Aktualisiert 23.09.2011 22:17

Kapazitätsgrenze erreichtDer Stau hat einen Feind - den Pannenstreifen

Schweizer stehen immer öfter im Stau. Die Lösung ist die temporäre Umnutzung des Pannenstreifens. Die Resultate eines Tests sind begeisternd, doch sie haben einen Haken.

von
A. Mustedanagic
A. Hirschberg
Wie hier im Tessin, heisst es immer öfter im Stau stehen. Die Rettung wäre die Umnutzung der Pannenstreifen - doch die Lösung hat einen Haken.

Wie hier im Tessin, heisst es immer öfter im Stau stehen. Die Rettung wäre die Umnutzung der Pannenstreifen - doch die Lösung hat einen Haken.

15 910 Stunden sind Herr und Frau Schweizer im vergangenen Jahr im Stau gestanden – 34 Prozent länger als noch im Vorjahr. Die Blechschlange bildet sich an neuralgischen Verkehrspunkten so zuverlässig wie die Warteschlange vor der Damentoilette. So reihten sich vor zwei Jahren zwischen Morges und Ecublens die Autos zu Stosszeiten bis auf eine länge von zehn Kilometer, wie der Jahresbericht 2010 des Bundesamtes für Strassen (ASTRA) zeigt.

Inzwischen geniessen die Reisenden in Richtung Genf und Lausanne auf dem vier Kilometer langen Teilstück freie Fahrt: Das Astra testet seit dem 18. Januar 2010 dort den Pannenstreifen als zusätzliche Fahrspur. Vormitttags zwischen 7.30 Uhr und 9.00 Uhr sowie abends zwischen 16.30 Uhr und 19.00 Uhr rollt der Verkehr seither auch über den Notstreifen – mit «ermutigendem» Ergebnis, wie es im Bericht wenig euphorisch heisst. Tatsächlich dürfte jeder Autofahrer über die Resultate euphorisch jubeln. Staulänge seither: 0 Kilometer. Reisezeitverlust: 0 Minuten. Und das obwohl der Verkehr während der Testphase um rund zehn Prozent auf der Strecke zugenommen hat. Nicht verändert hat sich die Unfallstatistik: mit oder ohne Pannenstreifen, die Lage auf der Strasse scheint erfreulich sicher.

Kostenpunkt: Sechs Millionen pro Kilometer

Die Reisenden auf der Nordumfahrung Zürich-Winterthur, die 2010 an 344 Tagen im Stau standen, können von den Resultaten im Waadtland nur träumen – auch in nächster Zukunft. Trotz der positiven Erfahrungen wird der Test nicht so schnell auf die übrigen problematischen Knotenpunkte wie beim Baregg-Tunnel, den Abschnitt Bern-Kriegstetten oder auch die Umfahrung Lausanne oder Genf angewendet. Nicht einmal Winterthur darf sich bald über den rollenden Verkehr auf dem Pannenstreifen freuen, obwohl die temporäre Umnutzung des Notstreifens dort längst thematisiert und auch angekündigt wurde.

Die Autobahn und der Pannenstreifen bei Winterthur wurden zwar überarbeitet und ausgebaut – für die Umnutzung ist der Notstreifen dennoch nicht gewappnet, sagt Guido Bielmann vom Astra. Ein normaler Pannenstreifen besitzt weder die Festigkeit noch die Breite oder die nötigen Ampeln, um die Blechlawine zu Spitzenzeiten auszuhalten. Die Anpassungen eines Pannenstreifens zu einem temporären Fahrstreifen sind teuer: Die vier Kilometer im Waadtland kosteten satte 30 Millionen Franken. Nicht zuletzt deshalb steht der Lösung des Verkehrskollapses zu Spitzenzeiten ein weiter Weg bevor.

Funktioniert der Pannenstreifen auch über mehrere Anschlüsse?

Wie Bielmann sagt, ist der Ausbau von Pannenstreifen auf weiteren Autobahn-Teilstücken noch weit entfernt. Es gibt aber Pläne drei bis sechs neuralgische Verkehrspunkte im Bereich von Grossagglomerationen auszubauen. Welche das werden, ist noch nicht entschieden, sagt Bielmann. Die Auswahl dürfte auch von den mittel- und langfristigen Resultaten des Testlaufs im Waadtland abhängen sowie auch von den problematischen Knotenpunkten selbst: zwischen Morges und Ecublens liegt nur eine Ausfahrt. Ob sich der Pannenstreifen auch bei mehreren Anschlüssen im Gebiet und auch auf längeren Teilstücken nutzen lässt, müsste in weiteren Pilotversuchen eruiert werden, heisst es dazu im Astra-Bericht.

Aber selbst nach dem Entscheid über die Orte wird das Thema dann erstmals zum Politikum. Das Parlament muss die Umnutzung bewilligen, erst danach könnte mit dem Ausbau begonnen werden. Der gesamte Prozess dürfte gemäss Bielmann mehrere Jahre dauern. Die Blechschlange dürfte also nirgends vor 2014 verschwinden.

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