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Unvergessene WM-MomenteDer Skandal-Schiri aus der Schweiz

Die Schweiz schimpft über den saudischen Schiedsrichter. Doch es war ein Schweizer, der 1934 in Italien für einen der grössten Schiri-Skandale an einer WM besorgt war.

von
Peter Blunschi
Das 1:0 für Italien: Meazza stützt sich auf einen Teamkollegen ab und behindert den spanischen Goalie (links). Zwischen den Pfosten der Schweizer Schiedsrichter Mercet.

Das 1:0 für Italien: Meazza stützt sich auf einen Teamkollegen ab und behindert den spanischen Goalie (links). Zwischen den Pfosten der Schweizer Schiedsrichter Mercet.

Die zweite Fussballweltmeisterschaft fand 1934 im faschistischen Italien statt. Diktator Benito Mussolini gab den Tarif durch: Die Squadra Azzurra musste den Titel holen, und zwar um jeden Preis. Drei Argentinier italienischer Abstammung, die vier Jahre zuvor noch im Final gegen Uruguay gespielt hatten, wurden im Schnellverfahren eingebürgert und entgegen den FIFA-Regeln an der WM eingesetzt. Mangels spielerischer Qualität setzten die Azzurri auf gnadenlose Härte – was nur gut gehen konnte, weil die Schiedsrichter mitspielten.

Im Viertelfinal gegen die sehr starken Spanier am 31. Mai in Florenz drückte der Belgier Louis Baert beide Augen zu, als die Italiener ihre Gegenspieler reihenweise umsäbelten. Auswechslungen waren damals noch nicht möglich. Dennoch retteten die Spanier ein 1:1 über die Zeit. Weil es kein Penaltyschiessen gab, kam es nur einen Tag später an gleicher Stätte zum Wiederholungsspiel. Die Iberer mussten sieben Spieler ersetzen, darunter ihren überragenden Goalie Ricardo Zamora, der mit einem blauen Auge ausfiel.

Korrekte Tore verweigert

Als Schiedsrichter wurde der Schweizer René Mercet bestimmt. Was genau ablief, ist umstritten – Filmaufnahmen jenes Spiels scheint es (bezeichnenderweise?) nicht zu geben. Doch alle Überlieferungen lassen auf eine skandalöse Leistung des Schweizer (Un)Parteiischen schliessen. Das 1:0 für Italien durch Giuseppe Meazza in der 12. Minute etwa war irregulär. Der Torschütze stützte sich bei seinem Kopfball auf einen Mitspieler auf und behinderte gleichzeitig den spanischen Goalie Nogues.

Die Spanier stürmten verzweifelt nach vorne, doch Mercet soll ihnen nicht weniger als zwei Elfmeter und zwei korrekt erzielte Tore verweigert haben – das erste wegen eines imaginären Abseits, und beim zweiten pfiff er ein Foul an einem Spanier, als der Ball bereits im Netz lag. Italien stand im Halbfinal, die Spanier fühlten sich betrogen, und auch in der Schweiz war man empört: «Mercet hat die Italiener auf schamloseste Weise bevorzugt», schrieb die Basler «Nationalzeitung».

Eingeschüchtert oder bestochen?

René Mercet leitete nach jenem Viertelfinal nie mehr ein Spiel – je nach Überlieferung, weil er freiwillig zurücktrat oder vom Schweizerischen Fussballverband auf Lebenszeit gesperrt wurde. Nur ein schwacher Trost ist, dass der Schwede Ivan Eklind es noch bunter trieb – er pfiff die Italiener sowohl im Halbfinal gegen das «Wunderteam» aus Österreich (1:0) als auch im Endspiel gegen die spielerisch stärkere Tschechoslowakei (2:1 n.V.) zum Sieg und damit zum Titel. Zuvor soll er von Mussolini persönlich empfangen worden sein.

Wurden Eklind, Mercet und Co. eingeschüchtert oder bestochen? Ein Gerücht besagt, der Schweizer habe nach dem Turnier einen neuen Fiat erhalten. Die Mussolini-WM hinterlässt jedenfalls in jeder Hinsicht einen schlechten Nachgeschmack. Und René Mercets Leistung darf als Tiefpunkt der Schweizer WM-Geschichte bezeichnet werden.

Aufnahmen vom ersten Viertelfinal - der spanische Goalie Zamora wird von den Italienern hart attackiert:

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