Jerry Guerinot: «Der schlechteste Anwalt der USA» hört auf
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Jerry Guerinot«Der schlechteste Anwalt der USA» hört auf

Der texanische Anwalt Jerry Guerinot hat bisher keinem einzigen Todeskandidaten das Leben gerettet. Jetzt schmeisst er nach 40 Berufsjahren das Handtuch.

von
M. Graczyk
AP
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Jerry Guerinot aus Texas vertritt seit vier Jahrzehnten Mörder vor Gericht, denen die Hinrichtung droht. In dieser Zeit wurde keiner der drei Dutzend Angeklagten für unschuldig erklärt.

Jerry Guerinot aus Texas vertritt seit vier Jahrzehnten Mörder vor Gericht, denen die Hinrichtung droht. In dieser Zeit wurde keiner der drei Dutzend Angeklagten für unschuldig erklärt.

AP/Michael Graczyk
Guerinot arbeitet in Houston, im Bezirk Harris, der mehr Verurteilte in den Todestrakt schickt als jeder andere Bezirk der USA. Der Anwalt hat also viel zu tun. Vielleicht zu viel, um die Beschuldigten angemessen vor Gericht zu verteidigen. Im Bild: einer von Guerinots Mandanten, der 39 Jahre alte Maknojiya Jainul.

Guerinot arbeitet in Houston, im Bezirk Harris, der mehr Verurteilte in den Todestrakt schickt als jeder andere Bezirk der USA. Der Anwalt hat also viel zu tun. Vielleicht zu viel, um die Beschuldigten angemessen vor Gericht zu verteidigen. Im Bild: einer von Guerinots Mandanten, der 39 Jahre alte Maknojiya Jainul.

AP/Michael Graczyk
Guerinots prominenteste Fall ist der von Linda Carty, der einzigen Britin, die in den USA in der Todeszellen sitzt. Ihr Anwalt hat sich aber nie um juristische Unterstützung durch die britische Botschaft bemüht. Laut Guerinot hat Carty ihm auch nie gesagt, dass sie britische Staatsbürgerin ist. Im Bild: Bianca Jagger setzt sich für Cartys Freilassung ein.

Guerinots prominenteste Fall ist der von Linda Carty, der einzigen Britin, die in den USA in der Todeszellen sitzt. Ihr Anwalt hat sich aber nie um juristische Unterstützung durch die britische Botschaft bemüht. Laut Guerinot hat Carty ihm auch nie gesagt, dass sie britische Staatsbürgerin ist. Im Bild: Bianca Jagger setzt sich für Cartys Freilassung ein.

epa/Andy Rain

Wer in Texas eines Kapitalverbrechens beschuldigt wird, sollte sich nicht an Jerry Guerinot wenden. Der Anwalt gewann in den vergangenen Jahrzehnten nicht einen solchen Fall und will sich nun zurückziehen - zumindest teilweise.

Gegner der Todesstrafe nennen ihn den schlechtesten Anwalt der USA: Jerry Guerinot aus Texas vertritt seit vier Jahrzehnten Mörder vor Gericht, denen die Hinrichtung droht. In dieser Zeit wurde keiner der drei Dutzend Angeklagten für unschuldig erklärt.

Er hatte die Schlimmsten der Schlimmsten

Guerinot fühlt sich dafür nicht verantwortlich, will aber in Zukunft keine Mordverdächtigen mehr vor Gericht vertreten.

«Meine Theorie ist, wenn sie die Schlimmsten der Schlimmsten sind, dann bekomme ich sie», sagt der 71-Jährige. «Jemand muss sie verteidigen — aber verteidigen ist das falsche Wort, jemand muss sie vertreten.» Und er hat sie vertreten: Gangmitglieder, Serienmörder und Soziopathen, denen furchtbare Verbrechen zur Last gelegt wurden.

Guerinot arbeitet in Houston, im Bezirk Harris, der mehr Verurteilte in den Todestrakt schickt als jeder andere Bezirk der USA. Der Anwalt hat also viel zu tun. Vielleicht zu viel, um die Beschuldigten angemessen vor Gericht zu verteidigen, findet Jim Marcus, Co-Direktor der Capital Punishment Clinic an der Universität von Texas, die sich für Wiederaufnahmeverfahren in Todesstrafenfällen einsetzt.

Vier Fälle in sieben Monaten behandelt

Marcus nennt als Beispiel einen Fall aus dem Jahr 1996, als Geschworene innerhalb von sieben Monaten vier Mandanten von Guerinot in getrennten Verfahren zum Tode verurteilten. Drei der Verurteilten wurden bereits hingerichtet. Marcus vertritt derzeit den vierten, Anthony Medina, der seinen Angaben zufolge in dem Verfahren praktisch überhaupt nicht verteidigt wurde. Guerinot sei nicht ausreichend vorbereitet gewesen und habe Zeugen unzureichend befragt. «Es ist undenkbar, dass ein Verteidiger vier Mordfälle in einem Zeitraum von sieben Monaten vor Gericht zum Urteil bringt», sagt Marcus.

Guerinot erklärt dagegen, er sei nicht in allen Fällen der Hauptverteidiger gewesen. Zwei der Fälle seien schon Monate zuvor vorbereitet worden und er selbst habe erhebliche Zeit für den Medina-Fall aufgewendet. Er räumt ein, dass leicht der Eindruck entstehen könne, er wolle die Fälle rasch zum Abschluss bringen, um eine Rechnung stellen zu können, «aber so ist es nicht gewesen».

Angeklagte waren minderjährig

Während seiner Zeit als Anwalt wurden 21 von Guerinots Mandanten zum Tode verurteilt, wie Gerichtsdokumente zeigen. Zehn wurden hingerichtet. In zwei Fällen wurde die Todesstrafe in lebenslange Haft umgewandelt, als der Oberste Gerichtshof entschied, dass Angeklagte nicht zum Tode verurteilt werden können, wenn sie zum Zeitpunkt des Verbrechens jünger als 18 Jahre alt waren. Ein Fall ist derzeit in der Berufung, in einem anderen liess die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe fallen.

13 weitere Mandanten wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, entweder wegen eines Deals mit der Staatsanwaltschaft, weil die Geschworenen sich nicht auf die Todesstrafe einigen konnten oder die Anklage sie gar nicht erst forderte. «Man hört nie von den Fällen, in denen die Jury mit einer lebenslange Haftstrafe (von ihren Beratungen) zurückkam», sagt Guerinot.

Der Fall Carty kommt wieder vor Gericht

In diesem Herbst gehen die Fälle von zwei ehemaligen Mandanten des Anwalts erneut vor Gericht. Zwar steht seine Leistung als Verteidiger nicht im Mittelpunkt, aber die Fälle werfen dennoch die Frage auf, ob die Angeklagten angemessen vor Gericht vertreten wurden. Der prominenteste Fall ist der von Linda Carty, der einzigen Britin, die in den USA in der Todeszellen sitzt.

«Ich hasse es, nur den Namen dieses Mannes auszusprechen», sagte Carty in einem Interview von 2010 über ihren früheren Verteidiger. «Ich wäre nicht hier, wenn ich einen besseren Anwalt gehabt hätte.» Sie wurde 2002 dafür verurteilt, die Ermordung ihrer 20 Jahre alten Nachbarin organisiert und deren Baby entführt zu haben. Carty hat eine Beteiligung an der Tat bestritten. Drei Männer, die als Komplizen verurteilt wurden, erhielten lange Haftstrafen. Carty bekam die Todesstrafe.

Ihre aktuellen Anwälte glauben, dass sie einen neuen Prozess verdient. Die Staatsanwaltschaft habe damals Beweise zurückgehalten. Mit Guerinot habe sie erst einen Monat vor dem Prozess erstmals gesprochen, sagt Carty der Nachrichtenagentur AP. Er habe sich auch nie um juristische Unterstützung durch die britische Botschaft bemüht. Guerinot erklärt dagegen, Carty habe sich vier Monate lang geweigert, mit ihm zu sprechen. Sie habe ihm auch nie gesagt, dass sie britische Staatsbürgerin sei. «Sie hat die Todesstrafe bekommen, weil es ein schreckliches Verbrechen war», sagt der Anwalt.

Er hat es satt, ständig angeprangert zu werden

In dem zweiten Fall war Guerinot Assistent des Hauptverteidigers. Duane Buck wurde nach seinem Schuldspruch 1997 wegen zweifachen Mordes in Houston zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof wird sich am 5. Oktober mit der Zeugenaussage eines Psychologen im Prozess beschäftigen. Der war von der Verteidigung bestellt worden und sagte im Kreuzverhör aus, Schwarze würden leichter gewalttätig als Weisse.

Kathryn Kase, Direktor von Texas Defender Service, einer Gruppe, die Buck und andere Todeskandidaten in ihren Berufungsverfahren vertritt, sieht Fehler in der damaligen Verteidigung. Diese hätte versuchen müssen, die Aussage des Psychologen zu stoppen. Schliesslich sei der Angeklagte ein schwarzer Mann gewesen. «Sie haben nie Einspruch eingelegt gegen die Fragen der Staatsanwaltschaft oder gegen die Aussage, dass die Hautfarbe jemanden mit höherer Wahrscheinlichkeit in Zukunft gefährlich werden lässt.»

Guerinot glaubt, er habe in den vergangenen Jahren so viele Mordfälle bekommen, weil er eben Erfahrung mit dieser Art von Verfahren habe. Ganz zurückziehen will er sich noch nicht, aber keine Fälle mit möglicher Todesstrafe mehr annehmen. Er habe es satt, deswegen ständig angeprangert zu werden. Er habe immer nur sicherstellen wollen, dass die Angeklagten ein faires Verfahren bekommen. «Und bei Gott, da war nicht einer, der es nicht bekommen hat», beteuert er.

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