Anschlag in Istanbul: «Der Scheiss-Terrorismus stiehlt mir mein Leben!»
Aktualisiert

Anschlag in Istanbul«Der Scheiss-Terrorismus stiehlt mir mein Leben!»

Ein Selbstmordanschlag nahe der berühmten Blauen Moschee in Istanbul fordert zehn Tote – fast alle kommen aus Deutschland. Eine Istanbulerin erzählt vom Klima der Angst.

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gux/nsa

Eine Zusammenfassung zum tödlichen Anschlag bei der Blauen Moschee in Istanbul:

Ein Selbstmordattentäter hat sich am Dienstagvormittag offenbar gezielt unter eine deutsche Reisegruppe gemischt und sich dann in die Luft gesprengt. Er riss zehn Menschen mit in den Tod. Unter den Todesopfern sind acht Deutsche, zuvor waren neun deutsche Opfer gemeldet worden. Am Abend teilte Ankara zudem mit, zwei der Toten seien noch nicht identifiziert, und dementierten damit Meldungen von einem getöteten Peruaner. 15 Menschen, darunter ebenfalls viele Deutsche, wurden verletzt. Das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hatte bis zum Abend keine Kenntnis über Schweizer Opfer.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die Zahl der deutschen Opfer könne noch steigen. Sie verurteilte den Anschlag als «mörderischen Akt». «Die Terroristen sind Feinde aller freien Menschen, ja, sie sind Feinde aller Menschlichkeit», sagte sie am Abend in Berlin. «Heute hat es Istanbul getroffen, zuvor Paris, Kopenhagen, Tunis und so viele Orte mehr», betonte Merkel. Das Auswärtige Amt sei im Einsatz, um alle Betroffenen und Verletzten zu unterstützen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hätten ihr das tiefe Beileid des türkischen Volkes ausgesprochen. Die deutsche Regierung kam noch am Dienstagabend zu einer Sondersitzung zusammen.

Berliner Reiseanbieter

Die getöteten Deutschen waren mit einem Berliner Reiseveranstalter unterwegs. Nach aktuellem Kenntnisstand seien unter den toten Deutschen «mehrere Personen einer Reisegruppe der Lebenslust Touristik GmbH Berlin», teilte das Unternehmen mit. Zudem müsse von einer «grösseren Anzahl verletzter Reisender ausgegangen werden». Insgesamt war demnach eine 33 Reisende umfassende Gruppe zum Zeitpunkt des Anschlags in Istanbul.

Nach Angaben der türkischen Regierung war der Attentäter Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Der Syrer mit Jahrgang 1988 soll kürzlich in die Türkei eingereist sein und nicht zu den Personen gehört haben, die die Türkei zur Beobachtung ausschrieb.

Seit sich Ankara nach langem Zögern im Sommer dem Kampf gegen den so genannten Islamischen Staat anschloss, ist die Türkei zunehmend ins Visier der Terrormiliz geraten.

Noch bekannte sich niemand zu der Tat.

Gegenüber 20 Minuten berichtet eine Türkin (36), die namentlich nicht genannt werden will, vom heutigen Schreckenstag aus Istanbul:

Wie ist die Stimmung in Istanbul im Moment?

Es ist schlimm. Die Leute haben ständig Angst. Wir sind immer wieder am Telefon und fragen unsere Freunde, ob bei ihnen alles okay ist, weil es hier so viele schlechte Nachrichten gibt. Nach Ankara gab es Gerüchte, dass es einen Anschlag auf die Metro geben soll, und alle hatten Angst davor, damit zur Arbeit zu fahren.

Wie lebt man in diesem Klima der Angst?

Ein paar Tage nach dem Anschlag von Ankara (im Oktober) musste ich einmal die Metro nehmen. Ich habe es nur eine Station weit geschafft, bis ich einen Panikanfall hatte und aussteigen musste. Istanbul ist eine sehr dicht besiedelte Stadt, in der es schwierig ist, den Menschenmassen zu entkommen. Durch den Terrorismus sind wir dazu noch alle paranoid geworden. Das ist sehr schwierig.

Wie werden Sie Ihren restlichen Tag verbringen?

Wie schon so viele Male zuvor: Ich werde zu Hause fernsehen, Nachrichten lesen und versuchen zu verstehen, was in meiner Stadt passiert. Ich werde mich schon wieder fragen müssen, wie viele Tote es gegeben hat, wer zu den Opfern zählt und ob es nochmal einen Anschlag geben könnte. Dieser Scheiss- Terrorismus stiehlt mir mein Leben!

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(gux/nsa/afp)

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