Unbegleitete Flüchtlingskinder: Der Tag, an dem Ahmad bei Frau Strub einzog
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Unbegleitete FlüchtlingskinderDer Tag, an dem Ahmad bei Frau Strub einzog

Ein afghanischer Flüchtlingsbub, der sich jahrelang alleine durchgeschlagen hat, lebt plötzlich in einer Schweizer Familie mit Regeln und Struktur. Kann das gut gehen?

von
Désirée Pomper
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Mira Strub (55) mit ihrem afghanischen Pflegesohn Ahmad (17): «Ich will in einigen Jahren in einer Aula sitzen und klatschen, wenn Ahmad sein eidgenössisches Lehrabschluss-Diplom in den Händen hält und ein selbstständiges Leben beginnen kann.»

Mira Strub (55) mit ihrem afghanischen Pflegesohn Ahmad (17): «Ich will in einigen Jahren in einer Aula sitzen und klatschen, wenn Ahmad sein eidgenössisches Lehrabschluss-Diplom in den Händen hält und ein selbstständiges Leben beginnen kann.»

Ahmad ist vor dreieinhalb Jahren mit 14 Jahren in die Schweiz gekommen. «Manchmal fühlte ich mich hier wie im Gefängnis. Ich war es nicht gewohnt, dass mir jemand sagt, wann ich zu Hause sein muss, dass wir zusammen essen sollen, dass ich nicht rauchen darf», sagt er rückblickend.

Ahmad ist vor dreieinhalb Jahren mit 14 Jahren in die Schweiz gekommen. «Manchmal fühlte ich mich hier wie im Gefängnis. Ich war es nicht gewohnt, dass mir jemand sagt, wann ich zu Hause sein muss, dass wir zusammen essen sollen, dass ich nicht rauchen darf», sagt er rückblickend.

Das Zusammenleben war nicht immer einfach. Ahmad musste, wie auch seine Pflegebrüder, regelmässig das Badezimmer putzen, staubsaugen, für die Schule lernen, das Handy um 23 Uhr abgeben. Doch auf Familienregeln hatte Ahmad lange keinen Bock.

Das Zusammenleben war nicht immer einfach. Ahmad musste, wie auch seine Pflegebrüder, regelmässig das Badezimmer putzen, staubsaugen, für die Schule lernen, das Handy um 23 Uhr abgeben. Doch auf Familienregeln hatte Ahmad lange keinen Bock.

Mira Strub legte einen Plüschesel auf Ahmads frisch bezogenes Kopfkissen, bevor sie an einem Dezemberabend vor über drei Jahren aufs Sozialamt Aarau fuhr. «Ich erwartete einen kleinen, von der Flucht ausgezehrten Jungen», erinnert sie sich. Stattdessen stand da ein hochgeschossener Bub. Sie erschrak. Wie, um Himmels willen, konnte sie das Vieh auf dem Bett noch rechtzeitig zum Verschwinden bringen? Auf der Heimfahrt legte Frau Strub eine CD mit arabischer Musik ein. Im Rückspiegel sah die 55-Jährige, wie Ahmad und ihr jüngster Sohn Nino Fussballbilder in ein Panini-Album einklebten und Spielernamen austauschten. Zu Hause stand ein afghanisches Reisgericht auf dem Tisch.

Als Ahmad erstmals Frau Strubs Haus im bernischen Langenthal betrat, fielen dem damals 14-Jährigen die nackten Böden auf. Keine weichen Teppiche überall wie zu Hause. Ahmad wunderte sich über die Sprache, den Reis, der im Wasser statt im Öl gekocht wurde, und über die Post-its mit seltsamen Zeichen, die auf jedem Gegenstand klebten. Hätte Ahmad lesen können, hätte er die Wörter in der neuen Sprache entziffern können: Fenster. Stuhl. Gabel. Messer. Zahnbürste. Ahmad legte sich in das Bett, das nun seines war. Erstmals kein fremder Atem im Schlafzimer. Dafür Gitarrenklänge aus der Stube. «Ich war in einer anderen Welt gelandet», sagt Ahmad.

Drei Wochen nach seiner Ankunft sagte Ahmad «Mama» zu ihr.

«Ich dachte, vielleicht hat der Bub Angst und die Musik entspannt ihn», erinnert sich die 55-jährige alleinerziehende Mutter von vier Kindern zwischen 16 und 30 Jahren. Dass nun ein minderjähriger unbegleiteter Asylbewerber in ihrem Haus lebte, hatte sie Nino zu verdanken. Der Nachzügler hatte sich noch einen Bruder gewünscht. Als sie hörte, dass Pflegefamilien für junge Flüchtlinge gesucht wurden, meldete sie sich. «Das war auch meine Art, Verantwortung zu übernehmen für die Flüchtlingskrise, die wir mitverschulden», sagt die Kunsttherapeutin.

Mira Strub (55) hat vier eigene Kinder, arbeitet zu 60 Prozent als Kunsttherapeutin und ist alleinerziehend.

Nachts schlich sich Nino in Ahmads Zimmer. Sie spielten heimlich Playstation, schauten Fernsehen, quatschten bis nach Mitternacht. Tagsüber spielten sie Fussball. Als sich Ahmad beim Sport verletzte, setzte Frau Strub ihm nach Anleitung des Arztes regelmässig eine Spritze. Frau Strubs Hundedame legte sich auf sein Bett. Das verstiess zwar gegen die Hausregeln. «Aber bei Ahmad machte ich eine Ausnahme. Ich dachte, der Hund muntere ihn auf.» Zum Geburtstag schenkte Frau Strub Ahmad ein Handy. An seinem ersten Schultag machte sie ein Foto von ihm. Fand er nachts nicht in den Schlaf, streichelte sie dem Pflegesohn über den Arm. Drei Wochen nach seiner Ankunft sagte Ahmad «Mama» zu ihr.

Später sollte Ahmad seinen Freunden erzählen: «Ich habe eine Mutter, die mich auf die Welt gebracht hat. Und eine Mutter, die mir gezeigt hat, wie ich mich in dieser Welt zurechtfinde.» Frau Strub erinnere ihn manchmal an seine richtige Mutter. Auch sie sei einfühlsam, lustig und energisch. «Und beide lieben es, zu diskutieren.» Er vermisse sie irrsinnig, seine richtige Mutter. Ein- bis zweimal pro Monat telefoniert er mit ihr. Sobald er den Ausweis B hat, will er seine Eltern und Geschwister besuchen.

Als er sich einmal weigerte, den Abfallsack zu entsorgen, stellte ihn Frau Strub kurzerhand in sein Zimmer.

Wenn Frau Strub zur Arbeit ging, ass Ahmad nach der Schule beim Grosi zu Mittag. Sie lehrte den Jungen, der noch nie eine Schule besucht hatte, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Zahl für Zahl. «Gell Ahmad, wir haben es immer gut zusammen. Wir umarmen uns, wenn wir uns sehen. Wir haben nie Streit.» Ahmad nickt. «Ja, Grosi. So ist es.»

Die Spannungen begannen nach etwa einem Jahr. Ahmad sollte wie seine zwei Pflegebrüder, die noch zu Hause leben, regelmässig das Badezimmer putzen, staubsaugen, für die Schule lernen, das Handy um 23 Uhr abgeben. Doch auf Ämtli und Regeln hatte Ahmad keinen Bock. Als er sich einmal weigerte, den Abfallsack zu entsorgen, stellte ihn Frau Strub kurzerhand in sein Zimmer. Richtig wütend wurde Ahmad, als er das Handy nicht ins Sommerlager mitnehmen durfte, so wie es die Leitung vorschrieb. «Ich dachte, Ahmad wolle sich aus kulturellen Gründen einfach nichts von einer Frau sagen lassen. Da habe ich erst recht den Chef markiert.» Sie würde lügen, wenn sie sagte, sie habe nie mit dem Gedanken gespielt, das Projekt abzubrechen. Doch sie verwarf den Gedanken schnell: «Ahmad gehörte bereits zu unserer Familie. Wir konnten ihn nicht wie einen nassen Regenschirm einfach in die Ecke stellen.» Und da war auch ihr Sohn Nino. «Wenn du ihn wegschickst, gehe ich auch», sagte er. Ahmad blieb.

«Manchmal fühlte ich mich hier wie im Gefängnis. Früher machte ich, was ich wollte.»

Auch der Flüchtling spielte mit dem Gedanken, die Schweizer Familie zu verlassen und in ein Asylheim zu ziehen. «Manchmal fühlte ich mich hier wie im Gefängnis. Ich war es nicht gewohnt, dass mir jemand sagt, wann ich zu Hause sein muss, dass wir zusammen essen sollen, dass ich nicht rauchen darf», sagt er rückblickend.

Ahmad (17) wird nach nur dreieinhalb Schuljahren im August eine Lehre als Logistiker beginnen.

Er sei in einer Welt gross geworden, in der jeder das machen konnte, was er wollte. Gemäss Ahmads Erzählungen lebte er zwischen dem 8. und 14. Lebensjahr alleine ohne seine Familie mit Jugendlichen zusammen in einer Fabrik im Iran. Dorthin war seine afghanische Familie aus politischen Gründen geflüchtet. In der Fabrik nähte Ahmad Taschen und Rucksäcke und schlief mit den Jugendlichen in einem grossen Schlafsaal.

Er sei auf sich alleine gestellt gewesen, als er verprügelt wurde. Als er während seiner späteren Flucht nach Europa Dutzende Kilometer laufen musste. Als er an der iranisch-türkischen Grenze vom Militär beschossen wurde. Frau Strub habe gedacht, er sei noch ein Kind. «Dabei war ich in meinem Kopf schon ein alter Mann.» Trotz den Familienregeln beschloss Ahmad durchzuhalten.

«Da war erstmals dieser Gedanke. Dass ich nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich nicht alleine bin.»

Im Februar dieses Jahres klingelte Frau Strubs Telefon. Ahmad lag nach einem Streit mit gebrochener Nase im Spital. Sie raste ins Krankenhaus und verbrachte die ganze Nacht an seinem Bett. Seine Pflegebrüder und -schwestern brachten ihm Schokolade und eine Zimmerpflanze. «In zwei Monaten wirst du wieder der Alte sein», ermunterten sie ihn.

In diesen Tagen im Spitalbett änderte sich etwas: «Da war erstmals dieser Gedanke, wie wunderschön es ist, eine Familie zu haben. Dass ich mich fallen lassen kann und aufgefangen werde. Dass ich nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich nicht alleine bin», sagt Ahmad. Eine Familie verlange viel, aber sie gebe noch mehr zurück. Unterstützung, Zuversicht, Gemeinschaft. «Geld kommt und geht. Freunde kommen und gehen. Frau Strub und meine Geschwister dagegen bleiben. Sie sind einfach da.» Er habe Frau Strub bisher nie richtig für alles gedankt. Die Worte kämen ihm einfach nicht über die Lippen. «Aber eines Tages will ich meiner Schweizer Mutter helfen, so wie sie mir geholfen hat.»

«Ich will in einigen Jahren in einer Aula sitzen und klatschen, wenn Ahmad sein eidgenössisches Lehrabschluss-Diplom in den Händen hält.»

Bald wird Ahmad 18. Dann erhält Frau Strub kein Geld mehr für Kost, Logis und Betreuung von der Gemeinde und vom Kanton, sondern nur noch einen kostendeckenden Betrag. Sie könnte sagen: «So, jetzt bist du erwachsen» und Ahmad weiterziehen lassen in ein Asylheim. Doch sie kann es nicht. Obwohl die Bernerin müde ist und manchmal das Gefühl hat, dass ihr jüngster Sohn Nino mehr Aufmerksamkeit braucht.

Im August beginnt Ahmad eine Lehre als Logistiker. «Ich will in einigen Jahren in einer Aula sitzen und klatschen, wenn Ahmad sein eidgenössisches Lehrabschluss-Diplom in den Händen hält und ein selbstständiges Leben beginnen kann. Diesen Traum, für den wir alle gekämpft haben, will ich nicht aufs Spiel setzen.»

«Als Kind in der Fabrik dachte ich, entweder bin ich mit 18 tot oder im Gefängnis.»

Ahmad mit dem Lehrabschluss: Es wäre der Verdienst aller. Von Frau Strub, die gelernt hat, afghanisch zu kochen und stundenlang mit Ahmad für Prüfungen gebüffelt hat. Den Pflegegeschwistern, die sich auf einen Fremden eingelassen und sich ohne zu murren ein Stück zurückgenommen haben. Und von Ahmad. «Als Kind in der Fabrik dachte ich, entweder bin ich mit 18 tot oder im Gefängnis. Jetzt lebe ich in Freiheit, beginne eine Lehre und habe eine zweite Familie. Mein Ziel ist es, meine Lehre erfolgreich abzuschliessen: «Für meine richtige Mutter, meine Schweizer Mutter, aber vor allem für mich selber.»

400 unbegleitete minderjährige Asylsuchende

2500 unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA), die 2015 in die Schweiz kamen. Einige von ihnen kamen in Pflegefamilien unter. Seither ist die Zahl der UMA stark zurückgegangen. 2018 kamen 401 Kinder und Jugendliche allein in die Schweiz. 28 davon waren 8 bis 12 Jahre alt. Die meisten UMA stammen aus Afghanistan, Eritrea und Somalia.

2000 und 2500 Franken.

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