18.07.2020 13:20

Nachfrage steigt, Angebot sinkt

Der Schweiz gehen die Velos aus

Drahtesel sind gefragt wie nie. Nur haben viele grosse Hersteller Probleme mit ihren Lieferketten. Besser läuft es bei Schweizer Unternehmen.

von
Nicolas Saameli/Dominic Benz
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Werden immer mehr: Velofahrer bei einer Critical-Mass-Demonstration in Lausanne.

Werden immer mehr: Velofahrer bei einer Critical-Mass-Demonstration in Lausanne.

KEYSTONE
Auch E-Bikes haben Hochkonjunktur.

Auch E-Bikes haben Hochkonjunktur.

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Viele sind während des Corona-Lockdown aufs Velo umgestiegen.

Viele sind während des Corona-Lockdown aufs Velo umgestiegen.

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Darum gehts

  • Einige Grossverteiler brauchen derzeit deutlich länger, um Velos auszuliefern.
  • Velos boomen momentan in der Schweiz.
  • Schweizer Hersteller brauchen länger, liefern dafür massgeschneiderte Velos.

Maskenpflicht im ÖV, Einschränkungen bei den Reisezielen: Selten überlegten sich in der Schweiz so viele Menschen, die Sommerferien auf dem Sattel zu verbringen.

Wer sich aber jetzt entscheidet, kurzfristig ein neues Velo zu kaufen, dürfte schnell ernüchtert sein: Vielerorts sind Zweiräder derzeit Mangelware, wie die Branchenorganisation Velosuisse berichtet.

«Das Problem ist die Situation bei den grossen Herstellern. Es gibt einen Flaschenhals beim Personal», sagt Mediensprecher Martin Platter. «In vielen Fabriken herrschen noch strenge Corona-Regeln. Die Mitarbeiterinnen müssen Abstand halten und die Produktion kann nicht in voller Geschwindigkeit laufen.»

«So einen Boom habe ich seit dem Mountainbike-Trend in den 80er-Jahren nicht mehr gesehen.»

Martin Platter, Mediensprecher Velosuisse

Insbesondere bei den grossen Marken gebe es eine lange Vorlaufzeit. Viele hätten eine Lieferzeit von sechs Wochen oder mehr. Besserung erwartet Platter erst für August. Dann würden die Modelle fürs nächste Jahr ausgeliefert.

Das Problem seien aber nicht nur die Lieferengpässe. Auch die Nachfrage nach Drahteseln habe seit dem Corona-Lockdown massiv zugenommen. «So einen Boom habe ich seit dem Mountainbike-Trend in den 80er-Jahren nicht mehr gesehen», sagt Platter.

Ähnliche Erfahrungen macht man auch beim Baumarkt Jumbo: «Vor allem bei E-Bikes haben wir Lieferschwierigkeiten», sagt Mediensprecher Daniel Hoffmann auf Anfrage. Man habe die Bestellmenge bei einigen Produkten zwar noch erhöht, trotzdem seien sie nach wenigen Tagen ausverkauft gewesen. «Es sind einzelne Modelle, die einmalig produziert worden sind, die nun fehlen.»

Schweizer Hersteller können liefern

Besser läuft das Geschäft für Produzenten, die ihre Velos grösstenteils in der Schweiz herstellen. Auch bei ihnen dauert es länger, bis die Drahtesel ausgeliefert werden können. Da sie aber häufig im höheren Preissegment verkaufen, sind die Kunden an längere Wartezeiten gewöhnt.

So sagt etwa Sebastian Marten, Verkaufsleiter beim Zürcher Hersteller MTB Cycletech: «Wir produzieren in Bassersdorf im Kanton Zürich und ausschliesslich auf Kundenauftrag. So sind wir bei jedem Bike flexibel in der Produktion und können uns nach der Verfügbarkeit der Teile richten.»

«Auch in sechs Wochen ist noch Sommer.»

Nick Becker, Sprecher Tour de Suisse

Diese Verfügbarkeit sei aber grundsätzlich eine Schwierigkeit auf dem Velomarkt: «Es gibt in der Branche im Sommer und im Herbst einen Kampf um Komponenten.» Insbesondere Akkus und Ladegeräte für E-Bikes seien derzeit schwer zu bekommen. Aber auch bei Teilen für klassische Bikes gebe es manchmal Lieferprobleme.

Manche Teile habe man diesen Sommer sogar per Luftfracht bestellen müssen. «Das kostet uns zwar vier- bis sechsmal so viel, aber dafür konnten wir schneller liefern.» Derzeit brauche man pro Bike etwa neun Wochen, manchmal könne es aber auch schneller gehen.

Die gleichen Erfahrungen macht man beim Thurgauer Hersteller Tour de Suisse. Dort hat man zwar keine Probleme mit den Komponenten, Sprecher Nick Becker sagt aber, es gebe im Sommer grundsätzlich eine längere Lieferfrist: «Unsere Produktionszeit beträgt etwa sieben Wochen. Das ist im Sommer meist so.»

Grund dafür sei die Produktion der Velos auf Bestellung. «Wir haben grundsätzlich längere Lieferzeiten als andere Hersteller. Unsere Kunden wissen das aber auch und schätzen unsere Produkte dafür, dass sie individuell auf sie angepasst sind.»

Schneller gehe die Auslieferung meist nach den Sommerferien wieder, wenn die Bestellungen abnehmen. Und auch so sei die derzeitige Wartezeit unproblematisch, denn: «Auch in sechs Wochen ist noch Sommer.»

Eine Erfahrung teilen beide Hersteller: Die Leute reissen sich in diesem Jahr nur so um ihre Produkte. Tour de Suisse versuchte während des Lockdown die Produktion durch die Einführung von Schichtbetrieb anzukurbeln. MTB-Sprecher Marten sagt: «Der Endkunde will sofort Velo fahren – wir machen Überstunden.»

Man freue sich darüber, wenn mehr Menschen aufs Velo umsteigen. Nur passiere das gerade in einer etwas ungünstigen Zeit. «Es ist eine schöne Situation. Es ist aber auch ernüchternd, wenn man Kundenversprechen und Liefertermine nicht einhalten kann», sagt Marten.

Velo-Boom wegen Corona

Eine Studie der ETH und der Uni Basel zeigt: Der Veloverkehr hat in der Schweiz während des Lockdown stark zugenommen. Wie SRF berichtet, sind auch viele Velomechaniker am Anschlag. Viele hätten ihre alten Velos aus dem Keller geholt und nun sei dringend ein Service nötig.

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21 Kommentare
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Freude Herrscht

19.07.2020, 18:51

China-Teile für das Velo.

Mia

19.07.2020, 06:27

Was ich z.T. im Berufsverkehr erlebe, passt unter keine Kuhhaut. Jeder will zuerst ans Ziel kommen. Sei es mit dem Auto oder mit dem Velo. Rücksicht nehmen, ist da fehl am Platz. Manchmal habe ich das Gefühl, nur noch die Kinder wissen wie man sich im Strassenverkehr benehmen muss... Immerhin...

Tom

19.07.2020, 05:32

Ich gehe zu Fuss, mein Velo ist wohl in Rumänien oder sonst irgendwo..