Virginie Masserey - «Der Staat kann nicht ewig Massnahmen anordnen»
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Virginie Masserey«Der Staat kann nicht ewig Massnahmen anordnen»

Booster-Impfung, Rückkehr zur Normalität und die drohende Spaltung der Gesellschaft: Im exklusiven 20-Minuten-Interview stellt sich Virginie Masserey vom BAG den drängendsten Fragen.

von
Pascal Michel
Video: Pascal Michel, Simon Glauser, Melchior Kall

Darum gehts

  • Im Interview mit 20 Minuten erklärt Virginie Masserey, warum die Schweiz bei den Drittimpfungen abwartet, aber eigentlich im Herbst loslegen könnte.

  • Aufgrund der noch tiefen Impfquote wird der Bundesrat am 11. August wohl nicht lockern. Die Leiterin Infektionskontrolle beim BAG glaubt aber, «dass eine Zeit kommt, wo wir die Verantwortung an die Bevölkerung abgeben müssen».

Frau Masserey, wie erklären Sie einem vollständig geimpften 20-Jährigen, dass er immer noch Maske tragen muss?

Ich würde sagen: Das Virus ist sehr ansteckend und gefährdet jetzt vor allem Ungeimpfte. Wenn Geimpfte und Ungeimpfte zusammen ohne Maske feiern, besteht die Gefahr einer Übertragung. Darum braucht es weiterhin Massnahmen wie Maskenpflicht oder Beschränkungen der Anzahl Personen bei privaten Anlässen.

Eigentlich hätten bis Ende Juli alle Willigen geimpft sein sollen. Warum haben wir das nicht geschafft?

Das Ziel war, dass genügend Impfstoff bereit steht, um alle, die das wollen, zu impfen. Das haben wir erreicht. Aber tatsächlich hat sich die Impfgeschwindigkeit verlangsamt. Viele Leute warten noch ab.

Trotzdem: Alain Berset versprach stets, Ende Juli, wenn alle Willigen geimpft sind, die Normalisierungsphase einzuleiten. Das ist jetzt nicht möglich. Haben Sie die Impfbereitschaft überschätzt?

Einige sind noch in den Ferien oder haben den Eindruck, dass im Sommer das Virus weniger zirkuliert und es sie nicht treffen wird. Es gibt auch Menschen, die Corona schon durchgemacht haben und denken, sie bräuchten die Impfung erst später. Wir respektieren, dass offenbar viele Leute mehr Zeit brauchen.

Wie gross ist der Anteil Zögerer, die sie noch überzeugen können?

Wir rechnen laut Umfragen mit 15 bis 25 Prozent. Stagniert die Durchimpfungsrate und zirkuliert das Virus bei den Ungeimpften, droht nach unseren Modellen eine Überlastung des Gesundheitswesens. Deshalb hoffen wir, dass diese Menschen sich noch für die Impfung entscheiden.

Wie hoch muss die Impfquote bei den Erwachsenen sein, bis wir in die Normalisierungsphase eintreten können?

Es gibt kein Impfziel. Wann der Bundesrat die Normalisierungsphase einleitet, ist ein politischer Entscheid. Die Normalisierungsphase ist aber noch nicht die Normalität. Es wird weiterhin auch in dieser Phase eine Zeit lang Massnahmen wie Masken oder Abstand brauchen.

Aber irgendwann müsste man doch sagen: Jetzt kann die Bevölkerung selbst entscheiden. Wann kommt der Schweizer «Freedom Day»?

Ich denke, die Zeit wird kommen, wo wir die Verantwortung an die Bevölkerung abgeben müssen. Der Staat kann nicht ewig Massnahmen anordnen. Irgendwann muss jeder selbst entscheiden können, ob er sich impfen lassen oder mit Covid anstecken will. Corona wird nicht verschwinden. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Zentral bleibt aber, dass unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

«Sollte eine Auffrischimpfung nötig sein, könnten wir schnell loslegen.»

Virginie Masserey, Leiterin Infektionskontrolle BAG

Wann wird dies der Fall sein? Der Bundesrat hatte angekündigt, am 11. August gebe es keine Lockerungen.

Das ist schwierig zu sagen. Wir nähern uns dem Zeitpunkt. Der Bundesrat wird am 11. August an seiner Sitzung eine Lageanalyse vornehmen und über das weitere Vorgehen sprechen.

Während die Schweiz erst ab 2022 Drittimpfungen plant, machen andere Länder vorwärts: Israel ist schon dran, Deutschland startet im September. Warum zögert die Schweiz?

Die Experten der Eidgenössischen Kommission für Impffragen beobachten den Stand der Forschung eng. Bevor wir eine dritte Impfung empfehlen, müssen wir klare Evidenz haben. Wir haben genug Impfstoff reserviert. Wenn es nötig wäre, könnten wir sofort mit den Auffrischimpfungen beginnen. Diese scheinen wirksam zu sein. Es muss aber erst bewiesen sein, dass eine Auffrischung nötig ist. Wir empfehlen nichts, was wir nicht eingehend geprüft haben.

Länder wie Israel scheinen die Daten aber zu haben.

Israel stützt sich auf Beobachtungen in ihrem Land. Sie interpretieren diese Daten und haben darauf eine politische Entscheidung getroffen. Diese ist bei uns noch nicht gefallen. Der Unterschied zur Schweiz: Wir warten die wissenschaftlich aufbereiteten Daten ab. Sollte eine Auffrischimpfung nötig sein, könnten wir schnell loslegen. Wir stehen eng mit den Kantonen in Kontakt.

Das heisst: Die Schweiz könnte noch im Herbst mit Drittimpfungen loslegen?

Natürlich. Das gehört zu den Szenarien, mit welchen wir arbeiten. Die Schweiz hat das nicht verschlafen. Wir haben bisher immer die Entscheide erst gefällt, wenn die Datenlage fundiert, klar und sicher war.

Eine weitere Kontroverse ist darüber entbrannt, warum die Schweiz von einem Impfschutz über zwölf Monate ausgeht. Andere Länder planen damit, dass der Schutz nach fünf Monaten abnimmt. Muss die Schweiz hier korrigieren?

Wenn die Daten das beweisen, dann werden wir das ändern. Aber mit den Daten, die der Impfkommission vorliegen, sind unsere Experten zu diesem Schluss gekommen.

Neben der Auffrischimpfung fragt sich die Bevölkerung auch, ob das Impfen irgendwann ein Ende nimmt. Braucht es längerfristig eine jährliche Impfung?

Eine Prognose ist nicht möglich. Es ist denkbar, dass die Corona-Impfung einmal pro Jahr empfohlen wird, beispielsweise für besonders gefährdeten Personen. So wie die Grippe-Impfung.

Bleiben wir beim Impfen. Der Druck auf Ungeimpfte steigt, gleichzeitig gibt es weiterhin Massnahmen. Wie nehmen Sie die Stimmung war?

Der Grossteil der Menschen trägt die Massnahmen weiterhin mit.

Experten wie Marcel Salathé sprechen von einer drohenden Spaltung der Gesellschaft. Man könne nicht ewig so weitermachen.

Klar, wir haben alle genug. Es ist nicht so, dass wir bei Diskussionen über Massnahmen diese Stimmung nicht beachten würden. Es ist wichtig, Perspektiven zu bieten, damit wir die Bevölkerung nicht verlieren.

Längerfristig stellt sich die Frage, wann die sogenannte Herdenimmunität erreicht und Corona eingedämmt wird. Was ist Ihre Prognose?

Bei so ansteckenden Viren wie Coronaviren eine Herdenimmunität zu erreichen, ist wohl unmöglich. Es wird immer asymptomatische Fälle und Ansteckungen geben, zudem mutiert das Virus ständig. Eine Herdenimmunität im Sinne davon, dass Covid dereinst verschwindet, ist wahrscheinlich nicht möglich.

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