Aktualisiert 03.10.2011 18:41

Protest in New YorkDer «Sturm» auf die Wall Street

Der Protest der Bewegung «Occupy Wall Street» nimmt Fahrt auf. Bisher wurde sie in den USA kaum ernst genommen – doch nach der Festnahme von 700 Aktivisten zeigen auch Promis Solidarität.

von
pbl

Hunderte Menschen in Batik-T-Shirts und Unterwäsche in den Farben der US-Flagge kampieren seit zwei Wochen im Zucotti Park im Finanzdistrikt von Manhattan, den sie in Liberty Park (Freiheitspark) umgetauft haben. Sie schlafen auf Luftmatratzen, sondieren die Nachrichtenlage auf ihren Laptops und veranstalten Trommel-Workshops. Auf die Toilette gehen sie in einer nahe gelegenen Filiale von McDonald's. Mehrmals am Tag marschieren sie zur Wall Street und skandieren Parolen wie: «So sieht Demokratie aus.»

Am Samstag waren mehrere hundert Demonstranten über die Brooklyn-Brücke gezogen. Einige blieben aber nicht auf dem Fussweg, sondern blockierten eine Fahrbahn. Es kam zu hitzigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mehr als 700 Protestierende festnahm. Die meisten wurden später wieder freigelassen. Bereits letzte Woche waren Videos von Auseinandersetzungen im Internet aufgetaucht. Auf einem ist ein Polizist zu sehen, der Pfefferspray in eine Gruppe Mädchen sprüht:

Unklare Ziele

Der Vorfall wurde in mehreren Artikeln und Kommentaren aufgegriffen. Die Festnahmen vom Samstag sorgte zusätzlich für Aufmerksamkeit. Damit hat die Bewegung, die sich «Occupy Wall Street» (Besetzt die Wall Street) nennt, ein wichtiges Ziel erreicht – endlich wird sie von den US-Medien wahrgenommen. Fernsehsender schickten Übertragungswagen zum Zucotti Park, Leitartikel verglichen sie mit der rechten Tea Party oder dem Tahrir-Platz in Kairo. Dabei ist nach wie vor nicht ganz klar, was die Demonstranten genau wollen.

«Als die ganzen staatlichen Hilfsgelder für Bonuszahlungen ausgegeben wurden, waren alle wütend. Aber niemand hat etwas getan, weil alle glaubten, sie könnten nichts tun», sagt der 22-jährige Jesse Wilson. «Nun ist es Zeit, zusammenzukommen und zu verstehen: Wir sind die Massen und wir können Dinge verändern.» Was verändert werden soll, kann der junge Mann jedoch nicht genau sagen. Auch handgemalte Transparente mit Slogans wie «Weniger ist mehr» und «Kapitalismus ist böse» machen die Sache nicht klarer.

Gegen Gier und Klimawandel

So richten sich einige Demonstranten gegen die Gier an der Wall Street, andere protestieren gegen die Klimaerwärmung und manche sagen, sie seien schlicht gegen die Obrigkeit. Es gibt Transparente gegen den Afghanistan-Krieg, die Hinrichtung von Troy Davis in Georgia, gegen die Zwangsräumungen von Häusern oder die lockere Geldpolitik der US-Notenbank. Grösster gemeinsamer Nenner scheint die Wut auf Wirtschaft und Politik in einem Land, in dem der «American Dream» für immer mehr Menschen zur Illusion geworden ist.

Doch schadet es dem Anliegen der Demonstranten überhaupt, dass sie keine konkreten Forderungen stellen? «Es geht viel um Gerechtigkeit. Es geht um die Frage, wer was in dieser Gesellschaft bekommt und wie viel Einfluss die Wirtschaft in Washington hat», sagt Bill Dobbs, der unter anderem 2004 an den Demonstrationen beim Parteitag der Republikaner teilgenommen hatte. Der Mangel an konkreten Forderungen sei sinnvoll, denn so könnten sich Unzufriedene mit unterschiedlichen Anliegen in den Protesten wiederfinden.

Promis solidarisieren sich

Diese ziehen nun weitere Kreise: In 21 weiteren Städten, darunter Boston, Los Angeles und Chicago, fanden Solidaritätskundgebungen statt. Die Demonstranten in New York werden von Prominenten wie den Schauspielern Alec Baldwin und Susan Sarandon unterstützt. Letzte Woche tauchte Filmemacher Michael Moore im Camp auf, und am Sonntag wandte sich der Wall-Street-Kritiker und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz persönlich an die Bewegung. Der Schriftsteller Salman Rushdie versicherte ihr via Twitter seine Solidarität.

Eine von vielen Essensspenden kam von einem Mann aus Ägypten, der einen New Yorker Pizzaladen anrief und dort für die Demonstranten bestellte. Mittlerweile werden täglich «Vollversammlungen» abgehalten, es gibt Krankenversorgung und einen Zugang zu Rechtshilfe für alle festgenommenen Demonstranten. Im Internet konzentriert sich die Kundgebung auf die Webseite occupywallstreet.org, auch eine eigene Zeitung wird mittlerweile herausgegeben. Der Titel lautet sinnigerweise «Occupy Wall Street Journal». (pbl/dapd)

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