Der Schweizer «Herr der Ringe»
Aktualisiert

Der Schweizer «Herr der Ringe»

Als Andy Schweizer (25) vor über einem Jahrzehnt mit dem Leistungssport anfing, war die Ring-Ikone Yuri Chechi das Mass der Dinge.

Jetzt steht er am Sonntagabend mit seinem Vorbild im Olympiafinal und ist selbst ein «Herr der Ringe».

Eine Finalqualifikation kommt einem sportlichen Ritterschlag gleich. «Man ist plötzlich wer», sagt Andy Schweizer, «selbst Cechi grüsst mich jetzt, nachdem er mich vorher kaum wahrgenommen hat. Er macht sogar Small Talk mir mir». Der Italiener war viermal Europameister, fünfmal Weltmeister, aber nur einmal Olympiasieger (1996), weil er sowohl vor Barcelona 1992 als auch vor Sydney 2000 verletzt war.

Deshalb entschloss sich der Italiener nach siebenjähriger Pause zu einem Comeback. Auf Anhieb qualifizierte er sich, mittlerweile 35-jährig und Vizepräsident seines Verbandes, als Vierter für den Endkampf, nachdem er bei der EM in Ljubljana noch den 7. Platz - hinter Schweizer - belegt hatte.

Schweizer: «Eine Medaille nicht realistisch»

«Einen 35-Jährigen wirst du wohl noch im Griff haben», unkte bei der EM sein Cheftrainer Sandor Kiraly. Doch in Athen herrschen andere Gesetze. Namen sind im Turnsport alles. Von den sieben Gegnern von Andy Schweizer im Olympiafinal besitzen alle eine Visitenkarte mit edelster Anschrift. Deshalb sagt Schweizer: «Eine Medaille wäre in diesem Finalfeld unrealistisch. Ich hatte Glück, dass ich als Achter noch reinschlüpfte. Jeder Rang, den ich nach vorne komme, wäre für mich ein Erfolg.»

Das ist keine Tiefstapelei. «An den Ringen», so Schweizer, «kann im Gegensatz zu andern Geräten wenig passieren.» In dieser Disziplin ereignen sich nie revolutionäre Umwälzungen. Wer mal in einem grossen Final steht, hat bereits eine Option auf den nächsten. Schweizer ist der einzige «Rookie» (Neuling). An der WM 2003 verpasste er nach Punkgleichheit mit dem Achten, dem Franzosen Pierre-Yves Beny, haarscharf den Endkampf. Zusammen haben seine Gegner an Grossanlässen schon über 30 Medaillen gehamstert.

Lokalmatador Tampakos der Favorit

Beny ist neben Schweizer der Einzige, der an Titelkämpfen noch nie eine Medaille geholt hat. Der Franzose ist, realistisch gesehen, der Einzige, der in Schweizers Reichweite liegt. «Und dann», ergänzt Trainer Nicu Pascu, «könnte er allenfalls noch den Russen Safoschkin schlagen. Ein 6. Platz ist wohl das Maximum.» Immerhin ist der Russe amtierender Co-Europameister. Favorit ist für den Wetzikoner der Grieche Tampakos, Weltmeister, Europameister und Olympia-Zweiter von 2000: «Das wird eine Superstimmung geben.»

Die Latte liegt für Andy Schweizer enorm hoch. Aber er will, trotz anhaltender Bizeps-Probleme (Oberarm-Muskel), nichts unversucht lassen. «Andy turnt für seine Zukunft», bemerkt Pascu. «Je besser er sich verkauft, umso besser haben ihn die Kampfrichter in Erinnerung.» Deshalb schleifen Pascu und Schweizer, der am Donnerstag nach dem Mehrkampf erstmals einen freien Tag genoss und durch die Athener Altstadt flanierte, noch am Abgang. «Eine Spur aggressiver und etwas höher hinaus, dann liegt noch ein Zehntel drin», sagt Pascu. 9,737 Qualifikationsnote plus ein Zehntel ergäbe 9,837. Mit dieser Wertung wäre er ja ein ernsthafter Medaillenkandidat. Träumen erlaubt.

(si)

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