«Time-Out»: Der SCB wagt das «Shedden-Experiment»
Aktualisiert

«Time-Out»Der SCB wagt das «Shedden-Experiment»

SCB-General Marc Lüthi hält auch nach der 0:3-Pleite gegen die Lakers eisern an Trainer Antti Törmänen fest. Er geht ein unkalkulierbares Risiko ein.

von
Klaus Zaugg

Vor einem Jahr hat Marc Lüthi ohne jede sportliche Not und gegen den Rat seines Sportchefs Sven Leuenberger Trainer Larry Huras gefeuert und durch Antti Törmänen ersetzt.

Nun steckt der SCB in der tiefsten Krise seit dem Herbst 2004. Aber Marc Lüthi stützt seinen Trainer Antti Törmänen durch alle Böden hindurch. So viel Geduld hatte der SCB seit dem Wiederaufstieg von 1986 noch nie mit einem Trainer.

Marc Lüthi begründet sein Festhalten am Trainer gegenüber 20 Minuten Online so: «Wenn die Spieler nicht Vollgas geben, dann ist nicht nur der Trainer schuld. Es gibt auch eine Eigenverantwortung der Spieler.» Wird also am Freitag gegen die Kloten Flyers wieder Antti Törmänen an der Bande stehen? «Ja.» Und was ist, wenn der SCB erneut verliert? Marc Lüthi, grantig: «Wir werden nicht verlieren.» Seine Worte in Gottes Ohr.

Wie einst der EV Zug

Dieses Festhalten am Trainer kann durchaus richtig sein. Der EV Zug hat im Herbst 2008 trotz einer noch tieferen Krise seinen neuen kanadischen Trainer Doug Shedden im Amt belassen. Nach einem 2:1-Sieg im ersten Spiel folgte eine beispiellose Niederlagenserie: 3:4 n.V. gegen Langnau, 2:3 gegen den ZSC, 2:4 gegen Biel, 1:4 gegen Servette, 2:4 gegen Ambri und schliesslich ein 0:6 gegen Langnau. Sieben Spiele, sechs Pleiten und der letzten Platz – dagegen nimmt sich die aktuelle SCB-Depression (drei Niederlagen in den letzten sieben Spielen und Rang 7) geradezu harmlos aus.

Die Kritik in Zug war damals heftig, die Polemik feurig, der Spott bissig. Doch die Zuger blieben cool und hielten durch die Krise im September, Oktober, November und Dezember unbeirrt zu ihrem Trainer. In erster Linie, weil eine Entlassung – Shedden hatte einen hochdotierten Zweijahresvertrag – gut und gerne eine Million gekostet hätte und damit ganz einfach viel zu teuer war. Und siehe da: Das «Shedden-Experiment» funktionierte. Die Zuger kamen vom letzten Platz weg, qualifizierten sich in einem sensationellen Endspurt im 50. und letzten Qualifikationsspiel für die Playoffs und kippten dann im Viertelfinale Qualifikationssieger SC Bern grandios aus den Playoffs. Warum sollte das «Shedden-Experiment» nicht auch dem SC Bern mit Antti Törmänen gelingen?

Es brauchte eine Gewöhnungsphase

Es gibt einen ganz grossen Unterschied zwischen dem EV Zug im Herbst 2008 und dem SC Bern im Herbst 2012: die Persönlichkeit des Trainers. Die Spieler mussten sich in Zug nach dem freundlich-grantigen Gentleman und Kabinen-Politiker Sean Simpson erst an den «Rumpelkommunikator» Doug Shedden und seine raue, direkte Art gewöhnen. Sie erlebten einen Kulturschock. Aber der charismatische Kanadier wich nicht einen Millimeter von seiner harten Linie ab. Er schonte mit Kritik auch die Stars nicht und gewann so nach und nach das Vertrauen aller Spieler. Sie waren schliesslich bereit, für ihren Chef durchs Feuer zu gehen – und so ist es heute noch. Nur Josh Holden mag den Trainer nicht.

Doug Shedden steht inzwischen in seinem fünften Dienstjahr. Viermal hintereinander hat er den EVZ ins Halbfinale geführt. Den Fans beschert er während der Qualifikation ordentlich Rock und Roll. Meister ist er nicht geworden, weil im Halbfinale Torhüter Jussi Markkanen der Nervenbelastung nie gewachsen ist.

Törmanen funktioniert nicht wie Shedden

Antti Törmänen ist nicht Doug Shedden. Der Unterschied im persönlichen Auftreten zwischen dem autoritären, charismatischen Doug Shedden und dem freundlichen, klugen, antiautoritären Antti Törmänen ist noch grösser als derjenige zwischen dem Kapitalisten Marc Lüthi und dem Sozialisten und alt Bundesrat Moritz Leuenberger. Doug Shedden personifiziert eine entschlossene Kämpfernatur, Antti Törmänen den freundlichen, verständnisvollen Problemausdiskutierer und –aussitzer.

Gelingt Marc Lüthi mit dem Festhalten an seinem finnischen Trainer das «Shedden-Experiment», dann müssen wir im Bernbiet Kevin Schläpfer den Titel als «Hockey-Gott» aberkennen. Weil dann der Hockeygott in Bern hockt. Und wir werden uns vor Antti Törmänen verneigen und wünschen, dass alle unsere kritischen Worte zu Fünflibern in der SCB-Kasse werden.

Das Risiko ist gross

Aber wenn dieses Experiment in Bern schiefgeht, dann riskiert Marc Lüthi nicht bloss die Playouts, sondern auch die Zersetzung der über Jahre sorgsam aufgebauten, gehegten und gepflegten und nordamerikanisch geprägten SCB-Leistungskultur. Und damit einen so grossen sportlichen Landschaden, dass ihn die Aufräumarbeiten noch während der ganzen nächsten Saison beschäftigen würden.

Noch selten hat ein Hockeymanager so hoch gepokert wie jetzt der SCB-General. Der Unterhaltungswert dieses «Shedden-Experimentes» ist ganz einfach unbezahlbar.

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