Aktualisiert 11.03.2020 06:44

Experteneinschätzungen«Der Schweiz drohen Zustände wie in Italien»

Das sich sehr rasch ausbreitende Coronavirus bringt Italiens Spitäler ans Limit. Ohne Massnahmen drohe dies auch der Schweiz, so Experten.

von
P. Michel

Das sagen Italo-Schweizer zur Coronakrise im Nachbarland. (Video: Philipp Salzmann)

Das Coronavirus bringt das italienische Gesundheitssystem an die Grenze des Kollapses: Die Behörden zählen über 10'000 Fälle (Stand 10. März), allein innerhalb eines Tages kamen fast 1000 Fälle hinzu. Bisher sind über 630 Personen am Virus gestorben. Ein Arzt in einem Spital in Bergamo sagte der Zeitung «Corriere della Sera»: «Man entscheidet nach den Kriterien Alter und Gesundheitszustand – es ist wie in allen Kriegssituationen.»

Italiens Premier Giuseppe Conte hat aufgrund der rasanten Ausbreitung die Notbremse gezogen und das ganze Land quasi unter Quarantäne gestellt. Damit will er verhindern, dass die Gesundheitsversorgung zusammenbricht sowie Ansteckungen eindämmen.

Kein anderes Land in Europa wurde bisher so heftig getroffen wie Italien (siehe Box). Experten rechnen damit, dass bei einem ähnlichen stetigen Anstieg der Fallzahlen – täglich ein Drittel mehr Fälle – andere europäische Länder mit Verzögerung auf das Niveau Italiens zusteuern. «Ausser Japan werden all diese Länder in 9 bis 14 Tagen Italien sein», schreibt Mark Handley, Professor für Netzwerksysteme am University College in London. Japan schloss Ende Februar die Schulen, sagte Veranstaltungen ab und verordnete Homeoffice.

Auch Südkorea ergriff ähnlich restriktive Massnahmen. Laut Handley hat dies erste Wirkung gezeigt, die Kurve sei abgeflacht.

Italiener ist mit toter Schwester eingesperrt

Luca Franzese hat auf Facebook einen Hilferuf gepostet. Im Video zeigt er seine tote Schwester, die am Coronavirus gestorben sein soll.
(Video: Luca Franzese via Facebook)

Für Richard Neher, ausserordentlicher Professor am Biozentrum der Universität Basel, kommen die drastischen Massnahmen Italiens «nicht zu früh». Er hält sie für eine «gute Entscheidung». Aber: «Es wird etwas dauern, bis die Gegenmassnahmen greifen. Die Ereignisse in China zeigen, dass das Virus durch rigorose Massnahmen eingedämmt werden kann.»

Tessiner Arzt ist besorgt

Alarmiert ist der Tessiner Arzt für Infektiologie, Andreas Cerny, angesichts der Lage in Italien. «Es ist sehr schlimm. Ich weiss von italienischen Kollegen, dass das Gesundheitssystem in den besonders betroffenen Regionen nahe am Kollaps steht.» Er rechnet damit, dass auch der Schweiz mit Verzögerung ein starker Anstieg der Fallzahlen und italienische Zustände drohen, beginnend im Tessin, sofern man nun nicht sofort reagiere.

Um dies abzuwehren, brauche es Schul- und Grenzschliessungen. Er sei sich bewusst, dass dies ein grosser Eingriff sei, aber: «Wir müssen unbedingt einen steilen Anstieg von neuen Fällen verhindern, sonst drohen Zustände wie in Italien. Wir bereiten uns vor, und weniger dringliche Behandlungen und Eingriffe werden verschoben.»

Im Tessin droht der Kollaps

Laut Cerny ist das Gesundheitssystem in Norditalien gut ausgebaut. «Einen grossen Unterschied zur Schweiz gibt es nicht.» Die Schweiz sei gerüstet, so Cerny, aber im Tessin könne es zu grossen Problemen kommen, wenn das Coronavirus sich in den nächsten Tagen ähnlich schnell wie in Italien ausbreite.

«Wir haben kein Universitätsspital, und der Gotthard erschwert die Verlegung von kritischen Patienten in weniger betroffene Regionen», sagt Cerny weiter. Es gelte darum, mit allen Möglichkeiten die Fallzahlen zu minimieren, um einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern.

Auf Anfrage verwies das Bundesamt für Gesundheit auf eine Pressekonferenz am Mittwoch, an der Fragen zur Lagebeurteilung in Italien und zu Massnahmen gestellt werden könnten.

Krisenherd Italien

Während in China die Sterblichkeitsrate um ein Prozent schwankt, liegt sie in Italien bei drei bis vier Prozent. Das dürfte einerseits mit der Zählweise und der Anzahl an Tests zusammenhängen. So testete Italien am meisten Personen in ganz Europa und entdeckte so Fälle, die andernorts unentdeckt blieben. Andererseits gibt es im Vergleich zu China in Italien mehr alte Menschen. «Die Altersstruktur ist für den Bruchteil der schweren und tödlichen Verläufe sicher relevant», sagt Richard Neher von der Uni Basel.

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