Tieranwalt: «Der Stuten-Quäler ist psychisch gestört»
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Tieranwalt«Der Stuten-Quäler ist psychisch gestört»

Der ehemalige Zürcher Tieranwalt Antoine F. Goetschel erklärt im Interview, was für Menschen einer Stute die Zunge herausreissen und warum die Justiz Tierquälerei ernst nehmen soll.

von
Hannes von Wyl
Sabine Spielmann mit ihrer Stute Wicky, der die Zunge herausgerissen wurde.

Sabine Spielmann mit ihrer Stute Wicky, der die Zunge herausgerissen wurde.

Herr Goetschel, am Montag wurde im deutschen Grunholz in der Nähe von Laufenburg AG eine Stute gefunden, der ein Stück der Zunge fehlte. Die Polizei geht von einem Tierquäler aus. Was sind das für Menschen, die zu solchen Grausamkeiten fähig sind?

Antoine F. Goetschel: Es ist zwar unwahrscheinlich, aber durchaus möglich, dass dahinter kein Tierquäler steckt, sondern die Stute sich bei einem Unfall verletzte. Handelt es sich aber um einen menschlichen Täter, ist das ein aussergewöhnlicher Fall, denn vorsätzliche Tierquälerei kommt vergleichsweise selten vor. Dass sich der Tierquäler ein Pferd als Opfer aussuchte, kann darauf hindeuten, dass es sich um einen Zoosadisten handelt. Solche Menschen misshandeln Tiere zur sexuellen Befriedigung, was eine schwere psychische Störung darstellt. Das Pferd verbindet man auf der symbolischen Ebene mit Macht und Sexualität. Verstümmelungen an Pferden haben darum oft einen sexuellen Hintergrund.

Laut dem ehemaligen FBI-Profiler Robert K. Ressler beginnen spätere Mörder ihre Karriere oft mit Tierquälerei im Kindesalter. Geht von einem Menschen, der einem Pferd die Zunge herausreisst, eine Gefahr aus?

Studien zeigen, dass zwischen Tierquälerei und Gewalttaten an Menschen ein Zusammenhang besteht. Eine Person, die Tiere quält, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit gewalttätig gegenüber Menschen, als ein Mensch, der sorgsam mit Tieren umgeht. Die Justizbehörden müssen solche Grausamkeiten daher als Indiz für einen möglichen Gewalttäter sehen. Delikte gegen Tiere werden aber immer noch bagatellisiert. Da besteht dringender Handlungsbedarf.

Was können die Behörden tun?

Fälle von Tierquälerei muss die Justiz mit den gleichen Mitteln untersuchen, wie wenn es sich um einen Menschen handeln würde. Mit DNA-Proben und einer lückenlosen und schnellen Beweisaufnahme kann unter Umständen ein späterer Gewalttäter identifiziert werden.

Abgerissene Schwanenköpfe, ertränkte Katzen, aufgeschlitzte Euter: Fälle von Tierquälerei scheinen nicht selten zu sein. Steckt in jedem von uns ein Sadist?

Der grösste Teil der in der Schweiz festgestellten Tierdelikte sind fahrlässige, keine vorsätzlichen Taten. Die hauptsächliche Ursache von Tierquälerei ist Vernachlässigung. Hunde werden etwa im Auto in der Sonne gelassen und sterben qualvoll. Dahinter steckt dann keine böse Absicht, sondern schlicht Unachtsamkeit. Bei anderen Fällen spielt Macht eine wichtige Rolle: Der Hund wird dann misshandelt, wenn er nicht sofort spurt. Teilweise gibt es auch tierwidrige Handlungen aus praktischen Gründen, wenn der Bauer etwa über den Rücken seiner Kühe einen elektrischen Draht spannt, damit Kot und Urin nur am richtigen Ort landen. Die Möglichkeit zu fahrlässigem Verhalten steckt in jedem von uns. Vorsätzlich, also mit Willen und Wissen, einem Tier grosses Leid zuzufügen, dazu sind nur wenige fähig. Zoophilie, also die sexuell motivierte Liebe zu Tieren, tritt bei etwa 5 Prozent der Bevölkerung auf. Sadistische Zoophile gehören dabei zu einer kleinen Minderheit.

Peta setzt Belohnung aus

Die Tierrechtsorganisation Peta Deutschland hat eine Belohnung in Höhe von 1'000 Euro für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung des Täters führen. Kaltblütigen Handlungen gegenüber Tieren lägen oft schwerwiegende psychologische Störungen der Täter zugrunde, schreibt die Organisation in einer Mitteilung. Möglicherweise würden der oder die Täter auch vor Gewalt an Menschen nicht zurück schrecken. Dazu zitiert die Peta Aggressionsforscher Dr. Christoph Paulus an der Universität des Saarlandes: «Geschätzte 80 bis 90 Prozent aller extremen Gewalttäter haben vorher bereits Tiere gequält.»

Dr. iur. Antoine F. Goetschel ist Rechtsanwalt und Internationaler Berater für das Tier in Recht und Ethik. Der ehemalige Tieranwalt des Kantons Zürich bearbeitete in den drei Jahren in dieser Tätigkeit über 700 Fälle von Verstössen gegen das Tierschutzgesetz.

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