Aktualisiert 05.07.2012 11:47

Gottesteilchen entdeckt «Der Spass hat gerade erst begonnen»

Wissenschaftler auf der ganzen Welt sind von der Entdeckung des bisher unbekannten Partikels begeistert. Ob die Erkenntnisse über das Higgs-Boson unseren Alltag verändern werden, bleibt offen.

von
feb

«Wir haben eine Entdeckung – wir haben ein Teilchen gefunden, das konsistent mit dem Higgs-Boson ist», sagte Cern-Generaldirektor Rolf Heuer am 4. Juli im Cern-Auditorium in Genf. Diese Botschaft versetzte Fachleute rund um den Erdball in helle Euphorie.

«Was sich hier anbahnt, ist für mich bisher die Entdeckung des Jahrhunderts», so Joachim Mnich, Forschungsdirektor des Deutschen Elektronen-Synchrotrons «Desy». Am meisten überzeuge ihn, dass man in den zwei unabhängigen Datensätzen aus dem letzten und aus diesem Jahr das gleiche Signal sehe, und das konsistent in beiden Experimenten. Bernhard Spaan von der Technischen Universität Dortmund sagte gegenüber mehreren deutschen Medien: «Mit dieser bedeutenden Beobachtung wird vielleicht die Tür in eine neue Welt der Teilchenphysik aufgestossen.»

Stefan Stonjek vom Max-Planck-Institut für Physik versuchte die Entdeckung auf «Focus.de» einzuordnen: «Erst die Geschichte wird zeigen, ob die Erkenntnis einen praktischen Nutzen hat. Als die Elektrizität entdeckt wurde, waren die Menschen nachts noch mit Fackeln und Kerzen unterwegs. Kein Mensch hat angenommen, dass sich Jahrhunderte später ganze Städte dank Elektrizität in ein Lichtermeer verwandeln.» Aus einer Jahrmarktattraktion ohne praktischen Nutzen wurde eine Erfindung, die den Alltag so sehr erleichtert, dass sie kaum mehr wegzudenken ist. So könnte es mit dem Gottesteilchen auch laufen, glaubt Stonjek.

Champagner für Peter Higgs

Auch Namensgeber Peter Higgs, der 1964 die entscheidende Grundlagenarbeit zu dem Partikel veröffentlicht hatte, zeigte sich begeistert. «Ich habe nie erwartet, dass das noch zu meinen Lebzeiten passiert. Ich sollte meine Familie bitten, eine Flasche Champagner kaltzustellen.» Dies schrieb der britische Physiker in einer Stellungnahme der Universität von Edinburgh. Der heute 83-jährige Higgs hatte die Existenz des Teilchens 1964 vorhergesagt. Für die Wissenschaftler ist es das letzte noch fehlende, aber zentrale Elementarteilchen, um das Standardmodell der Materie zu begründen. Würde es nicht existieren, wäre das gesamte Theoriemodell der Physik des Universums in Frage gestellt.

Der Cern-Physiker Yves Sirois stellte fest: «Es könnte das Higgs-Boson sein, das wir gefunden haben und dies würde beleuchten, wie Materie entstehen konnte.»

Sean Carroll vom California Institute of Technology sprach im britischen «Guardian»: «Es ist klar, dass das LHC einen neuen Partikel aufgespürt hat. Sehr wahrscheinlich ist es das Higgs-Boson des Standardmodells». Es gebe jedoch interessante Unterschiede, die möglicherweise von Wechselwirkungen mit anderen neuen Partikeln herrühren. «Der Spass hat gerade erst begonnen.»

Forscher wären keine Forscher, wenn sie trotz allem nicht etwas zurückhaltend wären: «Jetzt müssen wir herausfinden, ob es sich bei dem neuen Teilchen tatsächlich um den noch fehlenden Baustein des Standardmodells handelt», sagt zum Beispiel Achim Stahl zu «Zeit.de». Er ist deutscher Sprecher des CMS-Experiments am Cern. «Es könnte auch ein Higgs-Teilchen sein, dass nicht ins Standardmodell passt, oder etwas gänzlich Unerwartetes.» Aber so oder so – es seien grosse Entdeckungen, «nicht nur für die Teilchenphysik.»

Ähnlich kommentierte Neal Weiner von der New York University die Entdeckung. «Wenn das Boson nicht standardmässig reagiert, dann bedeutet das, es steckt mehr in der Geschichte – mehr Partikel, vielleicht mehr Kräfte, die hinter der nächsten Ecke warten», so Weiner gegenüber der «New York Times».

Mit Material der Nachrichtenagentur SDA

20-Minuten-Wissenschaftsjournalist Beat Glogger nimmt Stellung

Was halten sie vom angeblichen Durchbruch im Zusammenhang mit dem Higgs-Boson? Sind Sie euphorisch?

Nein, euphorisch bin ich nicht. Von einem Durchbruch zu sprechen, ist zu früh. Die Forscher selbst sagen, es braucht noch viel mehr Daten und einige Jahre Arbeit, um sicher zu sein, dass es sich wirklich um das Higgs-Teilchen handelt.

Wird sich das Leben der Menschen dadurch verändern?

Kaum. Ob es dieses Teilchen gibt oder nicht, ist mehr eine philosophische Frage. Natürlich ist es interessant zu wissen, woher die Masse der Materie kommt, aus der letztlich die Welt besteht. Aber aktuelle Probleme wie Klimawandel, Energieversorgung oder die Überbevölkerung des Planeten werden mit dieser Erkenntnis wohl nicht gelöst.

War das Ganze ein PR-Gag?

Gerade als Gag würde ich es nicht bezeichnen. Eher als gut abgestimmte Forschungs-PR. Das Cern ist auf eine Positivmeldung angewiesen. Denn kürzlich hat es einen Flop produziert, indem es vermeldete, dass Neutrinos schneller seien als das Licht. Das war peinlich, weil der Fehler durch nicht getestete Kabel in der Apparatur zustande gekommen war.

Wie geht es nun weiter?

Es wird noch ein paar Jahre am Cern weiter geforscht, bis wir die Bestätigung haben.

Bundesrat Alain Berset gratuliert dem Cern

Forschungsminister Alain Berset hat am Mittwoch den Cern-Forschern zur Entdeckung eines neuen Teilchens gratuliert. «Es ist ein historischer Tag für die Teilchenphysik und das Verständnis des Universums», sagte Berset am Rande einer Medienkonferenz. Dass die Forscher ein neues Teilchen beobachtet hätten, bei dem es sich um das lang gesuchte Higgs-Teilchen handeln könnte, sei bemerkenswert, sagte Berset. Die Entdeckung eröffne neue Forschungsfelder. Möglich gemacht habe all dies der Teilchenbeschleuniger in Genf.

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