«Time-Out»: Der SCB und seine Transfer-Illusionen
Aktualisiert

«Time-Out»Der SCB und seine Transfer-Illusionen

Der SC Bern gilt zu Recht als eines der führenden Hockeyunternehmen ausserhalb der NHL. Aber erneut ist die Transferpolitik provinziell und mahnt an ein Potemkinsches Dorf.

von
Klaus Zaugg
Die Transferpolitik des SC Berns ist wenig überzeugend.

Die Transferpolitik des SC Berns ist wenig überzeugend.

Potemkinsches Dorf: Der Ausdruck kommt nicht aus dem Eishockey. Sondern aus dem alten Russland und geht auf Fürst Grigori Potemkin zurück. Er war ein Gouverneur, der sich um die Entwicklung der Krimhalbinsel bemühte. Angeblich liess er 1787 vor dem Besuch von Zarin Katharina II im neu eroberten Krimgebiet entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen zum Schein errichten, um das wahre armselige Gesicht der Gegend zu verbergen. Seither verwenden wir für Scheintätigkeiten den Ausdruck: «Potemkinsche Dörfer bauen.»

Dieser schöne Ausdruck passt gut für das aktuelle Wesen und Wirken von SCB-Sportchef Sven Leuenberger. Um sein Transfer-Treiben hat es in den letzten Wochen und Tagen immer wieder Gerüchte gegeben: Kommt Björn Christen vom EV Zug (er hat inzwischen verlängert)? Daniel Rubin von Servette? Reto Suri von den Lakers? So baut Sven Leuenberger für seinen Chef Marc Lüthi und die SCB-Kunden ein Potemkinsches Transferdorf: Es entsteht der Eindruck von reger Tätigkeit, Wichtigkeit und Kompetenz. Doch dahinter verbirgt sich armseliges Transfergebaren.

Anschluss bei Toptransfers verpasst

Beim SCB sind viel zu viele Namen ein Thema, die unsere Hockeylandkarte nicht verändern. Ob der SCB beispielsweise Daniel Rubin (diese Saison magere 5 Tore in 28 Spielen) holt oder nicht, hat auf das Leistungsvermögen der Mannschaft nullkommanull Einfluss. Der SCB hat eine der besten Nachwuchsabteilungen im Lande und braucht keine teuren Zweitklass-Transfers zur Kaderverbreiterung. Der SCB braucht Spieler für ganz oben in der Teamhierarchie.

Aber bei allen grossen Transfers steht SCB-Sportchef Sven Leuenberger inzwischen im Offside: Beispielsweise waren Goran Bezina, Julien Sprunger, Roman Wick, Andres Ambühl, Félicien Dubois, Steve Hirschi, Patrick von Gunten, Damien Brunner oder Severin Blindenbacher zu keiner Zeit ein ernsthaftes Thema beim SCB. Und in diesem Herbst hat auch noch Simon Moser bei Langnau verlängert. Dafür hat der SCB in den letzten Jahren Dutzendspieler wie Alex Chatelain, Marc Leuenberger, Philipp Rytz, Trevor Meier, Martin Stettler, Dominic Meier, Caryl Neuenschwander, Thomas Déruns oder Martin Höhener transferiert. Der SCB und seine Transferillusionen.

Berns Ausländer lösen Problem nicht

Auf dem Schweizer Markt sind die Berner also nicht dazu in der Lage, die Mannschaft entscheidend zu verbessern. Aber der SCB kann die Differenz bei den Ausländern machen: Wenn das breite Kader mit vier erstklassigen Ausländern ergänzt würde, dann wäre der SCB permanent Meisterkandidat Nummer eins. Aber der SCB hat einen guten (Roche) und vier an den SCB-Ansprüchen gemessen ungenügende ausländische Arbeitnehmer. Der beste SCB-Ausländer steht in der Ausländer-Ligaskorerliste auf Position 21 (!). Die Bankrotterklärung der Ausländerstrategie. Höhepunkt des glücklosen Treibens war bisher ein Hobby-NHL-Juniorenscout auf der SCB-Lohnliste. Dieser grobe Unfug ist inzwischen wieder beendet worden. Der SCB-Sportchef muss selber ein so gutes Beziehungsnetz haben, dass er gratis an jede Informationen über einen Spieler herankommt. Die Natelnummer von jedem NHL-Chefscout und NHL-General Manager ist für den SCB-Sportchef ebenso Pflicht wie dreimal pro Saison eine Dienstreise nach Nordamerika und Skandinavien zur Beziehungspflege.

Ein SCB-Sportchef sollte seine Zeit und sein Geld in die Transfers von erstklassigen Schweizern und Ausländern investieren. Der SCB ist eines der führenden Hockeyunternehmen Europas. Der beste, charismatischste Trainer und mindestens drei der besten erhältlichen Ausländer Europas müssen beim SCB unter Vertrag stehen. In der Schweiz sollte es endlich wieder so sein, dass es cool ist, für den SCB zu spielen und eigentlich sollte einer mit der Schuhgrösse von Daniel Rubin dankbar sein, dass er nach Bern wechseln darf. Diese Arroganz sollte sich der SCB wieder leisten und im Selbstverständnis das Bayern München des Eishockeys sein. Auf allen Ebenen darf für dieses Unternehmen nur das Beste gut genug sein.

Weiters Problem: Lange Verträge

Dazu gehört auch ein Ende der unsinnige Politik der langfristigen Verträge (Gardner, Bührer, Furrer, Meier, Rüthemann), die es verunmöglicht, die Mannschaft zu erneuern und Geld für wirkliche Stars freizubekommen. Diese teuren Knebelverträge verkauft das Management ganz im Sinne von Fürst Potemkin als Kontinuität. Das ist barer Unsinn. Ein Unternehmen wie der SCB braucht nicht Bequemlichkeit durch Kontinuität. Sondern eine gesunde dynamische Unruhe, Erfolge, Titel, Schlagzeilen, spektakuläre Transfers – und alles hin und wieder gewürzt mit einer richtigen, rockigen sportlichen Krise, die eine Erneuerung provoziert.

Beim SCB ist eine «Überprofessionalisierung» nicht zu übersehen: Zu viele Bequemlichkeiten für die Spieler und den Sportchef, zu wenig Mut zum sportlichen Risiko. Doch Sport ohne Risiko gibt es nicht. Es ist bezeichnend, dass SCB-General Marc Lüthi den spektakulären Trainerwechsel über den Kopf seines bequem gewordenen Sportchefs hinweg inszenieren musste.

Sven Leuenberger ist ein guter Sportchef. Wenn er will. Und wenn ihm sein Chef Marc Lüthi Beine macht. Leuenberger hat im Sommer 2008 Martin Plüss nach Bern geholt. Ein Schlüsseltransfer, der 2010 mit dem Titelgewinn zinste. Für solche Transfers ist Leuenberger bezahlt. Die Rubins dieser Liga können auch die tüchtigen SCB-Sekretärinnen transferieren.

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