Holocaust-Kontroverse: Der Schweizer «Wikileaks-Fall»
Aktualisiert

Holocaust-KontroverseDer Schweizer «Wikileaks-Fall»

Ein diplomatisches Datenleck sorgte während der Kontroverse um die Holocaust-Gelder auf Schweizer Banken 1997 für Schlagzeilen. «Opfer» war der Botschafter in den USA.

von
Peter Blunschi
Carlo Jagmetti mit einer Kopie seines vertraulichen Schreibens am 31. Januar 1997 im National Press Club in Washington. Kurz zuvor war er als Botschafter zurückgetreten.

Carlo Jagmetti mit einer Kopie seines vertraulichen Schreibens am 31. Januar 1997 im National Press Club in Washington. Kurz zuvor war er als Botschafter zurückgetreten.

Unter dem Titel «Botschafter Jagmetti beleidigt die Juden» veröffentlichte die «SonntagsZeitung» am 26. Januar 1997 ein als «vertraulich» überschriebenes Papier von Carlo Jagmetti, damals Schweizer Botschafter in Washington. Die Schweiz stand damals wegen den auf hiesigen Banken vermuteten Konten von Holocaust-Opfern unter massivem Druck aus den USA. Vor allem der New Yorker Senator Alfonse D'Amato und der Jüdische Weltkongress hatten sich auf die Schweiz «eingeschossen».

Entsprechend deutlich wurde Botschafter Jagmetti in seinem Schreiben: «Es geht um einen Krieg, den die Schweiz an aussen- und innenpolitischer Front führen und gewinnen muss», hielt er zuhanden der vom Bundesrat geschaffenen Task Force fest. Ausserdem sprach er von Gegnern, von denen man «den meisten nicht trauen kann». Die undiplomatische, aggressive Wortwahl sorgte in den USA und in Israel für Empörung, auch Schweizer Juden zeigten sich schockiert. Zwei Tage später reichte Jagmetti seinen Rücktritt ein.

Diplomaten reden Klartext

Auf Anfrage von 20 Minuten Online wollte sich der heute 78-jährige Ex-Botschafter nicht mehr zum Fall äussern. Die Parallelen zur Publikation von rund 250 000 Dokumenten des US-Aussenministeriums durch das Onlineportal Wikileaks sind dennoch offenkundig. Vor allem zeigen sie, dass Jagmettis unverblümte Sprache für einen Botschafter keineswegs ungewöhnlich ist. Diplomaten, die in der Öffentlichkeit eine «diplomatische» Sprache pflegen, reden im internen Schriftverkehr offenkundig gerne Klartext.

«Sie lästern und klatschen gerne, das wird auch in Zukunft nicht aufhören», sagte John Kornblum, der frühere US-Botschafter in Berlin, gegenüber «Spiegel Online». Allerdings müsse man mit weiteren Lecks rechnen, denn 2,5 Millionen Menschen hätten Zugang zum geheimen Nachrichtennetz der US-Regierung, dem die Dokumente entnommen wurden. Weil die US-Politik derzeit extrem zerstritten sei, «ist die Versuchung für viele Leute gross, durch den Diebstahl solcher Daten eine politische Botschaft zu senden», sagte Kornblum.

Frustrierende Diplomatie

Dies könnte auch das Motiv für die Veröffentlichung des Jagmetti-Papiers gewesen sein, denn es wurde der «SonntagsZeitung» nach deren Angaben «zugespielt». Die Quelle der Indiskretion wurde nie ermittelt, nachhaltige Folgen für die Schweiz hatte sie nicht. Auch John Kornblum glaubt nicht, dass sich Amerikas Rolle in der Welt durch die Wikileaks-Enthüllungen dramatisch ändern werde: «Vielleicht schafft die Lektüre der Memos sogar Verständnis dafür, wie frustrierend und schwierig Diplomatie sein kann – und warum sie manchmal im Geheimen durchgeführt werden muss.» Ein Satz, den wohl auch Carlo Jagmetti unterschreiben könnte.

In offenen Gesellschaften spricht man Klartext

Seine eigene Interpretation zu den Wikileaks-Dokumenten hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu geäussert. «Ich glaube nicht, dass Israel irgendeinen Schaden davongetragen hat», sagte er am Montag vor Journalisten in Tel Aviv. Die Enthüllungen von Wikileaks seien für undemokratische Länder bedeutsamer als für Israel, meinte Netanjahu. «In einer offenen Gesellschaft wie der unseren gibt es keinen grossen Unterschied zwischen dem, was im Geheimen und in der Öffentlichkeit gesagt wird.» In unfreieren Gesellschaften - vor allem in Nahost - sei dies jedoch genau umgekehrt. (sda)

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