Analyse: Der schuldige Sündenbock
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AnalyseDer schuldige Sündenbock

Lance Armstrong ist seine sieben Tour-de-France-Titel los. Eine richtige und wichtige Entscheidung, findet unser Sportredaktor. Nur: Kein anderer hat es verdient, seine Titel zu erben.

von
Herbie Egli

Der Radsportweltverband UCI vollstreckte, was die amerikanische Antidoping-Behörde USADA aufgegleist hatte: Lance Armstrong wurden all Tour-de-France-Titel von 1999 bis 2005 aberkannt. UCI-Präsident Pat McQuaid sagte in Genf, Armstrong habe keinen Platz mehr im Radsport. Er selbst schloss einen Rücktritt aus.

McQuaid und seine UCI haben sich also den Beweisen gebeugt, die die USADA in einem rund 1000-seitigen Bericht gesammelt hatte. Genau in diesem Bericht wurde der Radsportweltverband aber selbst hart kritisiert, Armstrong gedeckt zu haben. Die Rede ist von einer positiven Probe während der Tour de Suisse 2001, die verschleiert worden sein soll. Der UCI-Präsident räumte ein, 2002 eine finanzielle Überweisung von Armstrong in der Höhe von 125 000 Dollar bekommen zu haben. Diese sei aber eine Spende und kein Schweigegeld gewesen, so McQuaid.

Neuvergabe der Tour-Titel überflüssig

Was mit den sieben Gesamtsiegen von Armstrong passiert, steht momentan noch in den Sternen. Die UCI will am Freitag in einer Sondersitzung darüber beraten. Doch eines ist klar: Diese Titel den jeweils Zweitplatzierten zu vergeben, wäre ein Witz. Denn diese haben nichts anderes gemacht als Armstrong während seiner glorreichen Karriere. Einige kamen damit durch, andere nicht. Wie zum Beispiel Alex Zülle, der 1999 hinter Armstrong Gesamtzweiter wurde. Es verwundert nicht, dass er kein Interesse daran hat, Armstrongs Titel zu erben. Einen Gesamtsieg zu beanspruchen, ohne ihn ehrlich verdient zu haben und das rückwirkend auf vor 13 Jahren - so dreist sind wohl die wenigsten Dopingsünder.

Aber so weit wird es wohl ohnehin nicht kommen: Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme betonte bereits vor der Verurteilung Armstrongs, dass man die Titel nicht neu vergeben wolle.

Eigentlich wäre es nur konsequent, wenn die Siegerlisten der Grande Boucle generell gelöscht würden. Doch das ist Wunschdenken. Wer will schon an den fünf Tour-Siegen der französischen Helden Bernard Hinault und Jacques Anquetil oder jenen von Miguel Indurain und Eddy Merckx rütteln. Vier Legenden, die nun wieder in die Rekordbücher aufrücken, da Armstrong mit seinen sieben Titeln daraus gestrichen werden muss. Der Radsport ist sich Freund und Feind, Fluch und Segen zugleich. Und Armstrong der Prominenteste unter vielen Fehlbaren, an dem nun ein Exempel statuiert wird. Als würde ein Spieler gebüsst in einem Turnier mit etlichen Mannschaften, von dem jeder weiss, dass es getürkt ist.

Keine Reaktion von Armstrong

Das gestürzte Rad-Denkmal selbst äusserte sich noch nicht persönlich zu seiner grössten Niederlage. Der sonst so eifrige Twitterer zwitscherte am Montagnachmittag unserer Zeit nichts in die Welt hinaus. Andere grosse Radstars, die häufig von den maximal 140 Zeichen Gebrauch machen, halten sich ebenfalls vornehm zurück. Man ist ja schliesslich eine verschworene und verschwiegene Gemeinde. Mal abgesehen von Armstrongs ehemaligen Teamkollegen wie Floyd Landis und Tyler Hamilton, die mit ihren Aussagen unter Eid der USADA den Weg frei machten, um den Tour-Dominator der Jahrtausendwende zu stürzen.

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