Aktualisiert 13.05.2012 08:27

Urban Farming

Der Salat wächst eine Etage über dem Regal

Die Landwirtschaft erobert die Städte zurück: In New York entstehen immer mehr kommerzielle Dachfarmen, in denen Gemüse für Supermärkte und Restaurants angebaut wird.

von
Martin Suter
Das Gewächshaus von Gotham Greens, in dem seit einem Jahr kommerziell Gemüse angebaut und in Supermärkten verkauft wird.

Das Gewächshaus von Gotham Greens, in dem seit einem Jahr kommerziell Gemüse angebaut und in Supermärkten verkauft wird.

Den Rekord des höchsten Wolkenkratzers hat New York längst an andere Städte verloren. Dafür wird die Metropole am Hudson bald die Heimat der grössten Dachfarm der USA und vielleicht der ganzen Welt werden. Auf dem Flachdach eines früheren Fabrikgebäudes im Stadtteil Brooklyn will die Firma BrightFarms Anfang nächsten Jahres Salate und anderes Blattgemüse in einem fast ein Hektar grossen Gewächshaus anpflanzen.

Die hydroponische Dachfarm wird ohne Erde auskommen und soll jährlich eine halbe Million Kilogramm Gemüse produzieren, genug für 5000 Personen. Die Anbaupläne umfassen eine Vielzahl von Kopfsalaten, Tomaten und Kräutern. Die achtstöckige Mammutfabrik, auf deren Dach es spriessen und grünen soll, wurde 1916 für die US Navy errichtet. Seit 2000 steht das Gebäude leer – seine riesigen Dimensionen beeindrucken Autofahrer, die an ihm vorbei auf dem vielspurigen Brooklyn-Queens-Expressway in Richtung Staten Island brausen.

Stadtrat fördert ökologisches Bauen

«Brooklyn war im 19. Jahrhundert ein Zentrum der Landwirtschaft und ist heute ein Zentrum für lokales Essen wie wenige andere Orte», sagte BrightFarms-CEO Paul Lightfoot zur «New York Times», als das Projekt im April angekündigt wurde. Lightfoot will ein Geschäftsmodell einführen, wonach das Essen in der gleichen Gemeinschaft angebaut wird, wo man es verkauft und verspeist. «Wir suchen einen langfristigen Vertrag mit einem Kunden, der Lebensmittelläden betreibt», sagte Lightfoot.

Der Stadtrat beschloss am Montag, die Dachfarmen mit neuen Bau- und Zonenvorschriften zu fördern. Die Revision zielt grundsätzlich darauf ab, ökologisches Bauen zu begünstigen. Es soll leichter werden, Bewilligungen für dickere Gebäudeisolationen, Solaranlagen, Windmühlen und grüne Dächer zu erhalten. Da in New York 75 Prozent der klimaschädigenden Emissionen aus Gebäuden stammen, hoffen die Stadtoberen und Bürgermeister Michael Bloomberg, mit den neuen Vorschriften einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Robuster Geschäftssinn

Schon jetzt gibt es stadtweit mehr als 600 Gemeinschaftsgärten und ungefähr 30 Farmen, wovon die meisten von Nonprofit-Organisationen betrieben werden. Eine Pionierrolle spielte eine Gruppe von Enthusiasten im Greenpoint-Quartier von Brooklyn. Auf dem 600 Quadratmeter grossen Dach eines Lagerhauses an der Eagle Street schütteten sie 2009 Erde zu einem dünnen Acker auf. Seither pflanzen sie dort jeden Sommer Bio-Gemüse an, das sie in einem kleinen Ladenlokal gleich darunter verkaufen oder per Fahrrad an örtliche Restaurants ausliefern.

Die kommerziellen Dachbauern der jüngeren Generation motiviert weniger der Drang zurück zur Natur als ein robuster Geschäftssinn. Zu den ersten profitorientierten «Rooftop»-Farmen zählt die Brooklyn Grange im Stadtteil Queens nahe der Eagle Street. In sieben Stockwerken Höhe werden dort auf 4000 Quadratmetern Peperoni, Tomaten und andere Gemüsesorten angebaut. Ein Teil der Ernte landet auf den Tellern von Roberta's, einem nahegelegenen Restaurant. Die Brooklyn Grange ist so erfolgreich, dass sie die Expansion auf andere Dächer in Angriff nimmt.

Anbau ohne Erde

Vertreter des hydroponischen Anbaus betrachten ihre erdelose Methode als besonders geeignet für urbane Farmen. Am weitesten vorangeschritten ist die Firma Gotham Greens; sie hat in ihrem ersten Dach-Gewächshaus in Greenpoint vor einem Jahr mit der Ernte begonnen. Gotham Greens hebt auf ihrer Website hervor, dass der Dachbauer bei der hydroponischen Anbauweise das ganze Jahr hindurch alle Wachstumsbedingungen des Gemüses kontrolliere: Licht, Temperatur, Bewässerung und Nährstoffe. Die Pflanzen seien vor extremem Wetter geschützt, die sterile Umgebung mache Pestizide und andere Giftstoffe überflüssig. Überdies werde das Wasser rezykliert, so dass keine Abwasser die Kanalisation belasteten.

Gotham Greens und die nach der gleichen Philosophie operierenden BrightFarms wehren sich gegen den Vorwurf, hydroponisch angebautes Gemüse schmecke fader als jenes, das aus der Erde gewachsen sei. Weil der Anbau weniger Wasser und kleinere Flächen erfordere, könnten die Gewächshäuser näher bei der Verkaufsstelle stehen, und die Konsumenten erhielten frischere Ware, argumentieren sie. «Unsere Salate und Tomaten schmecken besser als die, welche über Tausende von Meilen transportiert worden sind», sagt BrightFarms-CEO Lightfoot. Die New Yorker Firma verfolgt daher das Ziel, hydroponische Systeme direkt auf die Dächer der Supermärkte zu stellen. Lokaler geht's nicht: Dann würde das Gemüse künftig nur noch eine Treppe vom Regal entfernt heranwachsen.

Hydroponischer Anbau

Im hydroponischen Treibhaus wachsen Gemüse und Salat ohne Erde und ohne Pestizide. Die Pflanzen werden in flüssiger Form mit den benötigten Nährstoffen und mit Dünger versorgt. Da die Erde als Grundversorger und Puffer für Nährstoffe fehlt, benötigt man spezielle Dünger, die für den hydroponischen Anbau geeignet sind. Hydroponische Systeme können im Prinzip mit geringem Aufwand hergestellt werden und daher auch in Ländern mit hohem Wüstenanteil zur Nahrungsgewinnung zum Einsatz kommen.

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