China-Girl vs. US-Protz: Der schnellste Mensch ist ein Mädchen
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China-Girl vs. US-ProtzDer schnellste Mensch ist ein Mädchen

Grosse Hände oder «Trainingsmethoden made in China»? Die 16-jährige Ye Shiwen pulverisiert den 400-m-Lagen-Weltrekord und legt die letzten 50 Meter schneller zurück als der aktuell beste Mann.

von
fox

Die Sportwelt reibt sich die Augen. Da schwimmen die amerikanischen Superstars Ryan Lochte und Michael Phelps über 400-Meter-Lagen im Final an der Grenze ihres aktuellen Könnens. Steigen sie aus dem Wasser, schmachten Frauen reihenweise dahin. Durchtrainiert, muskelbepackt, Männerkörper zum Wegschmelzen. Schneller als diese Schwimmraketen kann kein Mann sein.

Richtig. Denn die 16-jährige Chinesin, die wenig später schneller schwimmt, ist noch fast ein Kind und startet bei den Frauen. Sie verteilt ihre Kraft auf knapp zwei Drittel des Gewichts von Lochtes und ist 16 Zentimeter kleiner als der US-Hüne. Aber: Auf den zweitletzten 50 Metern nimmt sie Superstar Phelps virtuell 0,13 Sekunden ab und auf der letzten Bahn Olympiasieger Lochte bei seinem Siegeslauf 0,17 Sekunden. «Das ist ziemlich beeindruckend», meinte Lochte danach, als er auf Shiwen angesprochen wurde. Sie hätten das beim Abendessen angesprochen.

«Ziemlich beeindruckend» ist vielleicht etwas untertrieben. Man könnte auch «unglaublich beeindruckend» sagen. Denn in praktisch allen olympischen Sportarten - und auch anderen Wettbewerben, bei denen es um Kraft und Ausdauer geht - gilt meist: Männer können höher, weiter, schneller. Ob Tennis, 100-m-Sprint, 800-m-Lauf, Marathon, Rudern, Volleyball - die Liste ist endlos. Männersport ist kraftvoller und härter. Und jetzt kommt die 1.72 Meter grosse Chinesin mit ihren 62 Kilogramm und weist die Schwimmkolosse in die Schranken. Unmöglich, oder? Anscheinend nicht.

Doping? - «Nein, Wissenschaft»

Die Entwicklung der Überraschungssiegerin sorgt für ungläubiges Kopfschütteln. Innerhalb von zwölf Monaten verbesserte sie ihre persönliche Bestmarke um fünf Sekunden, den Weltrekord hat sie um sagenhafte 1,02 Sekunden verbessert und es ist zudem der erste Rekord bei den Frauen, seit die Wunderanzüge Ende 2009 wieder verboten wurden.

Kein Wunder kommt da die Doping-Frage auf. Shiwen sagt einzig: «Wir trainieren sehr gut, auf sehr wissenschaftlicher Basis, deswegen haben wir uns so verbessert.» Schwimmen sei halt wichtig in ihrer Heimat und die Trainer seien ausgezeichnet. Spricht da eine naive 16-Jährige oder eine abgebrühte Dopingbetrügerin? Fakt ist: Im März wurde ihre Trainingspartnerin und chinesische Staffelweltmeisterin Li Zhes wegen Dopings mit Epo überführt. Öffentliche Anschuldigungen blieben nach der Wunderleistung Shiwens vorerst aus.

Dopingjäger Franke: «Physiologisch nicht unmöglich»

Dopingjäger Werner Franke will sich nicht auf die Äste hinauslassen und erklärt gegenüber dem SID: «Überprüfungswürdig, aber physiologisch nicht unmöglich.» Das würde zur «Saga» um die Entdeckung der frisch gebackenen Olympiasiegerin passen. Ihrer Kindergärtnerin seien die grossen Hände der kleinen Ye aufgefallen und man habe sie daraufhin zum Schwimmunterricht geschickt. Auf den aktuellen Bildern fallen die «Schaufel-Hände» nicht auf. Und selbst wenn, die schnellsten Männer sind nicht selten mit Schuhgrösse 52 unterwegs.

Shiwen machte sich übrigens heute über 200-m-Lagen auf zur nächsten Demonstration. Im Vorlauf nahm sie mit 2:08.90 Minuten der zweitschnellsten 1,61 Sekunden ab. Der Weltrekord von Adriana Kukors aus dem Jahr 2009 (2:06.15 Minuten) liegt zwar noch in weiter Ferne. Aber vielleicht zündet sie im Final (Dienstag, 20.43 Uhr) nochmals den Turbo und sichert sich den Rekord doch noch. Im Halbfinal vom Montagabend stellte sie mit 2:08.39 Minuten einen neuen Olympischen Rekord auf. Wir sind gespannt aufs Finale.

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