Zu wenig Hackfleisch: Der Schweiz gehen die Kühe aus

Aktualisiert

Zu wenig HackfleischDer Schweiz gehen die Kühe aus

Schweizer Kuhfleisch wird zur Mangelware. Die Branche muss mittlerweile 100'000 Kuhhälften importieren. Der Engpass dürfte sich wegen der neuen Agrarpolitik weiter verschärfen.

von
S. Spaeth
In der Schweiz lebten Anfang Winter noch rund 1,57 Millionen Rinder.

In der Schweiz lebten Anfang Winter noch rund 1,57 Millionen Rinder.

Der «Kuhschweiz» fehlen die Rindviecher. Was absurd klingt, ist heute Tatsache. «Wir haben derzeit zu wenig Tiere für die Fleischproduktion», bestätigt Heinrich Bucher, Direktor des Branchenverbandes Proviande auf Anfrage einen Bericht der «NZZ am Sonntag». In den letzten zwölf Monaten ist die Anzahl an Milchkühen um 13'000 Stück auf 582'000 Tiere zurückgegangen. Damit lebten in der Schweiz Anfang Winter noch rund 1,57 Millionen Rinder.

Dieser Rückgang zeigt sich in den Zahlen der inländischen Rindfleischproduktion. Diese hat laut dem Branchenverband um 3,4 Prozent abgenommen. Eine Schlüsselfunktion im Schweizer Rindfleischmarkt kommt den Milchproduzenten zu, wie Bauernverbandspräsident Markus Ritter im Gespräch mit 20 Minuten sagt. Im Durchschnitt werden die «müde gewordenen» Milchkühe nach vier bis sechs Jahren auf die Schlachtbank geführt und zu Hackfleisch oder Würsten verarbeitet.

Weil das heimische Rindfleischangebot nicht ausreicht, steigen die Importe. So wurden im laufenden Jahr rund 100'000 Kuhhälften in die Schweiz eingeführt, was einem Totalgewicht von 13'300 Tonnen entspricht. Der grösste Teil der Rinderhälften stammt laut Proviande aus dem Süddeutschen Raum und aus Frankreich. Rindfleischimporte gab es schon früher, doch damals sind laut Bucher vor allem die hierzulande nicht ausreichend vorhandenen Edelstücke wie Filets, Huft und Entrecôtes importiert worden. Weil die Schweizer Bauern aber immer weniger Milchkühe halten, mangelt es selbst an Hackfleisch.

Fehlen bald weitere 25'000 Tiere

Die Gründe für den Rückgang beim Schweizer Schlachtvieh sind vielschichtig. Wachsende Bevölkerung, Fastfoodketten die auf Schweizerfleisch setzten, veränderte Agrarpolitik und Turbulenzen im Milchmarkt. «Wir haben eine lange Phase von sehr tiefen Milchpreisen hinter uns, weshalb die Tierbestände zurückgegangen sind», sagt Bauernpräsident Ritter und bezeichnet das Verhalten seiner Gilde als marktwirtschaftlich. Aus Sicht der Bauern geht es um den klassischen Mechanismus von Angebot und Nachfrage: Durch die tiefere Anzahl an Tieren verringert sich die Milchmenge, weshalb der Preis steigt.

Der Bestand an Schweizer Milchkühen dürfte weiter zurückgehen: 25'000 Kühe könnten im Zuge der Agrarpolitik 2014 bis 2017 verschwinden, verweist Ritter auf eine Berechnung des Bundesamt für Landwirtschaft. Grund: Im Rahmen der Reform werden 777 Millionen Franken an Tierbeiträgen gestrichen und vor allem in Form von Flächenbeiträgen ausbezahlt. «Dieser Effekt steht uns noch bevor und dürfte die Situation für die Schweizer Fleischverarbeiter weiter verschärfen», sagt Ritter.

Hoffnung auf Käseexporte

Für die sogenannten Verarbeitungskühe erhält ein Bauer pro Kilo Schlachtgewicht bis zu 7 Franken, was pro Tier rund 2000 Franken bringt. «Der Mangel liess die Preise steigen», sagt Proviande-Direktor Bucher. Im Vorjahr habe man pro Kilo lediglich rund 6 Franken bezahlt. Zufrieden mit dem Preis für die Schlachtviecher ist man auch beim Bauernverband, doch entscheidend für den Bestand der Milchkühe sei allein der Milchpreis. «Er reicht heute nicht aus, um die Arbeitskosten der Bauern zu decken», sagt Ritter. Steige der Preis nicht an, würden sich die Bestände weiter verringern.

Bei Proviande hat man eine Zunahme beim Schweizer Rindvieh aber noch nicht abgeschrieben: «Wir hoffen auf eine steigende Nachfrage beim Schweizer Käse im Ausland. Damit würde die Milchproduktion für Schweizer Bauern wieder attraktiver und mit ihr die Anzahl Kühe wieder zunehmen.

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