Aktualisiert 14.09.2011 13:00

Erdogan in Arabien

Der starke Mann vom Bosporus

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan tourt durch den arabischen Frühling. Er attackiert Israel und wirbt für den säkularen Staat – eine Strategie mit Tücken.

von
Peter Blunschi
Recep Tayyip Erdogan (l.) am Dienstag in Kairo mit Nabil al Arabi, dem Generalsekretär der Arabischen Liga.

Recep Tayyip Erdogan (l.) am Dienstag in Kairo mit Nabil al Arabi, dem Generalsekretär der Arabischen Liga.

Vor hundert Jahren lästerte man in Europa über den «kranken Mann am Bosporus». Es war die Zeit, in der das marode Osmanische Reich seinem Zerfall entgegentaumelte. Heute wirkt eher das überschuldete und alternde Europa wie ein «kranker Mann». Anders die heutige Türkei: Wenn Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in diesen Tagen Ägypten, Tunesien und Libyen besucht, strotzt er vor Selbstbewusstsein und sendet eine klare Botschaft aus: Die Türkei will – wieder – eine Führungsrolle in der Region einnehmen.

Die Wahl der Reiseziele ist kein Zufall: Es sind die drei Staaten, in denen der «arabische Frühling» Fuss gefasst hat und die Langzeit-Despoten vertrieben wurden. Erdogan preist sein Land als Modell an: Islamisch, demokratisch und wirtschaftlich erfolgreich. Im zweiten Quartal 2011 verzeichnete die türkische Wirtschaft ein Wachstum von 8,8 Prozent. Während Europa schwächelt, läuft der türkische Motor im hochtourigen Bereich. Damit kann man Eindruck schinden: Tatsächlich ist die Türkei für viele Araber ein Vorbild.

EU-Beitritt keine Perspektive mehr

Zusätzlich punktet Erdogan mit seinen Attacken gegen den langjährigen Verbündeten Israel. Am Dienstag kritisierte er in einer Rede vor den Aussenministern der Arabischen Liga in Kairo – eine seltene Ehre für einen Nicht-Araber – erneut den israelischen Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte im vergangenen Jahr. Israel müsse «den Preis für seine Verbrechen bezahlen», polterte der türkische Regierungschef. Zudem bekundete Erdogan Unterstützung für den geplanten Antrag der Palästinenser auf Anerkennung eines unabhängigen Staats bei der UNO: «Das ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.»

Die Sympathien der Araber hat er damit auf sicher, ebenso das Misstrauen des Westens. Doch das scheint Tayyip Erdogan zunehmend egal zu sein, zu sehr ist er von Europa enttäuscht. Für die Türkei sei der EU-Beitritt schlichtweg keine Perspektive mehr, sagte der prominente deutsche Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit zu Spiegel Online. Europa habe der Türkei zu lange die Integration verweigert und Erdogan jetzt kaum eine andere Wahl, als die «Karte der Regionalmacht» in Arabien zu spielen.

Bekenntnis zum säkularen Staat

Doch damit kann er sich leicht verzocken. Im Interview mit einem ägyptischen Privatsender überraschte der im Westen oft als Islamist verschriene Erdogan mit einem Bekenntnis zum säkularen Staat: Das Prinzip der Trennung von Staat und Religion müsse in der neuen ägyptischen Verfassung garantiert sein, betonte Erdogan. Die Muslimbruderschaft, die seine islamisch-konservative Partei AKP sonst gerne als Vorbild bezeichnet, reagierte verärgert. Erdogan sein ein respektabler Führer, «aber die Ägypter wollen einen islamischen Staat», erklärte ein Sprecher der Vereinigung gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Auch im liberalen Lager stösst der türkische Ministerpräsident nicht nur auf Zustimmung. Als er am Dienstag den Sitz der Arabischen Liga verliess, beschimpften ihn syrische Aktivisten laut CNN als «Feigling» – Erdogan hatte zur brutalen Unterdrückung des Volksaufstands in ihrer Heimat kein Wort verloren. Hier zeigen sich die Grenzen des Führungsanspruchs: Mit seinen Appellen zur Mässigung stösst Erdogan beim syrischen Präsidenten Baschar Assad auf taube Ohren. Auch sonst hat die Türkei in der Region bislang wenig bewegt.

Gewaltige Probleme im Innern

Kommentatoren vor allem in Deutschland verweisen darauf, dass der «starke Mann vom Bosporus» keineswegs so gut in Form ist, wie er sich gibt. Die Türkei habe «im Innern noch gewaltige Probleme zu bewältigen», schrieb etwa der «Tagesspiegel». Die Kurdenfrage bleibt trotz Fortschritten ungelöst, wie die zuletzt verstärkten Angriffe der kurdischen Arbeiterpartei PKK zeigen. Der Osten spürt wenig vom Wirtschaftswunder, und mit der Rechtsstaatlichkeit steht es nach wie vor nicht zum Besten.

Dennoch wäre es ein Fehler, Tayyip Erdogan zu unterschätzen. Der 57-Jährige ist ein cleverer Taktierer. Trotz steter Anfeindungen durch das kemalistisch-nationalistische Lager hat er dreimal die Parlamentswahl gewonnen und das Land reformiert. Während der Westen gegenüber dem «arabischen Frühling» eine zögerliche Haltung einnimmt, nicht zuletzt aus Angst vor der «islamistischen Gefahr», prescht er resolut vor und markiert Präsenz, auch wirtschaftlich – in seinem Schlepptau reist ein ganzes Bataillon Geschäftsleute.

Die Türken sehen im Umbruch und im immensen Nachholbedarf der jungen arabischen Gesellschaften in erster Linie eine Chance. Nichts verdeutlicht dies besser als Erdogans Besuch in Libyen am Donnerstag. Als erster ausländischer Regierungschef seit dem Fall von Tripolis erweist er der neuen Regierung seine Reverenz. Auch seine Provokationen sind in der Regel wohlkalkuliert. So rasselt er gegenüber Israel zwar verbal mit dem Säbel. Einen Besuch im Gaza-Streifen, mit dem er liebäugelte, sagte er jedoch ab.

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