Aktualisiert 06.06.2005 13:22

Der tiefe Fall des King of Pop

Unabhängig vom Spruch der Geschworenen im Kindesmissbrauchsprozess von Santa Monica: Michael Jackson ist am Ende.

Künstlerisch stürzte er bereits 1993 ins Bodenlose, als seine Welttournee inmitten der ersten Vorwürfe eines Kindesmissbrauchs scheiterte. Nach einer Millionenzahlung an die Familie des damals klagenden Jugendlichen kam es 1994 zwar nicht mehr zum Prozess. Aber Jackson, bis dahin wegen mehr als 260 Millionen weltweit verkaufter Tonträger als «King of Pop» anerkannt, hatte seitdem keinen Hit mehr.

Der künstlerische Niedergang - nach den Retro-Alben «HIStory» und «Blood On The Dancefloor» floppte das 2001 mit dem trotzigen Titel «Invincible» («Unbesiegbar») veröffentlichte Album - wurde von einer Demontage der Person, des Menschen Michael Jackson begleitet. Die Ehe mit Lisa Marie Presley, die 1995 nach 20 Monaten auseinander ging, wurde als PR-Manöver aufgefasst. Kurz danach heiratete er die Krankenschwester Debbie Rowe. Aus der geschäftsmässig arrangierten Ehe gingen die beiden Kinder Prince Michael (1997) und Paris (1998) hervor. Die Mutter von dem 2002 geborenen Prince Michael II ist bis heute nicht bekannt.

Das alles machte Jackson mehr und mehr zur Zielscheibe der Klatschpresse, die auch zunehmend mitleidlos den körperlichen Zerfall des mehrfach plastisch operierten Sängers registrierte und beschrieb. Nun sollen Michael-Jackson-Masken in den USA der Renner für Halloween werden. Vom «King of Pop» zum Halloween-Schreckgespenst führte der tiefe Fall des Michael Jackson.

In seiner schwersten Krise zeigte sich zwar, dass Michael Jackson auf Freunde wie Elizabeth Taylor und Macaulay Culkin zählen kann. Und dass ihm immer noch hunderte Fans zu jedem Verhandlungstag vor Gericht ihr Vertrauen demonstrieren. Aber Jackson, dem seine Anwälte nahe legten zu schweigen, schien von Tag zu Tag einsamer, und die seit Prozessbeginn im Januar täglich um die Welt gegangenen Fotos zeigten ihn zunehmend zerbrechlich: Seine ihn begleitenden Eltern Joseph und Katherine, beide Mitte 70, wirkten neben ihm gesünder. Am 29. August wird er 47 Jahre alt.

Michael wurde als siebtes von neun Kindern in Gary im US-Staat Indiana geboren. Sein Vater verdiente wenig als Kranfahrer. Mit fünf Jahren stand er mit seinen Brüdern Jermaine, Tito, Marlon und Randy zum ersten Mal auf der Bühne; dass die von Vater Jackson mit harter Hand gemanagte Boygroup The Jackson Five Talentwettbewerb um Talentwettbewerb gewann, gilt als Michaels Verdienst. 1969 bekam die Gruppe einen Plattenvertrag beim legendären Soul-Label Motown; die ersten vier Singles «ABC», «I Want You Back», «The Love You Save» und «I'll Be there» wurden allesamt Nummer-1-Hits in den USA. Unterstützt wurden die Jackson Five von Diana Ross, die sie in ihrer Wohltätigkeitsshow auftreten liess; später wurde Michael Produzent und Songwriter für die Soul-Diva.

1976 nannte sich die Gesangsgruppe nur noch The Jacksons; Michael hatte da bereits erste Solohits mit «Ben» und «One Day In Your Life». Die Jacksons lösten sich 1984 auf; doch schon davor landete ihr Lead-Sänger den kommerziell grössten Coup der Popgeschichte: Das Album «Thriller» trat 1982 einen wahren Siegeszug um die Welt an; bis heute wurden 60 Millionen davon verkauft. Der Nachfolger «Bad» brachte es auf 30 und danach «Dangerous» auf rund 15 Millionen verkaufte Tonträger. Bis Ende der 80er Jahre wurden seine Alben von Quincy Jones mit den besten Studiomusikern produziert.

Noch vor der MTV-Ära waren Jacksons Musik-Videos revolutionär. Gedreht wurden sie von bekannten Regisseuren. Jacksons Tanzeinlagen - insbesondere sein «Moonwalk» - setzten Massstäbe. Aus «Thriller» wurden sieben Singles ausgekoppelt, die in den USA in die Top Ten gingen.

«Slave to the rhythm»

Jackson ist mehrfacher Grammy-Gewinner; allein für «Thriller» erhielt er sieben Auszeichnungen. Er schrieb 1985 mit Lionel Ritchie den Titel «We Are The World» für die Band-Aid-Aktion für Afrika; später gründete er die Stiftung «Heal The World». 1986 lud er die 14-jährige Donna Ashlock nach einer Herztransplantation überraschend auf seine Neverland Ranch ein. Sein Lebensstil dort in einer Art Freizeitpark galt schon damals als bizarr: Bei den Aufnahmen für «Bad» bestand er auf die Anwesenheit seiner Riesenschlange «Crusher» und seines Schimpansen-Freundes «Bubbles».

1984 erlitt er bei einem Unfall mit Feuerwerkskörpern für einen Pepsi-Werbespot Verbrennungen zweiten Grades; der damalige Präsident Ronald Reagan wünschte ihm gute Besserung. Noch 1990 wurde er von Präsident George Bush ins Weisse Haus eingeladen und 1991 unterschrieb er als erster Entertainer einen Milliardenvertrag - allein der Vorschuss betrug 18 Millionen Dollar.

Die Öffentlichkeit war schon vor dem Skandal um den in seinem Bett übernachtenden Jungen an seinem Sexleben interessiert. Die TV-Moderatorin Oprah Winfrey fragte ihn im Februar 1993, ob er noch «Jungfrau» sei. Jackson sagte, er zwei Mal verliebt gewesen und gehe mit Brooke Shields aus. Die Namen seiner Geliebten nenne er nicht, weil er Gentleman sei. Auf die Frage, warum er sich beim Singen und Tanzen immer in den Schritt fasse, sagte er: «I'm slave to the rhythm.»

(dapd)

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