«Time-Out»: Der «Sniper» stellt das Feuer ein
Aktualisiert

«Time-Out»Der «Sniper» stellt das Feuer ein

Peter Jaks lebt nicht mehr. Der ehemalige Eishockeyprofi ist bei einem Zugunglück in Italien gestorben. Der eiskalte Torschützte hatte offenbar auch eine schwermütige Seite. Eine Würdigung.

von
Klaus Zaugg
Peter Jaks während den Playoffs im Jahr 2002. (Bild: Keystone/AP)

Peter Jaks während den Playoffs im Jahr 2002. (Bild: Keystone/AP)

«Der Sniper stellt das Feuer ein.» Nein, dieser martialische Titel ist keine Geschmacklosigkeit und keine Respektlosigkeit. Aber er hilft uns beim Versuch, diese Tragödie wenigstens ansatzweise zu erklären.

«Sniper» bedeutet wortwörtlich aus dem Englischen übersetzt «Scharfschütze». Es ist in der rauen Macho-Welt des Eishockeys die höchste Ehrenbezeichnung für einen Stürmer, der besonders kaltblütig seine Tore schiesst. Tatsächlich ist Peter Jaks 18 Jahre lang auf höchstem Niveau ein «Sniper» gewesen. Kein Spieler mit Schweizer Pass hat so oft ins gegnerische Netz getroffen wie er. Für Ambri, für Lugano, für die ZSC Lions und für die Nationalmannschaft. «Der Sniper stellt das Feuer ein» ist nach seinem Rücktritt im Frühjahr 2003 der Titel zu einer Würdigung seiner Karriere.

Der geniale Offensivspieler

Peter Jaks ist zwischen 1985 und 2003 in der NLA die Personifizierung des kaltblütigen, ja eiskalten, durch nichts zu erschütternden, auch von den bösesten und schlitzohrigsten Gegenspielern nicht zu provozierenden «Snipers». Er kombiniert Intelligenz, Antrittschnelligkeit und Technik mit Wucht, Kraft und Standfestigkeit (über 100 Kilo Wettkampfgewicht). Nach dem Umschalten von der Defensive auf die Offensive ist er einfach einen Schritt schneller als der gegnerische Verteidiger. Wie ein Tiger auf seine Beute, so lauert er auf den Puck und wenn er an der offensiven blauen Linie angespielt wird, dann ist er nicht mehr zu stoppen und seine Schüsse fahren wie Blitze ins Netz. Die Schwächen der gegnerischen Verteidigung nützt er gnadenlos aus. Weil er die Fähigkeit hat, das Spiel besser zu lesen und zu verstehen als seine Gegenspieler. Er weiss immer schon zum Voraus, wohin der Puck gespielt wird, wohin die eigenen und die gegnerischen Spieler laufen werden. Er muss dem Puck nicht hinterherrennen. Er lässt den Puck für sich arbeiten.

Ein Sportsmann ohne Fehl und Tadel. Der erfolgreichste Liga-Torschütze mit Schweizer Pass. Mit Rekorden für die Ewigkeit. 1983 betritt er in Ambri in der NLB die Bühne des nationalen Hockeys. 2003 schafft er nach dem Rücktritt als Spieler problemlos den Wechsel aus der Garderobe ins Managerbüro und wird Sportchef in Ambri. Als er diesen Job nach sechs Jahren verliert, lässt er sich nie etwas anmerken und bleibt als TV-Experte in der Szene. Er kann Situationen, Spieler und Spiele einschätzen wie nur ganz wenige in diesem Land. Ich habe mich immer gerne mit Peter Jaks unterhalten und ich habe von ihm so viel gelernt. Über Eishockey. Aber mehr noch über jene, die Eishockey spielen, trainieren und managen.

Ja, ja, wir sehen, ich weiss scheinbar alles über den Eishockeyspieler, den «Sniper» Peter Jaks. Seine Spielweise. Seine Stärken. Seine Schwächen. Seine Siege. Seine Niederlagen. Ja, ja, ich kenne die Statistiken. Die Anzahl Spiele, Länderspiele, Playoffspiele, Tore, Assists, Strafminuten. Ich kann ja alles irgendwo im Archiv nachlesen. Aber habe ich den Menschen Peter Jaks wirklich gekannt? Wie sich jetzt zeigt: Nein.

Die zwei Seiten des Peter Jaks

Wenn das Cliché «Harte Schale, weicher Kern» je seine Richtigkeit gehabt hat, dann bei Peter Jaks. Erst jetzt weiss ich: So sehr «Sniper» der treffende Ausdruck für sein Wesen und Wirken als Eishockeyspieler war, so sehr hat dieser Begriff den Blick auf den Menschen Peter Jaks verstellt. Wenn er seine Ausrüstung in der Hockeytasche versorgt hatte, wurde aus dem eiskalten Vollstrecker ein humorvoller, sensibler, intelligenter Mann mit einem Horizont weit, weit über die Banden am Eisfeldrand hinaus.

Jetzt weiss ich: Seine Sensibilität habe ich nie richtig erkannt. Ich habe immer den «Sniper» im Kopf gehabt. Den Spieler, nicht den Menschen Peter Jaks. Wer sich 17 Jahre lang mit einer geradezu phänomenalen Leistungskonstanz auf höchstem Niveau behauptet und durchsetzt, wer im Interview so schlagfertig ist, wer einen so feinen, träfen Humor hat, wer sich jeder Kritik stellt, wer nie den Hinterausgang nimmt, sich nie in Ausreden flüchtet, wer als Sportler mental «unzerstörbar» ist, nie die Beherrschung und den Anstand verliert, muss doch auch im richtigen Leben so «unverwundbar» sein wie im Eishockey, dem härtesten Mannschaftsport überhaupt. Komme und geschehe, was da wolle. So dachte ich. Ich habe mich geirrt.

Warum ist Peter Jaks nicht mehr unter uns? Ja, wir dürfen uns diese Frage stellen. Aber wir werden nie eine Antwort finden. Wir werden die Wahrheit nie wissen. Deshalb gehört sich nicht, darüber zu spekulieren, was wohl die Ursachen für diese Tragödie sein könnten. Wir dürfen uns kein Urteil anmassen über das, was passiert ist. Peter Jaks nimmt sein Geheimnis mit ins Grab. Das sollten wir respektieren. Und wenigstens einen Moment lang innehalten in dieser hektischen Zeit und die Erinnerung an einen wunderbaren Sportler und Menschen bewahren.

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