Aktualisiert 31.01.2012 13:20

Nun auch noch ServetteDer Schweizer Fussball braucht die Diktatoren

In der deutschen Bundesliga verhindert das Reglement einen «Fall Tschagajew». In der Schweiz funktioniert die «Diktatoren-Sperre» nicht. Schon ziehen in Genf neue Gewitterwolken auf.

von
Klaus Zaugg

In der Not frisst der Teufel Fliegen – oder brave Schweizer Fussballmacher verkaufen ihre Seele blindlings an ausländische Investoren. Ob die einen guten Ruf haben und solvent sind, wird nicht mehr überprüft. Hauptsache, es kommt einer und nimmt einem Aktien und Schulden und Sorgen ab.

Unser Fussball hat in den letzten Jahren mehr buntscheckige Investoren und Ruinierer als internationale Stars hervorgebracht: Christian Constantin (Sion) – heute ist fast vergessen, dass er mit Sion auch schon pleite gegangen ist – Marc Roger (Servette), Andreas Hafen (Wil), Waldemar Kita (Lausanne), Hermos Jermini (Lugano) oder Bulat Tschagajew (Xamax) haben es mit ihrer regen Tätigkeit bis in die Hauptausgaben der Tagesschau gebracht. Und nun bestehen gute Chancen auf ein neues Fussballtheater mit Majid Pishyar (Servette) in der Hauptrolle.

Solche Fälle sind nur möglich, weil ein einzelner Investor die Aktienmehrheit eines Fussballunternehmens halten und wie ein Diktator tun und lassen kann, was ihm beliebt.

In der Bundesliga gar nicht möglich

Die deutsche Bundesliga hat durch das Reglement diese Gefahr gebannt: Bei allen Bundesliga-Unternehmen (bis auf Dortmund haben alle die Rechtsform einer GmbH) muss der nachgelagerte Verein 51 Prozent der Anteile/Aktien halten (50+1-Regelung). Ausnahmen gibt es bei dieser «Diktatoren-Bremse» nur für Wolfsburg (VW-Werke) und Leverkusen (Bayer Chemie) – dort gehören die Fussballunternehmen seriösen, grossen Unternehmen.

Nichts wäre also einfacher, als auch in der Schweiz in den Reglementen diese «Diktatoren-Bremse» einzubauen. Doch YB-General Ilja Känzig sagt, das wäre «das Ende unseres Spitzenfussballs in der heutigen Form». Känzig weiss, wovon er spricht. Er hat auch in der deutschen Bundesliga in leitender Funktion gearbeitet. Känzig sagt, dass im Schweizer Fussball kaum mehr ein Investor gefunden werden könnte, wenn wir eine solche Regelung hätten. Die Erträge in unserem Fussball seien jedoch so gering, dass es ohne Investoren – die bis zu einem Drittel der Aufwendungen abdecken – bei kleineren Klubs und unbefriedigender Stadion-Situation gar nicht mehr gehe. «Selbst bei YB brauchen wir Investoren, die uns das Geld für grössere Transfers vorschiessen.»

Der Investor tritt also entweder als «Bank» oder als «Götti» auf, der die Verluste deckt und im Gegenzug die Geldflüsse im Unternehmen kontrollieren will – schliesslich kommt hin und wieder durch Spielerverkäufe auch wieder etwas Geld herein.

Schweizer Fussball lebt auf zu grossem Fuss

Diese Kontrolle ist nur mit einer Aktien- oder Anteilmehrheit möglich. Ilja Känzig geht davon aus, dass bei einer «Diktatoren-Bremse» die Budgets in der höchsten Spielklasse um etwa 30 Prozent reduziert werden müssten, und dass es sogar Unternehmen wie den FC Zürich in der heutigen Form nicht mehr geben würde. In der Bundesliga braucht es gemäss Ilja Känzig diese allmächtigen Geldgeber nicht. «Die Einnahmen im Fussballgeschäft sind in der Bundesliga so hoch, dass es ohne geht.»

Der Schweizer Spitzenfussball lebt also auf zu grossem Fuss. Oder anders gesagt: Wir leisten uns, gemessen an unseren Strukturen und unserem Zuschauer-, Werbe und TV-Markt, einen zu teuren Spitzenfussball. Vereinfacht gesagt: Die Schweiz hat fürs Fussball-Business etwa das Marktpotenzial der Metropole München – und leistet sich nicht bloss Bayern München und den EHC München. Sondern gleich zehn Klubs in der höchsten Spielklasse, und die Zuschauer-, Werbe- und TV-Einnahmen müssen auch noch mit zwölf erstklassigen Eishockeyunternehmen geteilt werden. Wenn wir das Zuschaueraufkommen in den höchsten Spielklassen im Fussball und im Eishockey ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl setzen, dann sind wir das fussball- und hockeyverrückteste Land der Welt. Im Eishockey gibt es diese verrückten Investoren nicht: Mit einem Budget zwischen 10 und 12 Millionen ist es möglich, den Titel zu holen. Dieses Geld ist in der Regel unter geordneten Verhältnissen in der Schweiz aufzutreiben. Im Fussball braucht es in der Regel mindestens so viel Geld, um auch nur den Klassenerhalt zu sichern.

Für Spektakel ist gesorgt

Diese Marktsituation führt zu «griechischen Verhältnissen»: Der nationale Fussballmarkt ist permanent überhitzt und auf ausserbetriebliche Geldzuwendungen angewiesen. Dadurch ist das Spektakel während des ganzen Jahres garantiert: Eine grosse Fussball-Operette, die uns mit zahllosen kurzweiligen Geschichten rund um die buntscheckigen Investoren und Diktatoren vortrefflich unterhält. Und die durch die im grossen Fussballtheater des 21. Jahrhunderts innewohnenden Gefahren des Wahnsinns, des Narzissmus, der Paranoia, des Betruges, der Irrationalität, der Zügellosigkeit, der Geldgier, der Naivität, der Dummheit und des Grössenwahns befeuert wird. Lediglich zwischen Juli und Dezember und zwischen Februar und Mai normalisieren sich die Verhältnisse vorübergehend. Weil wir uns dann dem Spielbetrieb, dem Spektakel auf dem Rasen, zuwenden.

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