmen. Es gibt aber auch die Kehrseite der Medaille: «Mit dem Aufwärtstrend dieser Branche sind (…) auch beträchtliche Risiken verbunden», schrieb der Bundesrat kürzlich im Bericht über die aussenpolitischen Schwerpunkte. Dazu gehören Reputationsschäden, Spekulation und Preisschwankungen sowie illegaler und unrechtmässiger Handel. Entwicklungspolitische Organisationen hatten diese Praktiken seit langem angeprangert.

Einen Vorgeschmack auf die drohenden Imageprobleme lieferte der Oil-for-Food-Skandal bei der UNO. An den korrupten Öl-gegen-Nahrungsmittel-Geschäften, mit denen der irakische Diktator Saddam Hussein seine Kriegsmaschinerie finanzierte, waren Rohwarenkonzerne, Banken und Wareninspektionsfirmen beteiligt, die aus Genf operierten. Die Rohstoffhändler Vitol und Trafigura zahlten in den USA zweistellige Millionensummen für ihr Fehlverhalten. In der Schweiz wurden acht Firmen verurteilt und über 17 Millionen Franken eingezogen.

Masslose Manager «versauen» sozialpolitisches Klima

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgten in jüngster Zeit der Börsengang von Glencore sowie die geplante Elefantenhochzeit des Zuger Rohwarenriesen mit dem vorwiegend im Bergbau tätigen Schwesterkonzern Xstrata. Der Geldregen, der sich über die Glencore-Manager und -Aktionäre ergoss, lässt die Empörung über die Abzocker wieder in die Höhe schnellen. Bis weit ins bürgerliche Lager. Der Fall Glencore sei schon extrem, befand der designierte FDP-Präsident Philipp Müller in der «SonntagsZeitung». «Diese Herrschaften müssen sich eines bewusst sein: Mit ihrem Verhalten versauen masslose Manager das sozialpolitische Klima im Land», sagte der Aargauer Nationalrat.

Der Fall des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale im Kanton Waadt rückte die Praktiken der Schweizer Behörden beim Ansiedeln von Firmen ins Zwielicht. Es geht um Steuergeschenke. Die Kantonsregierung gab kürzlich dem Druck der Bundesbehörden nach und erklärte sich bereit, bei Vale Nachsteuern von 212 Millionen Franken einzutreiben. Die Brasilianer sollen nicht alle Bedingungen für die Steuerprivilegien erfüllt haben, die ihnen 2006 bei der Ansiedlung gewährt worden waren.

Im Kanton Zug sind es nicht Steuergeschenke im Einzelfall, sondern generell tiefe Steuern, die ein attraktives Umfeld für die Rohwarenbranche schaffen. Konzernen wie Glencore wird von Entwicklungsorganisationen vorgeworfen, durch tiefe konzerninterne Verrechnungspreise die Ursprungsländer der Rohstoffe um Steuereinnahmen zu prellen. Den Zuger Finanzdirektor Peter Hegglin kümmert solche Kritik wenig. Glencore werde in Zug korrekt besteuert, versicherte er in einem Interview der «WOZ» und fügte hinzu: «Wir können ja nicht von Zug aus beurteilen, ob ein Verrechnungspreis, der da abgemacht wurde, richtig ist.» Auch in Bern hat man kein Musikgehör für die Dritt-Welt-Argumente. «Allfällige Steuerschlupflöcher sind Sache des entsprechenden Landes und nicht der Schweiz», beschied Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf in der Fragestunde des Nationalrats.

Läuft die Schweiz erneut in einen Hammer?

Befürchtungen, wonach die Konzentration des weltweiten Rohstoffgeschäftes der Schweiz ähnliche Probleme wie die Schwarzgeld-Praktiken auf dem Finanzplatz bescheren könnte, werden aber auch im Bundeshaus nicht einfach vom Tisch gewischt. Die Schweiz müsse dafür sorgen, dass potenzielle Risiken von den Departementen frühzeitig erkannt würden, schreibt der Bundesrat in den aussenpolitischen Leitlinien. Die Regierung erklärte sich auch bereit, einen Bericht über die Reputationsrisiken zu erarbeiten. Der entsprechende SP-Vorstoss wurde aber am letzten Tag der Frühlingssession mit 98 gegen 93 Stimmen knapp abgelehnt. FDP und SVP stimmten geschlossen dagegen.

Dass Reputationsrisiken bestehen, wird auch von unverdächtiger Seite bestätigt. Das vor allem in der Beratung von internationalen Investmentbanken und Asset Managern tätige Zürcher Unternehmen RepRisk veröffentlichte soeben eine Studie über die 10 umstrittensten Bergbaukonzerne. Glencore liegt auf Platz 3 hinter den US-Konzernen Alpha Natural Resources und Newmont Mining.

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