Russland: Der Tod des letzten Zaren
Aktualisiert

RusslandDer Tod des letzten Zaren

Hunderttausende Russen haben heute der Opfer einer Mordnacht vor 90 Jahren gedacht: In der Nacht auf den 17. Juli 1918 exekutierten die Sowjets die Zarenfamilie.

In Russland haben hunderttausende Gläubige in allen orthodoxen Kirchen des Landes der vor 90 Jahren ermordeten Zarenfamilie gedacht.

In der Stadt Jekaterinburg versammelten sich in der Nacht zum Donnerstag etwa 35 000 Orthodoxe zum Gebet an der Blutskirche, die an der Stelle der Ermordung von Zar Nikolaus II. und seiner Angehörigen steht. Die russisch-orthodoxe Kirche sprach den letzten Zaren und seine Familie im Jahr 2000 heilig.

Abdankung und Verbannung

Im Gefolge der Februarrevolution musste Zar Nikolaus II. im März 1917 abdanken. Die provisorische Regierung liess die Zarenfamilie kurz darauf inhaftieren. Zu Beginn handelte es sich nur um einen Hausarrest ohne weitere Beeinträchtigungen, aber die Lage der Familie verschlimmerte sich zusehends. Am 13. August 1917 wurde sie nach Tobolsk in Sibirien deportiert — ein Schicksal, das zuvor zahllose Gegner des zaristischen Regimes ereilt hatte.

Mit der Machtübernahme der Bolschewiki in der Oktoberrevolution verschlechterte sich die Situation der Romanows weiter. Die neuen Machthaber planten ursprünglich, den Zaren in einem Schauprozess vor Gericht zu stellen, aber der Bürgerkrieg zwischen der Roten und der Weissen Armee machte die Überstellung in die neue Hauptstadt Moskau schwierig. Von Ende April bis Mitte Mai 1918 wurden aber alle Romanows und ihre Bediensteten nach Jekaterinburg gebracht, wo sie vom Gebietssowjet im beschlagnahmten Haus des Ingenieurs Ipatjew einquartiert wurden.

Die Hinrichtung

In den ersten Juliwochen wurde das Schicksal der Romanows besiegelt. Lenin fand einen Prozess gegen den Zaren zu riskant; zugleich durfte der abgesetzte Monarch auf keinen Fall der Weissen Armee in die Hände fallen, die sich Jekaterinburg näherte.

Nun übernahm die lokale Tscheka (die politische Polizei der Sowjets) unter der Leitung von Jakow Jurowski die Bewachung der Zarenfamilie. Jurowski organisierte die Hinrichtung; in der Nacht auf den 17. Juli wurden die Romanows und ihre Dienstboten unter einem Vorwand in den Keller des Ipatjew-Hauses gebracht, wo sie sich in zwei Reihen aufstellen mussten — für eine fotografische Aufnahme, wie ihnen gesagt wurde.

Doch statt eines Fotografen trat ein Trupp bewaffneter Männer herein: das Erschiessungskommando. Jurowski eröffnete dem Zaren den Hinrichtungsbeschluss der Regierung, worauf Nikolaus II. noch sagen konnte: «Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.»

Dann fielen die ersten Schüsse. Der Zar starb zuerst, da alle Schützen auf ihn gezielt hatten. Danach begann eine wilde Schiesserei, aber mehrere der Todeskandidaten starben nicht sofort. Die Schützen begannen daher, mit Bajonetten auf ihre Opfer einzustechen.

Später entdeckten die Männer des Exekutionskommandos, dass die Zarin und ihre Töchter sowie einige Dienstbotinnen Schmuck in ihre Mieder eingenäht hatten. Dies hatte ihre Ermordung erschwert.

Feuer und Säure

Jurowski liess die Leichen zuerst in einen Bergwerksschacht in der Nähe des Dorfes Koptjaki werfen. Schon am nächsten Tag aber entschied er sich, die sterblichen Überreste gründlicher zu beseitigen. Ein Teil der Leichen wurde verbrannt, den anderen schüttete man Säure ins Gesicht, um sie unkenntlich zu machen. Schliesslich wurden sie in einer Grube verscharrt. Die Truppen der Weissen Armee, die Tage später Jekaterinburg einnahmen, fanden Spuren der Hinrichtung im Ipatjew-Haus, aber kein Grab.

Fund in Etappen

1979 wurden die Überreste von Privatleuten gefunden, aber in der UdSSR war die Exekution der Romanows nach wie vor ein Tabu-Thema. Erst kurz vor dem Untergang der Sowjetunion 1991 wurden die Leichen exhumiert und danach in langwierigen gentechnischen Untersuchungen zweifelsfrei identifiziert. Allerdings fehlten zwei Leichen, nämlich jene des Thronfolgers Alexej, des einzigen Sohns des Zaren, und vermutlich jene von Maria. Sie wurden erst im August 2007 gefunden.

(dhr/sda)

Quelle: Wikipedia.org

Das Rätsel um Anastasia

Lange hielt sich das Gerücht, die jüngste Tochter des Zaren, Anastasia Nikolajewna Romanowa, habe das Blutbad überlebt. In minderem Masse wurde auch über den Verbleib von Thronfolger Alexej und Prinzessin Maria spekuliert.

Beim Fund der sterblichen Überreste 1991 wurde eine der Leichen als Anastasia identifiziert, aber die zwei Jahre ältere Schwester Maria hatte ähnlich ausgesehen wie Anastasia. Erst die Untersuchung der 2007 gefundenen zwei Leichen brachte Klarheit: Es handelte sich um Maria und Alexej.

Mehrere Hochstaplerinnen, darunter die bekannte Anna Anderson, hatten während Jahrzehnten behauptet, sie seien Anastasia.

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