Fataler Nebel: Der Todesflug der Swissair-Caravelle

Aktualisiert

Fataler NebelDer Todesflug der Swissair-Caravelle

Vor 50 Jahren stürzte eine Swissair-Maschine bei Dürrenäsch ab. Die erste grosse Luftfahrt-Katastrophe in der Schweiz riss 80 Menschen in den Tod und machte 39 Kinder zu Waisen.

von
dhr

Am 4. September 1963 frühmorgens hob die Caravelle III «Schaffhausen» der Swissair in Zürich-Kloten ab. An Bord von SR 306 mit Kurs auf Genf und Rom befanden sich 74 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder. Dichter Nebel lag über dem Mittelland, doch der moderne Passagierjet erhielt vom Tower die Starterlaubnis.

Kurz nach dem Take-off war Feuer an der linken Rumpf-Unterseite der Caravelle beobachtet worden. Auf 2700 Metern Höhe begann sie zu sinken. Immer mehr Teile lösten sich von der brennenden Maschine, die in steilem Stechflug auf den Boden zuschoss.

Heftiger Aufprall

Um 7:21 Uhr setzte der Pilot noch einen Notruf ab; um 7:22 Uhr – nur neun Minuten nach ihrem Start – stürzte die Caravelle mit hoher Geschwindigkeit am östlichen Dorfrand der Aargauer Gemeinde Dürrenäsch in einen Acker. Der Aufprall war so heftig, dass sich die Maschine acht Meter tief in den Boden bohrte und dann explodierte. Niemand an Bord von SR 306 überlebte.

43 der 80 Todesopfer kamen aus Humlikon im Zürcher Weinland. Es waren Mitglieder der örtlichen Milchgenossenschaft, die auf ihrem Herbstausflug eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt in der Nähe von Genf besuchen wollten. Das kleine Dorf verlor damit auf einen Schlag einen Fünftel seiner damals 217 Einwohner. Unter den Toten waren alle Gemeinderäte, alle Schulpfleger und der Posthalter. 39 Kinder wurden zu Vollwaisen, fünf weitere verloren einen Elternteil.

Belagerte Dörfer

In Dürrenäsch dagegen wurde wie durch ein Wunder niemand verletzt. Mehrere Gebäude wurden aber beschädigt, als das brennende Flugzeug nur einige Meter vom Dorfrand entfernt auf dem Boden aufprallte. An der Absturzstelle erinnert heute ein Gedenkstein an die Opfer des Unglücks vor 50 Jahren.

Nach der Katastrophe wurden die beiden Dörfer von Gaffern und der Boulevardpresse belagert. In Humlikon scheuten manche Reporter nicht davor zurück, in Häuser einzudringen und weinende Kinder zu fotografieren. Darauf schirmten die Behörden das Dorf von der Aussenwelt ab. Die Trauerfeier für alle Opfer des Absturzes fand im Zürcher Fraumünster statt. In der Kirche von Andelfingen nahm zwei Tage später eine riesige Menschenmenge Abschied von den Opfern aus Humlikon.

Pilot konnte nichts merken

Die Flugschreiber gaben keine Hinweise auf die Absturzursache. Sicher war, dass die Maschine noch während des Flugs in Brand geraten war. Felgenteile und Spuren von Hydraulikflüssigkeit, die auf der Piste gefunden wurden, liessen darauf schliessen, dass sich das Fahrwerk überhitzt und eine der Magnesiumfelgen deswegen gebrochen war. Dabei wurde vermutlich auch eine Hydraulikleitung beschädigt. Beim Einzug des Fahrwerks in den Schacht entzündete sich das auslaufende Öl, als es mit glühenden Teilen des Fahrwerks in Kontakt kam. Die Folge war ein totaler Ausfall der Hydraulik – das Flugzeug war nicht mehr steuerbar.

Ursache für den Bruch der Felge war ein Rollmanöver vor dem Start, das damals noch üblich war: Bei dichtem Nebel wurde die Piste vor dem Take-off «freigeblasen». Dazu fuhr der Pilot die Piste hinunter, wendete und kehrte zur Startposition zurück, wobei er in regelmässigen Abständen anhielt und die Triebwerke bei angezogenen Bremsen zehn bis fünfzehn Sekunden lang hochfuhr. Der heisse Strahl aus den Triebwerken befreite die Piste auf einer Länge von mehreren hundert Metern für ein paar Minuten vom Nebel.

Dieses Vefahren beanspruchte die Radbremsen sehr stark, doch bis dahin hatte das nicht als problematisch gegolten. Nach der Katastrophe von Dürrenäsch wurde bei den Caravelle-Maschinen ein Warnsystem eingebaut: Bei überhitztem Fahrwerk leuchtete nun im Cockpit eine Warnlampe auf.

«Flugzeugabsturz in Dürrenäsch 1963» (Quelle: Youtube/SRF Archiv)

Archivbilder des Schweizer Fernsehens vom 4. September 1963(Quelle: Youtube/journalletemps)

Archivbilder des Schweizer Fernsehens vom 5. und 9. September 1963(Quelle: Youtube/journalletemps) (dhr/sda)

«Das Trauma von Dürrenäsch»

Das Schweizer Fernsehen berichtet in der Sendung «Dok» über die Ereignisse von Dürrenäsch.

Donnerstag, 5. September 2013

20:05 Uhr

SRF 1

Schlichte Gedenkfeier in Dürrenäsch

Die vom Flugzeugabsturz von 1963 betroffene Gemeinde Humlikon gedenkt des traurigen Ereignisses vor 50 Jahren. Bei der Absturzstelle in Dürrenäsch legen Einwohner am 4. September einen Kranz nieder.

Rund 50 Huemlikerinnen und Huemliker fahren mit einem Bus nach Dürrenäsch und nehmen an einer Gedenkveranstaltung teil. Anschliessend lädt die Gemeinde Humlikon zu einem Mittagessen in Dürrenäsch ein. Auf der Rückfahrt ist ein Besuch der Grabstätte in Andelfingen vorgesehen.

Die Gemeinden Dürrenäsch und Humlikon seien schon vor ein paar Jahren übereingekommen, dass man aus den Jahrestagen der Katastrophe keine grosse Sache mehr machen wolle, sagte der Dürrenäscher Gemeindeammann Hansjörg Hintermann auf Anfrage. Am 50. Jahrestag sei aber eine Gedenkfeier angebracht.

(sda)

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