Aktualisiert 15.04.2020 20:31

Lockdown-Exit

«Der Spielraum für grosse Lockerungen ist begrenzt»

Die Pläne von Gesundheitsminister Alain Berset für das Ende des Lockdowns sind durchgesickert. Das sagen Experten und Politiker.

von
F. Pöschl/C. Seemann/D. Benz
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Am Donnerstag will der Bundesrat seine Exit-Pläne zum Corona-Lockdown präsentieren. Erste Details sind bereits durchgesickert.

Am Donnerstag will der Bundesrat seine Exit-Pläne zum Corona-Lockdown präsentieren. Erste Details sind bereits durchgesickert.

Keystone/Anthony Anex
Der Virologe Volker Thiele spricht sich für schrittweise Lockerungen aus.

Der Virologe Volker Thiele spricht sich für schrittweise Lockerungen aus.

Keystone/Georgios Kefalas
Gewerbeverbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler will, dass es «rasch vorwärts geht.»

Gewerbeverbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler will, dass es «rasch vorwärts geht.»

Am Mittwoch sind die Pläne von Gesundheitsminister Alain Berset durchgesickert, wie er den Corona-Lockdown beenden möchte. Geplant ist demnach eine Öffnung in mehreren Phasen.

Ab 27. April sollen Dienstleister wie Coiffeure mit Präventionsmassnahmen wie in Supermärkten sowie Gartencenter und Gärtnereien öffnen dürfen. Ab 11. Mai soll ein Teil der Schulen folgen und ab 8. Juni weitere Betriebe wie Bars und Restaurants (20 Minuten berichtete). Laut Insidern könnten die Beizen gar erst im Juli oder August aufmachen.

Experte bremst

Experten wie der Virologe Volker Thiel von der Universität Bern gehen davon aus, dass der Spielraum für grosse Lockerungen noch begrenzt ist. «Sollte der Bundesrat Massnahmen lockern, dann wohl nur schrittweise und unter der Beobachtung der Infektionszahlen, damit notfalls auch ein Schritt zurück möglich wäre.»

Thiel hält die Wiedereröffnung von Läden und Dienstleistungsbetrieben für vertretbar, sobald die täglichen Infektionszahlen auf sehr niedrigem Niveau sind. Heikler sei die Öffnung der Schulen: «Social Distancing ist für kleine Kinder schwierig. Um die Präventionsmassnahmen einzuhalten, ist ein grosser Aufwand nötig». Sobald niedrige Infektionszahlen erreicht seien, müsse man allerdings auch wieder einen Schritt Richtung Normalität machen.

Grosser Schock für Wirte

Für die Restaurantbetreiber wäre eine Schliessung bis in den Sommer hinein ein grosser Schock, wie Urs Pfäffli zu 20 Minuten sagt. Der Präsident von GastroZürich City will sich für Mietreduktionen einsetzen. «Auch die Hauseigentümer müssen Verantwortung tragen», sagt Pfäffli.

Für Grossveranstaltungen wie Konzerte gibt es noch keinen Termin. Bei diesen dürfte es laut Virologe Thiel am längsten dauern, bis sie wieder erlaubt werden können. Das gelte insbesondere für Veranstaltungen mit vielen Personen in geschlossenen Räumen.

Alexander Bücheli sähe in dem Plan seine «schlimmsten Befürchtungen bestätigt». Der Mediensprecher der Bar & Club Kommission Zürich sagt zu 20 Minuten: «Eine der Kernkompetenzen unserer Branche ist das Schaffen von sozialer Nähe. Daher sind wir nicht nur die Ersten, die vom Lockdown betroffen waren, sondern auch die Letzten, die da wieder rauskommen.»

Doch vielleicht müsse der Bund bei der Lockerung etwas mutiger sein, gibt Bücheli zu bedenken. «Denn wie lange werden es die jungen Menschen verstehen, dass sie zwar bei der Arbeit, in der Schule und im Studium wieder funktionieren, in der Freizeit aber weiterhin verzichten müssen?»

Wirtschaft drängt

Gewerbeverbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler hofft auf schnelle Lösungen: «Wichtig ist uns, dass es rasch vorwärts geht.» Das gelte vor allem zunächst für Detailhandelsgeschäfte, später aber auch für die Hotellerie, Gastronomie und die Eventbranche, damit diese Betriebe nicht noch stärkeren Schaden nehmen würden.

Auch Beat Walti, Fraktionschef der FDP, wäre «froh, wenn es einen konkreten Fahrplan geben würde». Für ihn ist ein pragmatisches Vorgehen wichtig: «Man muss bei der Lockerung flexibel auf die Infektionskurve reagieren und nicht nach starrem Schema.» So solle man nur noch dort verbieten, wo wirklich die hohen Risiken sind. «Wenn sich zeigt, dass die Leute sich an die Massnahmen halten und die Kurve noch abflacht, kann man auch schneller lockern.»

Monate bis zum Normalzustand

Für den Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth war diese Strategie zu erwarten: «Es macht Sinn, dass man nicht alles auf einen Schlag macht, sondern in einzelnen Schritten», sagt er zu 20 Minuten. Die Schutzbestimmungen für Arbeitnehmer könnten nicht von hundert auf null fallen. Er sehe aber beim Schutz von Risikopatienten den Bundesrat in der Pflicht: «Es muss sichergestellt werden, dass Risikogruppen den Anspruch haben, dass sie nicht arbeiten müssen. Denn auf dem Arbeitsweg haben sie ja immer noch das Risiko, sich zu infizieren.»

Laut «Tages Anzeiger» ist das Ausstiegsszenario noch nicht in trockenen Tüchern. Der Bund muss verschiedenste Interessengruppen berücksichtigen. Höchste Priorität habe aber die Gesundheit. Bis zum Normalzustand dürfte es aber noch Monate dauern.

So öffnen die Nachbarn

Italiens Regierung um Ministerpräsident Giuseppe Conte entschied vergangene Woche, dass die meisten Betriebe und die Kontaktsperre bis mindestens 3. Mai gilt. Schulen bleiben gar bis September geschlossen.

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