Mit Schmetterlingstüren und Glasdach war der Toyota Sera ein reines Spassauto
Praktischer Nutzen war beim Toyota Sera so wenig gefordert, dass er nicht einmal konventionelle Türen bekam, sondern seine Pforten wie Schmetterlingsflügel gen Himmel recken durfte. 

Praktischer Nutzen war beim Toyota Sera so wenig gefordert, dass er nicht einmal konventionelle Türen bekam, sondern seine Pforten wie Schmetterlingsflügel gen Himmel recken durfte.

RM Sotheby’s / www.zwischengas.com
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Futuristisches ÄusseresDer Toyota Sera war ein reines Spassauto

Mit seinen Schmetterlingstüren wirkte der Toyota Sera äusserlich futuristisch, die Technik bot aber kaum Neuerungen. Nach Europa schaffte er es nie.

von
Paul Krüger

Mitte der 80er-Jahre galt Toyota – seit 1950 der grösste japanische Autobauer – als langweilig, konservativ und Massenmarkt-orientiert. Um auch bei jüngeren Käufern anzukommen, sollte ein unkonventionelles Auto her, das gezielt für die jugendliche Zielgruppe konzipiert werden sollte. Deshalb startete Chef-Ingenieur Mikio Kaneko 1983 das «Young Project», aus dem 1987 die Studie Toyota AXV-II hervorging. Designer Yao Hiroyuki, der im April 1985 zum Young-Project-Team gestossen war, hatte ein extrem futuristisches Fahrzeug entworfen: die Gürtellinie verlief etwa auf halber Höhe des Autos, fast alles darüber bestand aus Glas. Nur der Windschutzscheibenrahmen, ein schmaler Streifen von B-Säule zu B-Säule sowie ein Bügel nach Art amerikanischer T-Tops, der die beiden Rahmen verband, waren aus Blech. Auffälligstes Merkmal waren jedoch die mächtigen Schmetterlingstüren, die an Fuss- und Kopfende der A-Säulen angeschlagen waren.

Wenig futuristische Technik

Zwei Jahre später wurde die Serien-Version namens Toyota Sera auf der Tokyo Motor Show präsentiert. Optisch hatte sich der Serien-Sera im Vergleich zur Studie kaum verändert. Scheinwerfer und Kühlergrill waren noch flacher geworden, das Heck etwas weniger pummelig und die Rückleuchten sassen ein Stück tiefer. Doch der Rest der organisch gerundeten, glattflächigen Karosserie ähnelte stark dem ursprünglichen Entwurf. Sogar die Schmetterlingstüren waren geblieben. Technisch gab sich der Sera weit weniger futuristisch. Sein gesamtes Rückgrat teilte er sich mit dem Toyota Starlet. Den quer eingebauten, 110 PS starken 1,5-Liter-Vierzylinder, der die Vorderräder antreibt, lieh er sich vom Toyota Paseo.

Vorbote aus dem Jahr 2000: Corolla, Carina und Camry sahen 1990 deutlich konservativer aus.

Vorbote aus dem Jahr 2000: Corolla, Carina und Camry sahen 1990 deutlich konservativer aus.

RM Sotheby’s / www.zwischengas.com
McLaren-Ingenieur Gordon Murray liess sich vom Sera für die Türen des legendären F1 inspirieren.

McLaren-Ingenieur Gordon Murray liess sich vom Sera für die Türen des legendären F1 inspirieren.

RM Sotheby’s / www.zwischengas.com
Lebenslange Garantie gegen Durchrostung: die Heckklappe besteht komplett aus Glas.

Lebenslange Garantie gegen Durchrostung: die Heckklappe besteht komplett aus Glas.

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Die Serienfertigung begann am 9. Februar 1990, ab 8. März stand der Sera für 1,6 Millionen Yen (zum damaligen Wechselkurs etwa 27'000 Franken) bei den Händlern. Freilich nur in Japan. Obwohl Automobil-Revue und Auto Motor und Sport im Frühjahr 1990 noch davon schrieben, dass der Sera ab 1991 auch in Europa zu haben sein werde, blieb der Schmetterlings-Toyota Zeit seiner Bauzeit seinem Heimatmarkt vorbehalten. Nur vereinzelt dümpelten Toyota Sera als Grauimporte in andere Länder mit Linksverkehr. Von den laut offizieller Zählung 15'941 gebauten Autos blieben 15'892 in Japan.

Soundsystem und Klimaanlage

Interessanterweise wurden rund 90 Prozent aller Toyota Sera mit Vierstufen-Automatikgetriebe bestellt, was so überhaupt nicht dem Geschmack des typischen jungen Autokäufers entspricht. Das heute wohl bekannteste Extra dagegen schon: für 206'000 Yen Aufpreis rüstete Toyota den Sera mit «Super Live Sound System» aus, das aus zehn Lautsprechern bestand und in den Modi «Casual» und «Funky» betrieben werden konnte – je nachdem, ob der Fahrer sich selbst oder seine Umwelt mit Musik beschallen wollte. Serienmässig an Bord war dagegen eine Klimaanlage. Die war auch bitter nötig, denn dank der grossen, gewölbten Glasflächen heizte sich der Innenraum des kleinen Toyota sehr stark auf.

Japan vorbehalten

Da sie 1990 noch davon ausgingen, dass es der Sera auch bald in den Westen schaffen würde, veröffentlichen Automobil-Revue und AMS sogar je einen kurzen Fahrbericht über das eigenwillige Coupé. Die Schweizer freuten sich darüber, dass im Sera dank der völligen Verglasung auch ohne Fahrtwind Cabrio-Feeling aufkomme. Die Deutschen zeigten sich erfreut über die stattliche Serienausstattung und rechneten mit einem Verkaufspreis von knapp DM 50'000 – vergeblich. Am 14. Dezember 1995 lief der letzte Toyota Sera vom Band. Einen Nachfolger bekam er nicht. Letztendlich siegte wohl doch die Vernunft.

Eine ausführliche Modellchronik sowie viele weitere Bilder gibt es auf www.zwischengas.com zu lesen und zu sehen.

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